Drei Fräulein (Uhland 1815)
Drei Fräulein.
1.
Drei Fräulein sahn vom SchlosseHinab in’s tiefe Thal.Ihr Vater kam zu Rosse,Er trug ein Kleid von Stahl.
5„Willkomm, Herr Vater, Gottwillkomm!
Was bringst du deinen Kindern?Wir waren alle fromm.“
„Mein Kind im gelben Kleide!Heut hab’ ich dein gedacht.
10Der Schmuck ist deine Freude,
Dein Liebstes ist die Pracht.Von rothem Gold die Kette hierNahm ich dem stolzen Ritter,Gab ihm den Tod dafür.“
15Das Fräulein schnell die Kette
Um ihren Nacken band.Sie ging hinab zur Stätte,Da sie den Todten fand.„Du liegst am Wege, wie ein Dieb,
20Und bist ein edler Ritter,
Und bist mein feines Lieb.“
Sie trug ihn auf den ArmenZum Gotteshaus hinab;Sie legt’ ihn mit Erbarmen
25In seiner Väter Grab.
Die Kett’, die ihr am Halse schien,Die zog sie fest zusammen,Und sank zum Lieb dahin.
2.
Zwei Fräulein sahn vom SchlosseHinab in’s tiefe Thal.Ihr Vater kam zu Rosse,Er trug ein Kleid von Stahl.
5„Willkomm, Herr Vater, Gottwillkomm!
Was bringst du deinen Kindern?Wir waren beide fromm.“
„Mein Kind im grünen Kleide!Heut hab’ ich dein gedacht.
10Die Jagd ist deine Freude
Bei Tag und auch bei Nacht.Den Spieß an goldnem Bande hierNahm ich dem wilden Jäger,Gab ihm den Tod dafür.“
15Sie nahm den Spieß zu Händen,
Den ihr der Vater bot,Thät in den Wald sich wenden,Ihr Jagdruf war der Tod.Dort in der Linde Schatten traf
20Sie bei den treuen Bracken
Ihr Lieb im tiefen Schlaf.
„Ich komme zu der Linde,Wie ich dem Lieb verhieß.“Da stieß sie gar geschwinde
25In ihre Brust den Spieß.
Sie ruhten bei einander kühl,Waldvöglein sangen oben,Grün Laub herunter fiel.
3.
Ein Fräulein sah vom SchlosseHinab in’s tiefe Thal.Ihr Vater kam zu Rosse,Er trug ein Kleid von Stahl.
5„Willkomm, Herr Vater, Gottwillkomm!
Was bringst du deinem Kinde?Ich war wohl still und fromm.“
„Mein Kind im weissen Kleide!Wohl hab’ ich dein gedacht.
10Die Blumen sind dein’ Freude,
Mehr als des Goldes Pracht.Das Blümlein, klar wie Silber, hierNahm ich dem kühnen Gärtner,Gab ihm den Tod dafür.“
15„Wie war er so verwegen?
Warum erschlugst du ihn?Er thät der Blümlein pflegen,Die werden nun verblühn.“„Er hat mir wunderkühn versagt
20Die schönste Blum’ im Garten,
Die spart’ er seiner Magd.“
Das Blümlein lag der ZartenAn ihrer weichen Brust.Sie ging in einen Garten,
25Der war wohl ihre Lust.
Da schwoll ein frischer Hügel auf,Dort bei den weissen Lilien,Sie setzte sich darauf.
„O könnt’ ich thun zur Stunde
30Den lieben Schwestern gleich!
Doch’s Blümlein gibt kein’ Wunde,Es ist so zart und weich.“Auf’s Blümlein sah sie, bleich und krank,Bis daß ihr Blümlein welkte,
35Bis daß sie niedersank.
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