Zöblitz (Louise Otto)
[149]Zöblitz, im Mai 1853.
Ein Pfingsten kam – o welche Festesfeier!Der schöne Mai im hellen BlütenkranzZerreist des Himmels düstern Wolkenschleier,Und zeigte ihn in seinem blau’sten Glanz. –
5Kann solche Wonne auch im Kerker wohnen?
Ist da auch Frühling, auch der holde Mai?Glühn auf Gefangnenstirnen Flammenkronen,Des heil’gen Geistes wunderbare Weih?
Und ist im Kerker holde Maienwonne,
10Geoffenbart in Lenz- und Liebeslust?
Dreimal gesegnet hohe Pfingstensonne,Die solche Stätte zu erhelln gewußt!
Der Riegel sprang und schloß er auch sich wiederIch war bei Dir, und bot Dir meinen Gruß –
15Du neigtest lächelnd Dich zu mir hernieder
Die Worte starben im Verlobungskuß.
Der erste Kuß! – bei uns der KerkermeisterKein Augenblick nur trauter Einsamkeit;
[150]Doch hemmte nichts die Wonne unsrer Geister –
20Der Raum war enge, doch die Herzen weit.
Von Deiner Stirne sprach des Geistes WeiheUnd Deine Rede war von Gott entflammt –Ich bat ihn nicht, daß er Dir Trost verleihe –Er gab Dir mehr – sein hohes Priesteramt.
25Ich hätte mögen vor Dir niederknieen,
„Mein hoher Herr!“ Dich nennen demutvoll –Und ließ mich doch in deine Arme ziehen,Daß mir das Herz in süßer Wonne schwoll.
Und vor uns eines neuen Kerkers Schauer,
30Und neuer Trennung unermeßnes Leid –
Die Liebe, im Bewußtsein ew’ger DauerSchwang doch sich siegreich über Raum und Zeit!
Die Liebe triumphiert ob aller Schranken,Daran ein liebeleeres Herz zerschellt:
35Du mein! ich Dein! – kein Zweifel mehr, kein Wanken!
Und siegreich überwunden ist die Welt!
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