Die beiden Veteranen

Die beiden Veteranen.

Zwei Buchen stehn auf hoher Bergeshalde,Zwei wetterharte, trotzige Gestalten;Die Stämm’ ergraut, bemoost der Rinde Falten,Doch ungebeugt vom Alter, vollbelaubt,

5Sehn sie hinab vom Teutoburger Walde

In’s stille Thal mit stolz getragnem Haupt.Auf ihren starren, regungslosen Aesten,Den blitzbedrohten, knorrig und zerzaust,Mag nur der kühne Weih und Habicht nesten.

10Auf ihnen wiegt sich nicht die Drossel, schallt

Kein Lied der Nachtigall; die hält das warmeTiefgrüne Thal dort, wo der Bergbach wallt.Sie strecken sich wie droh’nde RiesenarmeMit festgeballter, kampfbereiter Faust

15Dem Sturm entgegen, der heran von Westen

Durchs Sennethal und über’s Winnfeld braust.

Und wie sie einsam droben auf der kaltenWeitschau’nden Bergeskuppe stehn, gemahnenSie an zwei alte graue Veteranen,

20Die an geweihter Stätte Wache halten;

Und zieht der Herbstwind leise durch die Blätter,Dann ist’s als flüsterten die beiden AltenVon grauer Zeit, von Kämpfen unsrer AhnenFür Heerd und Freiheit und die alten Götter;

25Von ihren Festen, ihren Waldesthronen,

Gefallen mit den tausendjähr’gen Eichen;Von Roma’s Siegeszügen und den LeichenDer jählings hingemähten Legionen.Um Hünenring und Gräber schwebt die Sage

30Und wühlt im Moose der Vergessenheit,

Den Schleier lüftend längst vergangner Tage.

Hier unter dieser mächt’gen Buchen KronenUmfängt erquicklich dich nach dem GewühleDer Gegenwart die Waldeseinsamkeit

35Mit ihrer Ruh und ihrer Bergeskühle.

Dort unten saust und braust das Rad der Zeit;In hast’gem, ewig ruhelosem SpieleGreift lenkend, ordnend, ihre Hand in’s wildeGewirr der Fäden; schafft, vernichtet kalt

40Des eignen Wirkens wechselnde Gebilde.

Und zu des Spulrads ew’gem Summen schalltIhr Sang in alten, oft gehörten Weisen;Wie Schlummerlieder nun, mit wiegend leisen,Einförmgen Klängen und wie Sturmwind bald,

45Wie Schlachtfanfaren und wie Siegeslieder.

Und wie sie spinnt und singt und summt, zerfälltDer alte Bau mit Pfeiler, Thurm und Bogen,Zerfällt in Trümmer eine morsche WeltUnd mit ihr stürzen Thron und Scepter nieder;

50Und über die gesunkne Herrlichkeit

Und ihre Trümmer wälzen sich die Wogen,Die dunkeln Fluten der Vergessenheit.

Und weiter spinnt und singt und summt die Zeit –Und rastlos unter’m Rollen ihrer Spindeln

55Beginnt’s zu formen sich und zu gestalten;

Es hebt die neue Zeit sich aus den WindelnUnd Größres keimt aus dem versunknen Alten.Der Blick wird weit und weiter die Gedanken,Es fallen alte Mauern, alte Schranken

60Und alte Grenzen schwinden von der Karte.

Hell rauscht es durch der Buchen Frühlingsblätter,Wie sie, erwacht nach Wintersturm und Wetter,Ausschauend weit von ihrer lust’gen WarteAm Himmelsrand die leuchtende Standarte,

65Das Morgenroth von Deutschlands Größe sehn.

L. Altenbernd.

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