Erinnerung an die Schweitz

Da bin ich nun aus jenem Land,wo Freundschaft mich, so wie die Liebedas Kind an seine Mutter, band,da bin ich von der Limmat Strand,

5wo gern mein Fuß gefesselt bliebe,

auf immer, durch mein Loos verbanntaus Zürichs friedevollen Mauren.Nicht wandl’ ich mehr an Freundes Hand,ich seh den Mayn an meiner Seite trauren,

10und trüb durch öde Fluren hin

dem Rhein zum Raub entgegen fliehn.Warum mußt ich, geliebter See,entfliehen deinen Lustgefilden,wo Liebe mich beseligte,

15wo Herbst und Lenz mit Wonne mich erfüllten?

Warum ward nicht dieß freye Land,dieß Land der Telle, Winkelriede,auf dem errungner goldner Friede,gleich einem Seraf ruht, mein Vaterland?

20Hier wo kein Feind das Land verheeret,

der Traubenhügel sicher prangt,des Landes Mark nicht Unterdrücker nähret.

der Mensch nicht Menschen Gnaden dankt,wo überal, wohin ich sehe,

25Zufriedenheit sich Hütten baut,

vom Tschingal bis zur Gotthards Höhe,bis wo der sanfte Jura blaut,hier, wo von schlechtem Dach umgeben,der Mensch durch Arbeit, Mäßigkeit

30genießt, was keine Kronen geben,

Gesundheit und Zufriedenheit –in diesem Lande möcht ich leben,o daß mein Schicksal mirs verbeut!

Auf immer hab ich euch verlassen,

35ihr Thäler, deren Stille mich umfieng,

indeß auf euren Felsenmassendes Hirten laute Heerde hieng.Nie wird mein Ohr euch wieder lauschen,ihr Bäche, des Belauschens werth,

40nie tönt in eurem wilden Rauschen

mir ein erhabenes Concert;und sah ich von der Berge Nackendie Nacht in tiefre Thäler ziehnund der beeißten Felsen Zacken

45in purpurfarben Mänteln glühn,

wie schlug mein Herz! – wenn dann auf kühn erstiegner Höhe,dem nie getrübten Himmel nah,mirs war, als ob die Erd entflöhe,

wenn ich hinab zur Tiefe sah.

50Wie bebt es, wenn der Donner rollte,

und ich, ein kriechendes Insekt,in Felsen mich verbergen wollte,in dichter Dämpfe Nacht versteckt,die Felsen um mich her des Donners Nahmen riefen,

55weil seine Stimm in ihre Klüfte drang

und furchtbar nun aus Thälern und aus Tiefensein hehrer Nahme wieder klang.O Land, das nie ein Lied ermessen,kein Pinsel würdig mahlen wird,

60wie könnt ich Jüngling dich vergessen,

seit deine Wunder ich durchirrt,seitdem ich meines Lebens frohste Stundenim Schatten deiner Felsen fand,an die mich Phantasie und Kunst gebunden,

65wie mich das Herz an deine Bürger band.

O Menschheit, Menschheit nie empfandich höher, stolzer deine Würdeals in der Freiheit goldnem Land,und dich, mein armes Vaterland,

70dich drückt noch harter Knechtschaft, Bürde!

Wird je für dich mit starker Hand,ein Tell sich aus der Nacht erhebenzerbrechen deine Kerkerwand,und dir die Menschheit wieder geben?

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