Weihnachten (Ludwig Thoma)

[385] Weihnachten

Christabend.Knirschender Schnee.Eisige BlumenAn allen Fenstern.

5Wie sitzt es sich wohlig

Im warmen ZimmerHinter der dampfendenPunschterrine,Lachende Augen um mich herum.

10Fröhliche Worte

Und frohe Herzen.Ei, Kinder, wie ist das behaglich!Da wird einem warm,Ruft Erinnerung wach

15An die helle, freundliche Jugendzeit.

Und weißt du es noch?Und wie ’s damals warIn dem alten, traulichen Försterhaus?Das will ich erzählen.

20In der Winternacht,

Die Berge wie riesige Zuckerhüte,Mit Demanten bestreut,Und alle die TannenMit Reif bedeckt,

25Ein Glitzern und Flimmern

Um Strauch und Baum,Als hätten die Englein,Den Herrn zu ehren,Viel tausend Lichter

30[386] Rings aufgesetzt.

Und die Sterne funkelnSo mild und hell.Drinnen im HausDie kleine Schar

35Erwartungsfreudig, voll Ungeduld.

Da führt uns die MutterZum Fenster hinan.In banger ScheuBlicken die glänzenden Kinderaugen

40In das Glitzern und Flimmern,

In die schweigende Nacht.Und horcht!Ein Singen und KlingenGeht durch die Luft,

45Christkindlein kommt,

Christkindlein zieht durch den Wald,Wie klopfen die Herzen!Wie glühen die Wangen!Schon ist es da,

50Öffnet die Tür,

Und im hellen ScheinStrahlet wieder der Weihnachtsbaum!Jubelnde Stimmen.Glückliche Kinder.

55Wißt Ihr es noch?

Wißt Ihr, wie ’s damals war?Stille wird es im Kreise,Und in jedem erwachtMächtig Erinnerung

60An die helle,

An die sonnige Jugendzeit.Alle schweigen. Nur eine spricht,Nur ein älteres Fräulein spricht.Seufzend sagt sie, wer so erzählt,

65Hat doch eigentlich ein Gemüt,

Und er sollte, sobald es geht,Sich verheiraten.

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