Römisch und Deutsch

[74]Römisch und Deutsch.

1845.

Und fühlt Ihr endlich nun des Joches DrückenUnd wollt Ihr rächen nun die lange Schmach?Seid Ihr es müde, daß auf Deutschlands RückenDes Römers Fuß noch immer treten mag?

5Daß immer noch das alte Stück soll spielen,

Das alte Stück aus Deutschlands Kaiserzeit,Wo, wenn mit Frevelsflüchen Rom gedräutDie Mächtgen selber ihm zu Füßen fielen?

Und ahnt Ihr endlich, daß die Nacht muß weichen,

10In der noch finstrer Zauberwahn regiert

Und manchen Wanderer ein trügend ZeichenAls Irrlicht in die tiefsten Sümpfe führt?Noch einmal zuckte jene Riesenschlange,Die zweite Hyder, welche Rom gebar,

15Ihr Haupt empor und rief der Christen Schar

Zum Götzendienst mit schnödem Glaubenszwange.

[75]Sie meinte jubelnd schon zu triumphieren

Und überall wuchs ihr ein neues Haupt,Da mochte wohl die Frage uns gebühren:

20Wer hat dies neue Gaukelspiel erlaubt? –

Und mag es noch so glänzend sich gebärden,Nicht fürder wachsen soll die Lügensaat,Schon ist sie reif und eine Ernte naht,Wo all ihr Gift uns soll zum Heilkraut werden.

25Deutschland kann trotzen allen fremden Mächten

Und lieber deutsch als römisch will es sein,Kein fremder Zwang soll seinen Glauben knechten,Ja, seinen Glauben muß es sich befrei’n.Umsonst schlug Hermann Romas Legionen,

30Umsonst wird ihm ein ehern Mal geweiht,

Wenn Rom noch herrscht in später Enkel Zeit,Deutschland sich beugt wo einst gesiegt Teutonen.

An uns’re Zeit ergeht ein heilig Mahnen,Ein heilig Mahnen an das Vaterland,

35An Deutschlands Volk: sei würdig Deiner Ahnen,

Sei einig, knüpf in Dir ein dauernd Band.Wir stehen fragend an der Zukunft Pforten,Wir suchen Rat bei der Vergangenheit,Noch ist ein Traum ja Deutschlands Einigkeit –:

40Wir werden einig, wenn wir deutsch geworden!

[76]Ja nur erst deutsch, wir sind’s nur nach den Namen,

Wohl auch im Sinn, doch nicht in Sitt und Brauch,In unsre Heimat streut man fremde Samen,Durch unsre Thäler weht ein fremder Hauch.

45Die fremde Saat tilgt von der fremden Erde,

Das fremde Reich brecht ab vom deutschen BaumGebt seinem Wachstum Luft und freien Raum –Dann erst ist’s Zeit, daß Deutschland einig werde!

Du wirst Dich jetzt, mein Vaterland, erheben,

50Für Deinen Glauben trittst Du in die Schranken,

Du willst nicht mehr im römschen Joche leben,Frei forderst Du den Glauben, den Gedanken.Heil ihm, der jüngst zuerst das Wort gesprochen,Das in dem Vaterland ein Losungswort!

55Ja, „deutschkatholisch“ schallt es hier und dort

Und Rom erschrickt – der Zauber ist gebrochen.

Wir wollen lieben, segnen und vergeben,Wir wollen Christentum in seiner ReinheitUnd eine neue Kirche wird sich heben,

60Vielleicht ein würdig Sinnbild deutscher Einheit.

Wir wollen nicht in blindem Haß entflammen,Deutschland wird frei, allein und groß bestehn,Mag wer da will gen Rom noch gläubig sehn –Es stürzt ja in sich selber doch zusammen.

65[77]Nicht fürder soll es uns Gesetze schreiben,

Der Deutsche darf die lange Schande rächen,Das römsche Recht vom Richterstuhle treiben,Denn mündig ist er, selbst sich Recht zu sprechen!Nur deutsches Flehn, nur deutsches Urteil sprecht

70Vorm Altar, vor der Armensünderbank –

Die Güter heischt der neuen Zeiten Drang:Die deutsche Kirche und das deutsche Recht.

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