Sonette I (Louise Otto)

[6]Sonette.

1840.

O haltet mich mit Bitten nicht zurückeWenn ich im Sehnen nach der Freiheit LichteZu hohen Zielen meine Blicke richte,Von keinem Glück weiß als vom Völkerglücke.

5Mir ward einmal die Weisung vom Geschicke

Daß ich im Schaun prophetischer GesichteDem Dienst der Zukunft freudig mich verpflichte,Von keinem Glück weiß als vom Völkerglücke.

Ihr Glücklichen! Ihr mögt in Eurem Frieden

10Den Gatten weihn zum Kampf für’s Vaterland

In Euren Kindern Streiter ihm erziehen.

Ich aber habe nichts ihm, nichts zu bietenAls meiner Lieder kühnen Freiheitsbrand,Das Einzige was mir mein Gott verliehen.

[7]II.

15Wie jener Maid im schönen Frankenlande

Die heilge Jungfrau einstens ist erschienenUnd sie vermocht ihr ewig treu zu dienen,Ein zartes Weib im kriegrischen Gewande:

So trat zu mir befreit vom Erdenbande

20Die Muse mit den götterselgen Mienen,

Hat mich vermocht ihr ewig treu zu dienen,Gab mir den Weihekuß zum Bundespfande.

So will auch ich die heilge Fahne schwingenUnd der Begeistrung Oriflamme tragen,

25Mit Liederschwertern unsre Feinde schlagen!

Die reine Magd kann jegliches vollbringen:Der höchsten Kunst hab ich mich ganz ergeben,Treu bis zum Tode durch das ganze Leben! –

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