Ernte und Saat

[318]Ernte und Saat.

Zum Frauentag 1891.

Gekommen ist die Erntezeit,Schon wird das reife Korn gehauen,Und garbenbindend steht bereitDie Schar der Schnitter und der Frauen.

5Sie haben alle ihren Teil

Am liederfrohen ErntefesteUnd rufen jubelnd: „Dank und Heil!Der Himmel gab dazu das Beste.“

„Der Himmel segnete das Mühn’,

10Das ackernd, säend uns verbunden

Im Wettersturm, im Sonnenglühn –Nun haben wir den Lohn gefunden!“

Schön war das frische Saatengrün,Schön war das Feld im Aehrenwallen,

15Die Wiese schön im Blumenblühn –

Doch nun sind Blüt und Halm gefallen. –

[319]Der Baum, nur spärlich noch belaubt,

Wirft statt der Blüten Früchte niederUnd schüttelt lächelnd noch das Haupt,

20Singt man für ihn auch Erntelieder.

So ist es wohl ein HochgefühlZu ernten selbst gesäte Saaten.Der Arbeit Lohn, ein Kranz am Ziel,Wenn, was man pflegte, wohlgeraten.

25Auch manchen, die nicht selbst gesät,

Ist Erntesegen doch gekommen;Sie haben dafür früh und spätEin heilig Erbteil übernommen.

Sie mögen nun mit voller Hand

30Den Samen streun, den sie empfangen:

Des alten Werkes SegenspfandSoll er zu neuer Frucht gelangen.

Und bleiben jetzt am StoppelfeldWehmütig unsre Blicke hangen –

35Bald wieder wird es neu bestellt

Im Grün der Wintersaaten prangen,

Scheint einmal alles still und tot,Wächst selbst noch unterm Schnee verborgenDie junge Saat zum neuen Brot

40Kommt doch für sie ein Ostermorgen.

[320]Drum frisch an’s Werk und nicht verzagt!

Beim Ernten denkt an’s Samenstreuen!Denn wer da müßig steht und klagtKann keiner Ernte sich erfreuen!

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