Ein gekrönter Dichter
[188]Ein gekrönter Dichter.
Gen Augsburg zog der ritterliche SängerUlrich von Hutten, aus dem fernen Süd;Italien mag dulden den nicht länger,Der für die Wahrheit und die Freiheit glüht.
5Der Meuchler Dolche sind für ihn gedungen,
Im goldnen Becher schäumt ein tödlich Gift,Ein Anathem’ von strengen PriesterzungenWirft in den Bann des Neurers Lied und Schrift.
So kehrt er zu dem deutschen Vaterlande
10Sein treuster Sohn, und vor ihm zieht sein Ruf,
Der Name, den Begeistrung preisend nannte,Den ihm sein Lied, sein Heldentum erschuf.Und Augsburgs hochgelahrter Bürgermeister,Peutinger, öffnet gastlich ihm sein Haus,
15Hochehrend grüßen ihn verwandte Geister,
In alle Lande schallt sein Ruhm hinaus.
Ein langer Festzug wogt durch Augsburgs GassenBei stolzer Rythmen jubelndem Geleit,Ein Jauchzen von der Reichsstadt Volkesmassen
20Preist laut des deutschen Kaisers Herrlichkeit.
[189]Zum Reichstag war der Kaiser Max gekommen,
Der, noch ein Feuergeist im Silberhaar,Von allen Fürsten, Habsburg Stamm entglommenDer edelste, der Held’ und Dichter war.
25Den Helden und den Dichter will er grüßen,
Ulrich von Hutten, dessen kühner SangUnd Heldenthaten Anrecht wohl verhießenAuf einen Dank des Helden Theuerdank.Trompetenstoß und drauf des Herolds Kunde:
30Zum Ritter schlug des Kaisers eigne Hand
Vor aller Fürsten feierlicher Runde,Den Hutten, der begeistert vor ihm stand.
Er beugt sein Knie zu einem süßern Lohne:Peutingers Tochter naht, die schönste Maid,
35Und drückt aufs Haupt ihm eine Lorberkrone,
Dem Dichter feierlich zum Ruhm geweiht.Da loht Begeist’rung hell in seinen Blicken,Er küßt das Schwert, das ihn zum Ritter schlug,Er küßt die weiße Hand im Hochentzücken,
40Die ihm den Lorberkranz entgegentrug.
Wie reich an Wonne diese eine Stunde!Sein deutscher Kaiser, selbst ein Dichterheld,Sein deutsches Volk jauchzt ihm mit einem Munde,Sein Name klingt hinaus in alle Welt.
45[190]Und vor ihm sie, die minnigliche Schöne,
Die liebdurchglüht ihm reicht den LorberkranzEr weiht das deutsche Mädchen zur Kamöne,Wie strahlt sein Aug’ von sel’gem Himmelsglanz!
Wo ist ein Held wie er so hochbeglücket?
50Sein Bildnis mit dem Lorberkranz und Schwert
Im deutschen Land Palast und Hütte schmücket,Von Fürst und Volk wird er zugleich geehrt.Und doch! – die sel’ge Stunde zog vorüber,Nicht Ruhm, noch Glück, noch Liebe hält ihn auf,
55Bald wird sein Auge wieder trüb’ und trüber
Und immer dorniger sein Heldenlauf.
Was ist ein Held, der nicht in Thaten zeiget,Daß er ein Ritter, dem das Schwert zur Hand?Was ist ein Dichter, der erschrocken schweiget
60Wenn man sein Lied zu kühn und trotzig fand?
Kein Hutten ist’s! ein Hutten kann entbehrenDer Fürsten Huld – ein Hutten überragtMit seinem Geistesfluge Glück und Ehren,Der Wahrheit treu ruft er: „Ich hab’s gewagt!“
65Ich hab’s gewagt für meines Volkes Sache,
Ich habs gewagt für Wahrheit und für Recht!Der deutschen Freiheit stellt er sich zur Wache,Wird keines Kaisers, keines Fürsten Knecht.
[191]Und sollt er auch der Minne Glück verlieren,
70Und sollt er flüchten auch vervehmt, verklagt –
Im Unglück noch bleibt ihm sein Triumphieren,Das stolze Dichterwort: „Ich hab’s gewagt!“
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