Im Dom zu Naumburg
[24]Im Dom zu Naumburg.
„Den obdachlosen Ritter, den armen mag ich nicht,Ich mag nicht Minnedienste, mich bindet höhre PflichtIhr, ohne Ruhm und Schätze wagt doch um mich zu freien?Nehmt das zurück, sonst möcht ich Euch noch des Irrsinns zeihen!“
5So sprach mit Hohn, das Fräulein zum armen Rittersmann,
Daß nur mit Müh er Fassung bei solchem Wort gewann,Er neigt sich vor der Kalten, die er so heiß verehrtUnd die mit schnödem Abschied sich also von ihm kehrt.
Auf ihres Schlosses Zinne das stolze Fräulein stand,
10Hielt einen Specht gefangen in ihrer kleinen Hand.
„Du, Vöglein, sollst es mir sagen, Dir will ich’s anvertrauen,Wo ich von meinen Schätzen den Tempel des Herrn soll bauen?“
[25]Der Specht begann zu kreisen bis daß zur Stell’ er kam,
Wo zwischen hohen Linden er seinen Platz sich nahm.–
15Drauf sah man dort die Bauleut geschäftig von früh bis nächten,
Damit sie bald das Bauwerk, des herrlichen Doms vollbrächten.
Hei, wie die Gruftgewölbe erstanden meisterlich,Wie kühne Strebepfeiler zur Höhe schwingten sich,Wie schön die Marmorplatten und dreingehaune Bilder,
20Wie prangten die Bogenfenster und buntgemalte Schilder! –
Doch war des Fräuleins Reichtum gar schnell zu Ende nun,Und die geschäft’gen Hände, sie mußten alle ruhn.Wie war der Stolzen Schönheit durch dreißig Jahr geschwunden –„Ich kann den Dom nicht vollenden!“ seufzt sie in bangen Stunden.
25Da trat ein fremder Pilger urplötzlich vor sie hin,
Er kam vom heiligen Grabe und kam mit gläubigem Sinn.Das war der erst verhöhnte der armgescholt’ne Freier,Der sprach: „Reich komm ich wieder zu Eurer Tempelfeier.“
[26]„In dem gelobten Lande fand Ruhm und Schätze ich viel,
30So will denn ich vollenden, was Euer stolzes Ziel,
So wachsen diese Hallen uns zum Versöhnungszeichen!“Beschämung auf dem Antlitz thät sie die Hand ihm reichen. –
Das ist die alte Märe, die man vom Dome sagtWo Trotz und Stolz gewaltet und Liebe nicht verzagt.
35Ob wohl auch jetzt da drinnen manch frevler Stolz noch waltet
Und Liebe ihre Schwingen noch also treu entfaltet?
Es stehn in Stein gehauen Fräulein und Ritter da,Es sitzt der Specht noch immer, wo man ihn sitzen sah.Er weilt noch stumm in dem Tempel von Menschenhänden erbaut –
40Doch draußen schmettern im Freien viel lebende Vögel laut.
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