Die schweizerischen Geschichtsforscher

[46] Die schweizerischen Geschichtsforscher.

(1843.)

Vereint sind wir zum schönen Werke,Es schlingt sich freudig Hand in Hand,Der Freiheit Hort ist unsre Stärke,Und unser Stolz – das Vaterland.

5Ihm weihen wir die schönsten StundenUnd unsrer Jahre beste Kraft,Sein Thun und Leiden auszukundenIst, Brüder! unsre Wissenschaft.

Und ob auch Andre Andres treiben

10Im gleichen vaterländ’schen Sinn,Geschichte muß Geschichte bleibenUnd unverkümmert ihr Gewinn.

Ob in des Gletschers rauhe FirneDes kühnen Forschers Auge dringt,

15Dort wo sich um der Jungfrau StirneDes Eises Demantkrone schlingt,

Und ob auf hoher Alpen TriftenSie trinken süßer Blumen Duft –[47] Indeß der Moder alter Schriften

20Uns anweht aus der feuchten Gruft;

Wir feiern dennoch unsre Lenze,Auch uns erschließt sich die Natur,Und unerwelklich blühn die KränzeIm Geisterreich der Freiheit nur.

25Meint Ihr, im Schooße der ArchiveDa kröche nur der Bücherwurm?Als ob nicht da der Riese schliefe,Gebannt im alten Zauberthurm.

Den gilts mit klugem Wort zu wecken

30Aus seinem langen schweren Traum,Daß vor dem Recken mög’ erschreckenDer aufgeblas’ne Flaum und Schaum.

Daß dem Gewaltigen sich beugeDas niederträchtige Geschlecht,

35Wenn er ersteht als alter ZeugeVon alter Treu und altem Recht.

Sie mögen spotten, mögen sagen,Geschichte sei nur Märchentand,Gewesen sei’s in alten Tagen

40Wie heut zu Tag und hie zu Land.

Wohl gab es viel der alten SündenUnd alten Wust und alten Rost,Und wer ein solches mag ergründen,Dem lassen wir die ekle Kost.

45[48] Des Schönen wollen wir uns freuen,Des Guten aus der alten Zeit,Nicht weil es alt, nein!, weils dem NeuenDen Grund zum weitern Bau verleiht.

Denn was auch immer dicht’ und sinne

50Der Geist; die eine Wurzel bleibt,Die Wurzel, die von AnbeginneDer Menschheit Baum zum Blühen treibt.

Und was uns als das Schönste, BesteDie neueste der Zeiten preist,

55Getragen habens doch die AesteDes Baums, der uns Geschichte heißt.

An diesem Stammbaum laßt uns halten,Er steht auf festem, sicherm Grund,Und mag auch manches Blatt veralten,

60Des Baumes Mark, es bleibt gesund.

Und ob sich auch der Dichtung RankenGewoben um den grauen Stamm,Wir könnens nur der Dichtung danken,Was sie gewoben wundersam.

65Behüte Gott, daß wir entkleidenDen Stamm, bis er ist kahl und nackt;Nur lüften wollen wir bescheidenDen Schleier mit des Kenners Takt.

Ihr gutes Recht hat auch die Sage,

70Und ihre Wahrheit Poesie;[49] Nur daß der Lügner es nie wage,Zu dichten, es gelingt ihm nie.

Und ob er auch mit Brief und SiegelSich und die Gegenwart besticht,

75Zurück wirft der Geschichte SpiegelIhm stets ein Lügenangesicht.

Ihr aber dringet vor zu KlarheitUnd zu des Wissens Harmonie:Es lebe der Geschichte Wahrheit,

80Und der Geschichte Poesie!

Comentarios

Cargando comentarios…