Konrad Celtes
[183]Konrad Celtes
(geb. 1459, gest. 1508.)
I.
Ein lichter Sommertag! von wunderbarenPrachtfarben glänzen ringsum Berg und Thal.Es wogt der Main mit seiner spiegelklaren,Krystallnen Flut, und läßt im Sonnenstrahl
5Die weißen Segel schimmern, die er trägt,
Das Ruder blitzen, das im Takt ihn schlägt.
Es scheint das Laub im Abendgold zu beben,Das alle Hügel seiner Ufer schmückt,Ein holder Kranz von dichtgeschlung’nen Reben
10Ist jedem Berge auf das Haupt gedrückt,
Da funkelt hell wie Gold und EdelsteinDie Traube jetzt, im Römer einst der Wein.
Ein Jüngling wandelt sinnend am Gestade,Und schaut den Segeln, schaut dem Strome zu:
15„O könnt’ ich fort mit Dir auf Deinem Pfade,
O wär’ ich frei und fessellos wie Du!Was soll ich nur des Weinstocks Pfleger sein,Es gärt in mir ein andrer Feuerwein!“
[184]So seufzt er oft, wenn er die Reben schneidet,
20Die seiner Eltern traulich Haus umstehn,
Die Arme sehnend er zur Ferne breitet,Die er in seinen Träumen nur gesehn.Da kommt ein Floß! – „O trüg’ es doch mich gleichHinab, hinein ins weite deutsche Reich!“
25Der Führer hört’s und grüßt mit Freundeswinken,
Es lockt der Main mit seinem Wellenspiel,Das Ruder lockt mit hellem Silberblinken,Und Konrad ruft: „So trage mich ans Ziel!“Ein Gruß, ein Sprung – da stand er auf dem Floß,
30Das pfeilgeschwind den Main hinunterschoß.
Noch tönt das Abendglöcklein von Wipfelde –Ist es ein Mahnruf? ist’s ein Segensgruß?Und wenn das Fahrzeug auch im Sturm zerschellte –Was kümmert’s Konrad noch? – er muß – er muß!
35Und ob die Heimat seinem Blick entschwand –:
Ihm ist die Heimat jetzt das deutsche Land!
Fort geht die Fahrt, den ganzen Main hinunterBis wo der Rhein sich stolzer ihm gesellt,Auch rheinhinab – und immer neue Wunder,
40Und eine neue ungeahnte Welt!
Wie braust er hin der königliche StromUnd spiegelt wechselnd Stadt und Burg und Dom!
[185]Und dreht bei Bingen sich das Floß im Kreise
Und ist er von der Loreley bedroht,
45Singt Konrad noch ein Lied zu Deutschlands Preise,
Und achtet nicht Gefahr und Kampf und Not,Und betet nur: „So mag mein Leben sein!Wie diese Fahrt auf meinem deutschen Rhein.“
II.
Du edles Nürnberg bist wie eine Blume
50Im deutschen Reich, so herrlich anzusehn,
Du blühst Dir selbst und aller Zeit zum Ruhme,Läßt Deine Werke durch die Lande gehn!Und Deine Zauber walten fort und fortIn Kunst und Wissenschaft, in Bild und Wort.
55Dahin zog es von je die edlen Geister,
Die gern sich laben an des Lebens Glanz,Die Herrn und Fürsten und die großen MeisterVon jeder Kunst in schön gebundnem Kranz,Dahin den Flüchtling auch, dem auf dem Floß
60Einst rheinhinab die Welt sich erst erschloß.
[186]Und aus dem Jüngling ist ein Mann geworden,
Der Konrad Celtes nicht umsonst genannt,Den Pickel in den Streit mit Feindeshorden,Wie ihn geführt der alten Deutschen Hand,
65Den schwingt auch Konrad treu in seinen Schriften,
Des deutschen Namens Ehr’ und Glanz zu stiften. –
Auf off’nem Markt ein wogendes Gedränge,Um Kaiser Friedrich rings der Fürsten Glanz,Der freien Reichsstadt festliches Gepränge
70Und eine Jungfrau mit dem Lorberkranz –
Ein Wink des Kaisers – und die DichterkroneVerleiht er so dem flücht’gen Bauernsohne.
Wohl mag er denken jetzt der heim’schen Reben,Die er verließ in ungestümen Drang,
75Jetzt kann er edlern Ranken Stütze geben,
Wie er’s ersehnt, jetzt strömet sein Gesang:Gleich heim’schem Feuerwein durch Deutschlands Marken,Daß deutsche Kunst und Art daran erstarken.
Jetzt wirbt er überall die Bundesbrüder
80In Nord und Süd, zu wahren Deutschlands Ehr’,
Die Dichtkunst ihm ein Weinstock, sie die Glieder,Die er vereint wie Ranken um sich her.Doch ruhelos – wie damals auf dem Rhein –So muß hinfort sein ganzes Leben sein.
85[187]Ein Dichterlos! ein sturmbewegtes Leben,
Ein prangend Grabmal am St. Stephansdom!Doch ziemt es nicht drob Klage zu erheben,Ihn trug ein Floß auf einem deutschen Strom,Begeistrung war’s die ihn dahin getragen: –
90Wer Großes leisten will, muß Großes wagen!
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