Bergbau (Louise Otto)

[117]Bergbau.

Ob Nord ob Süd, ob Schnee ob Sommersgluten,Das kümmert nie ein echtes Bergmannskind,Aus ihren Adern muß die Erde blutenWo es am reichsten drinnen wallt und rinnt.

5Der Fäustel klingt – der Andern Ohr verborgen

Die droben wohnen in des Himmels Blau.Es fällt ein Schuß – der Tiefe Geister horchenUnd rings ertönt der unterwühlte Bau.

So ist es hier, so ist es allerorten!

10Dem Erz ist schon im Mutterleib die Kraft

Den, der ihm naht, Gefahr zu bringen worden,Nur Fleiß und Kampf befreit es seiner Haft.Und Fleiß und Kampf ist sein Geschick hienieden,So dient es Jedem, der sich’s unterwarf,

15Mag draus die Pflugschar, mag das Schwert man schmieden.

Den Schienenweg der Länder einen darf.

Dir, Eisen, möcht ein stolzes Lied ich singenDu kannst ein Engel für die Menschheit sein,Auf Deinen Wegen ihr Erlösung bringen

20Mit Deinen Schwertern kämpfend sie befrein,

[118]Als Pflugschar wühlen in dem Schoß der Erde,

Bis er sich segenbringend rings erschließtUnd grün und wachsend durch ein neues WerdeNährendes Korn für Alle ihm entsprießt.

25Du aber, Silber mit dem bleichen Schimmer,

Und Du, sein stolzer Bruder, lockend Gold,Ihr beide brachtet solchen Segen nimmer,Die Freiheit nicht, Knechtschaft habt Ihr gewollt.Und wenn als Engel Ihr der Welt erschienen,

30So hat die Welt zu Teufeln Euch gemacht,

Dem Satan nur und seinen Ruhm zu dienenSteigt Ihr zum Licht empor aus Eurer Nacht.

Steigt Ihr empor – und auf den bleichen WangenDes armen Bergmanns glüht ein plötzlich Rot,

35An Eurem Glanze feine Blicke hangen,

Bei Eurem Glanze denkt er seiner Not!Ist es doch all sein Sorgen und sein MühenEuch aus dem finstern Kerker zu befrein,Ihr aber wollt nicht dankbar für ihn glühen

40Und glänzt ihm nur zu höhnen seine Pein.

Er hat kein Silber und kein Gold im Hause,Nur Thränen, nur der Kinder Hungerschrei,Die harren sein in seiner engen Klause,Ein bleiches Weib, in Not und Elend treu.

45[119]Und müde sinkt er auf sein Lager nieder

Und stöhnt und hat ein böses Traumgesicht:Als höb das Eisen trotz’ge RiesengliederUnd hielt ob Gold und Silber Strafgericht.

Er springt empor, hebt stolz die starken Arme

50Da fährt sein Weib empor wie niemals je,

Und flüstert tonlos matt vom großen Harme:„Mir ist’s als ob ich’s plötzlich tagen seh?“Da ist ihm bei dem Wort der Traum entschwunden,Er ist erwacht und spricht: „Schnell ist der Lauf

55Der kurz uns zu gemeßnen Ruhestunden –

Das Glöckchen ruft mich fort! – leb wohl“ – „Glück auf.“

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