Elbeisgang
[58]Elbeisgang 1845.
Weg von der Brust ihr starren Eiseslasten,Ich kann auch fürder nicht darauf ertragen!Auf einem Strom seh gern ich stolze MastenUnd höre gern die leichten Ruder schlagen.
5Und fühl ich einen Strom nicht in mir wallen
Des Herzens Fühlen in bewegten Wogen?Drauf hört ich jetzt kein Fischerliedlein schallen,Kein Schiff der Hoffnung kam einhergezogen.
Ja, alle Schiffe, die sonst schwer befrachtet
10Mit gold’nen Liedern da und dorthin fahren,
Sie lagen still, zerfroren und verachtet,Traurig wie Todesbilder zu gewahren.
Der Weg der Töne zu des Ruhms AltärenWar jetzt mir nur zur glatten Eisbahn worden,
15Gefroren fest von den erstarrten Zähren
Der Tausende die sich mit Liedern morden –
Denn Lieder Waffen sind, die uns verwunden,Nicht fromme Kreuze um uns selbst zu segnen!Denn Poesie schafft allen Schmerzensstunden
20Gefährlich ist’s der Muse zu begegnen.
[59]Nicht einmal diese Schmerzen sollt ich haben!
In mir war’s starr, kalt wie ein Wintermorgen.Nur Eis und Schnee mein trotzig Herz umgaben,Ich konnte nimmer seinen Schlägen horchen.
25Was draußen noch das Leben frisch bewegte,
Das hört ich an wie eine fremde Kunde,Zu keiner Thräne sich das Auge regte.Kein Seufzer kam, kein Wort aus meinem Munde
In mir war’s still und dumpf, ja todesstille.
30Nicht Schmerz, nicht Freude fühlt ich in mir wogen,
Gebrochen war die Thatkraft, war der Wille,Wo Krähen krächzend um das Haupt mir flogen.
Und da geschah’s. Es kam ein mildes WehenDann kam ein Sturm und brach des Stromes Banden
35Die Eisesschollen ließ er fast zergehen.
Und rief im Trotz: Der Frühling ist erstanden!
Und von den Türmen hallte Festgeläute,Die Glocke rief: Es ist der Herr erstanden!Der Schnee ertrug nicht diese Osterfreude,
40Er ward zunicht, er war vor ihr zu Schanden.
Da sank ich auf die Kniee brünstig niederUnd meine Seele rief: „Ich bin erstanden!“Ein Ostern, einen Frühling hab ich wieder,Den freien Strom begrüß ich als Verwandten.
45[60]Ein freier Strom braust wieder meine Lieder
Und grüßt mein Volk in allen deutschen LandenUnd alle Dichter grüßt die Hoffnung wieder:Einst singen wir: „Mein Deutschland ist erstanden!“
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