Wär’ ich gestorben!

[120]Wär’ ich gestorben!

Wär ich gestorben in der Kindheit TagenAls ahnungsvoll mein erstes Lied ich sang,Indeß im Marsellaisenwirbel-SchlagenDas Freiheitsjauchzen meines Volkes klang,

5Wo ich versteckt in meiner stillen Zelle

Begeistrungsvoll den Sieg des Fortschritts pries,Und wo der Neuzeit morgenrote HelleEin träumrisch Kind zur Sängrin werden ließ.

Wär ich gestorben, da mich der umfangen

10Der mir der Liebe Götterkraft gelehrt,

Beim ersten Kuß auf meine bleichen WangenBeim ersten Liebeswort, das ich gehört –Da schwebten alle Himmel zu mir nieder,Da lächelten mir alle Engel zu!

15In seinem Herzen fand ich meines wieder

In seinem Arm allein der Sel’gen Ruh.

Wär ich gestorben als mit freien LiedernMich einst begrüßt ein deutscher Sängerchor,Wo ihre Stimmen mir sich zu verbrüdern

20Durch nächt’ge Stille schallten laut empor;

[121]Daß ich es fröhlich durfte nun erkennen:

Was ich gestrebt mit redlich frommen Sinn,Was ich gethan mich Deutschlands wert zu nennenDie deutsche Jugend nahm es fröhlich hin!

25Wär ich gestorben in der Töne Wettern

Beim Freudenchor der neunten Symphonie,Wo Menschen werden zu lebend’gen GötternIn dem Titannensturm der Poesie;Wo Flammenblicke in das Herz mir glühten

30Zu gleicher jubelnder Begeisterung!

Wo neue Paradiese mich umblühtenUnd in den offnen Himmel war ein Sprung –

Wär ich gestorben als Du mich, PoeteVon Gottes Gnaden, Schwester hast genannt,

35Des klagend Lied und dessen freie Rede

In meinem Herzen lautes Echo fand,Und als Du selber lauschtest meinem SangeWie einer liebgewordnen Molodie,So lauscht der Strom auf seinem weiten Gange

40Der nahen Quelle und dem Strom lauscht sie.

Wär ich gestorben – doch es ist vergebens –Nicht in den Stunden reiner Seligkeit,Nicht in der Fülle eines kühnen StrebensNaht uns der Tod und findet uns bereit!

45[122]Erst muß vorbei die stolze Stunde rennen

In der wir zweifellos uns selbst geglaubt,Erst muß die heil’ge Flamme niederbrennen,Der Kranz verdorren der uns frisch umlaubt!

Erst müssen wir auf Gräbern wandeln lernen

50Und unser Herz muß werden selbst ein Grab;

Die leuchtendsten von unsres Glückes SternenSie müssen vor uns sinken bleich hinab,Erst wenn wir einsam unter Trümmern stehen,Entlaubte Bäume unter Eis und Schnee,

55Dann dürfen langsam wir zum Tode gehen,

Doch ohne Jubel, ohne Abschiedsweh.

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