Drachenfels

[173]Drachenfels.

Wo hoch empor die sieben Kuppen ragen –Die das Gebirg auf festem Scheitel trug,Gleich Kronen, die sie auf den Häuptern tragen,Und die der Sturm der Zeit herunterschlug –

5Ruinen stehn von Schlössern und Kapellen,

Die sich bespiegeln in des Rheines Wellen,Dem Schiffer kündend von vergangner Zeit,Entschwundner und versunkner Herrlichkeit:

Da hebt der Drachenfels sich majestätisch,

10Der vorderste, dicht an des Rheines Flut,

Es ist als spräch’ er warnend und prophetischZu einer Welt die scheinbar friedlich ruht:Auch Du hast noch zu kämpfen mit den Drachen,Die an der Zukunft Paradies bewachen

15Den Eingang in der Liebe schönes Reich,

Wo Alle Brüder sind in Liebe gleich. –

Von einem Drachen kündet hier die Sage,Der Menschenopfer heischte lange Zeit –Davon kein Fluch, kein Schwert und keine Klage,

20Die Stämme, die hier wohnten, je befreit,

[174]Verbrecher, die an ihnen sich vergangen,

Und Feinde, die sie in der Schlacht gefangenDie stieß man zu des Drachen Höhle fort,Er würgte sie im schauerlichen Mord. –

25Einst aus dem Krieg mit einem fremden Stamme

Fiel eine Jungfrau in der Heiden Hand,Von deren Schöne eine LiebesflammeIn zweier Helden Brust zugleich entbrannt.Zwei Häuptlinge sich um die Beute stritten –

30Da lautete der Richterspruch des dritten:

Daß fürder nicht bestehe solcher Streit,Die Jungfrau sei dem Drachentod geweiht,

Und schön geschmückt, im weißen OpferkleideBräutliche Blumen in dem goldnen Haar,

35Am Hals ein reiches goldenes Geschmeide,

Das schon daheim dort prangte immerdar,Und das man ihr zum Opfertod gelassen –So schritt sie hin – es malte kein Erblassen.Kein bleicher Schrecken ihre Wangen weiß,

40Gefaßt und mutig stand sie in dem Kreis.

Und da sie nahe zu der Höhle kamen,Und schon der Drache ihr entgegen sprüht’,Da sprach sie fromm und leis ein heilig AmenUnd sang – gleich wie im höhern Chor – ein Lied.

45[175]Aus ihrer Brust zog sie am Goldgeschmeide

Hervor ein Kreuz – ihr höchstes Gut im Leide!Und hielt es – als geweihten TalismanDem Drachen hin – er starrt es wütend an –

Er starrt es an – und plötzlich wie vernichtet

50Erbebt in sich sein grimmer Panzerleib,

Den Rachen schließt er, kehrt sich um und flüchtet,Und flüchtet vor dem unbewehrten Weib,Und stürzt sich jähling in des Rheines WellenMan hört die Schuppen das Gestein zerschellen –

55Vernichtet ist mit eins die Schlangenbrut –

Der Himmel flammt in roter Opferglut.

Da scheint verklärt zum goldnen StrahlenkranzeDie Blumenkrone in der Jungfrau Haar,Ihr Antlitz leuchtet auf im Himmelsglanze

60Da sie bezwang die drohende Gefahr.

Und alle Heiden die das Wunder schauen,Ergreift alsbald ein niegekanntes Grauen,Anbetend sinken vor dem Kreuz sie hinUnd vor der Jungfrau gottentflammtem Sinn.

65Durch sie zum Glauben reiner Menschenliebe

Durch sie zum milden Christengott bekehrt! –O daß die Sage doch lebendig bliebeIn unsrer Zeit, die noch vom Wahn bethört!

[176]O läg noch heut in einer Jungfrau Händen

70Die Macht die Menschenopfer zu beenden;

Wie schön sich einen solchem Tod zu weihn –O Gott der Lieb’ dürft ich das Opfer sein!

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