Lyde

[13]Lyde,

eine Erzählung.

Euer Beyfall macht mich freyer,Mädgen, hört ein neues Lied.Doch verzeyht, wenn meine LeyerNicht von jenem heil’gen Feuer

5Der geweyhten Dichter glüht.

[14]Hört von mir, was wenig wissen,

Hört’s, und denket nach dabey:Daß, wenn zwey sich zärtlich küssen,Gern sich sehn, und ungern missen,

10Es nicht stets aus Liebe sey.

Lyde brannt’ von einem BlikkeFür Aminen, er für sie;Doch ein wiedriges GeschikkeHinderte noch beyder Glükke,

15Ihre Aeltern schliefen nie.

[15]Wachsamkeit wird euch nichts taugen,

Wenn die Töchter unser sind;Aeltern habet hundert Augen,Mädgen, wenn sie List gebrauchen,

20Machen hundert Augen blind.

Listig hoft sie eine StundeIhre Wächter los zu seyn.Endlich kommt die Schäferstunde,Und von ihrem heissen Munde

25Saugt Amin die Wollust ein.

[16]So genoß entfernt vom Neide

Er noch manchen süssen Kuß.Doch er ward so vieler BeuteUeberdrüssig. Jede Freude

30Endigt sich mit dem Genuß.

Ist wohl bey des Blutes Wallen,Denkt er immer Liebe da?Liebt sie mich denn wohl vor allen?Oder hab ich ihr gefallen?

35Weil sie mich am ersten sah?

[17]Einst spricht er, dieß auszuspüren:

Ach, wie quält mein Vater mich!Fern soll ich die Heerde führen -Himmel! Dich soll ich verlieren!

40Ha! Das Leben eh’r als dich.

Liebste, nein, ich komme wieder,Doch, der beste Freund von mir,

Singet angenehme Lieder,

45Diesen Freund, den laß ich dir.

[18]Lyde denkt an keine Tükke,

Weint, und geht es weinend ein.Ungern flieht Amin sein Glükke,Listig bleibt der Freund zurükke,

50Oft ist er mit ihr allein.

Viel singt er von Glut und Liebe,Sie wird feurig, er wird kühn.Sie empfindet neue Triebe,Und Gelegenheit macht Diebe.

55Endlich - Gute Nacht, Amin.

[19]Kinder, seht, da müsst ihr wachen,

Euch vom Irrthum zu befreyn.Glaubet nie den Schein der Sachen,Sucht euch ja gewiß zu machen,

60Eh’ ihr glaubt geliebt zu seyn.

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