Der Kranz (Uhland)
Der Kranz.
Es pflückte Blümlein manigfaltEin Mägdlein auf der lichten Au;Da kam wohl aus dem grünen WaldEine wunderschöne Frau.
5Sie trat zum Mägdlein freundlich hin,
Sie schlang ein Kränzlein ihm in’s Haar:„Noch blüht es nicht, doch wird es blühn;O trag’ es immerdar!“
Und als das Mägdlein größer ward,
10Und sich erging im Mondenglanz,
Und Thränen weinte, süß und zart:Da knospete der Kranz.
Und als ihr holder BräutigamSie innig in die Arme schloß:
15Da wanden Blümlein wonnesam
Sich aus den Knospen los.
Sie wiegte bald ein süßes KindAuf ihrem Schooße mütterlich:Da zeigten an dem Laubgewind
20Viel goldne Früchte sich.
Und als ihr Lieb gesunken warAch! in des Grabes Nacht und Staub:Da weht’ um ihr zerstreutes HaarEin herbstlich falbes Laub.
25Bald lag auch sie erbleichet da,
Doch trug sie ihren werthen Kranz:Da war’s ein Wunder, denn man sahSo Frucht als Blüthenglanz.
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