Ziblis

[4]Ziblis,

eine Erzählung.

Mädgen, sezzt euch zu mir niederNiemand stöhrt hier unsre Ruh,Seht es kommt der Frühling wiederWelkt die Blumen und die Lieder,

5Ihn zu ehren hört mir zu.

[5]Weise, strenge Mütter lehren:

Mädgen, flieht der Männer List.Und doch laßt ihr euch bethören!Hört, ihr sollt ein Beyspiel hören,

10Wer am meisten furchtbar ist.

Ziblis jung und schön, zur Liebe,Zu der Zärtlichkeit gemacht,Floh aus rauhem wilden Triebe,Nicht aus Tugend alle Liebe,

15Ihre Freude war die Jagd.

[6]Als sie einst tief im Gesträuche

Sorglos froh ein Liedgen sang,Ward sie blaß, wie eine Leiche,Da aus einer alten Eiche

20Ein gehörnter Waldgott sprang.

Zärtlich lacht das Ungeheuer,Ziblis wendet ihr Gesicht,Läuft, doch der gehörnte FreyerSpringt ihr wie ein hüpfend Feuer

25Nach, und ruft: O flieh mich nicht.

[7]Schreyn kann niemals überwinden.

Sie lief schneller, er ihr nach.Endlich kam sie zu den Gründen,Da wo unter jungen Linden

30Emiren am Wasser lag.

Hilf mir! rief sie. Er voll Freude,Daß er so die Nymphe sah,Stand bewafnet zu dem StreiteMit dem Ast der nächsten Weide,

35Als der Waldgott kam, schon da.

[8]Der trat näher ihn zu höhnen,

Und gieng schnell den Zweykampf einSie erbebt für Emirenen.Immer wird das Herz der Schönen

40Auf des Schönen Seite seyn.

Seinen Feind im Sand zu höhnen,Regt sich Fuß, und Arm, und Hand.Bald mit Stosen, bald mit DehnenLiebe stärkt die Kraft der Sehnen,

45Beyde waren gleich entbrandt.

[9]Endlich sinkt der Faun zur Erden,

Denn ihn traf ein harter Streich.Gräslich zerrt er die Geberden;Emiren ihn los zu werden,

50Wirft ihn in den nächsten Teich.

Ziblis lag mit matten Blikken,Da der Sieger kam, im Gras.Wirds ihm ihr zu helfen glükken?Leicht sind Mädgen zu erquikken,

55Oft ist ihre Krankheit Spas.

[10]Sie erhebt sich. Neues Leben

Giebt ein heißer Kuß ihr gleich.Doch, der einen schon gegeben,Sollte nicht nach mehrern streben?

60Das sieht einem Mährgen gleich.

Wartet nur. Es folgten KüßeHundertweis; sie schmekkten ihr.Ja die Mäulgen schmekken süße.Und bey Ziblis waren diese

65Gar die ersten. Glaubt es mir.

[11]Darum sog mit langen Zügen

Sie begierig immer mehr.Endlich trunken von Vergnügen,Ward dem Emiren das Siegen,

70Wie ihr denken könnt, nicht schwer.

Mädgen, fürchtet rauher LeuteBuhlerische Wollust nieDie im ehrfurchtsvollen KleideViel von unschuldsvoller Freude

75Reden, Mädgen, fürchtet die.

[12]Wacht, denn da ist nichts zu scherzen.

Seyd viel lieber klug als kalt.Zittert stets für eure Herzen.Hat man einmal diese Herzen;

80Ha! Das andre hat man bald.

Comentarios

Cargando comentarios…