Sonnenaufgang

[10]Sonnenaufgang.

Ein Morgen kam – ich starrte himmelanUnd sah die Sonne auf der Rosenbahn.Ein Regenbogen schien sich aufzubauenGleich einer Brücke in das Himmelreich,

5Gleich einem Dom ob niedren Erdenauen,

Doch Dom und Brücke ward dem Herzen gleich.In Jenen trat’s mit Beten und mit SingenIm Gottesdienst zur Sonne sich zu schwingen,Auf diesen schritt es siebenfach umwoben

10Zur Sonne selbst, sich frei ihr zu geloben.

So war der ganze Himmel vor mir offen!Und in mich selbst schaut ich erstaunt, betroffen.Da war mein Herz zu einem Garten worden,Zwei Friedenspalmen standen an den Pforten –

15Und drinnen, welch ein Drängen, welch ein Treiben!

Viel tausend Blüten lieblicher GefühleErwachen aus des Morgentaues Kühle,Kein Knöspchen will in seiner Hülle bleiben.Es ist ein Sprossen, Streben auf zum Licht:

20Und jede Hoffnung ist ein Lobgedicht

Und jeder Wunsch ein glühend Minnelied! –

[11]Inmitten diesem seligen Gebiet

Ist mir der Liebe Sonne aufgegangen.So bringt das Herz sich ihr voll Weihe dar.

25Nach keinem Himmel mag es mehr verlangen

Als den, der jetzt ihm plötzlich offenbar,Denn schön und rein wie heller SonnenglanzErfüllt der Liebe Seligkeit es ganz.

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