Goethe und Tasso
[17] Goethe und Tasso.*)
So wird sich wieder denn der Vorhang hebenVor Belriguardos lorbeerstillen Gärten,Wo zarte Frau’n Gedankenkränze windenUnd alle Schönheit ahndevoll umfangen,
5Ein edler Fürst die Kunst beschützt, weil er
Nicht Regeln ihr, nein, Recht und Freiheit gibt,Nicht Ketten, sondern Flügel ihr verleiht,Und wo in Sonnenglanz und MyrtendüftenTorquato Tassos traurige Geschichte
15Sich zuträgt, der mit traumgeschwellten Segeln
Gescheitert einst am starren Fels des Lebens –Um ihn in höchster Not doch zu umklammern.
Des unglücksel’gen Sängers Schicksal hatEin glücklicherer Genius uns gesungen.
20Und war er glücklicher? Nahm ihm das Schicksal
Nicht nur die äuß’re Bürde von den Schultern,Daß tiefer er den inn’ren Schmerz empfinde?O glaubt: er hat das eigne Leid gesungenIn Tassos Schmerzen! Ach, in süßen Worten
25Hat laue Kälte ihn, wie oft, gekränkt,
Gefrorner Neid mit scharfen EisesnadelnSein Herz verletzt wie oft! Doch Qual vor allemIst gottgeborner Seelen tiefster Drang:Der Dichtung Traum dem Leben zu versöhnen!
30[18] Ach, all ihr Leben ist ein schmerzlich Fragen:
Warum ward unter Seligen ich geboren,Wenn unter Menschen ich mein Leben langdie Heimat suchen soll? –
Allein er suchte
35Und suchte mit dem treusten Menschenherzen
Geruhige Wohnstatt unter seinen Brüdern.Denn Mensch war er, und unter Menschen wollt’ erIn Liebe wohnen. Und im Angesichte,Im ungeheuren Rätselangesichte
40Des Lebens forscht’ er Tag für Tag und Stunde
Für Stunde. Und war seelentief beglückt,Wenn aus des Lebens dunklem Auge ihnEin heimlich, heilig Wissen überdrang.Da weckte solch ein Licht in seinem Busen
45Das große Feuer seines Herzens auf,
Und seine Kunst, in goldnen Flammen sang sieEin selig Wissen uns vom harten Leben.Ja, glücklich war er! Seine Stirn berührteDas Heldenglück des Lebensüberwinders –
50Das Glück, das einst Ferraras armer Sänger
Mit irrem Flügelschlag umsonst gesucht.
Und wir, vereint in seinem großen Namen,O suchten wir ein gleiches Glück und fänden’s!Noch fliehen irrend Leben sich und Lied.
55Des Lebens Helle suchte einst die Kunst
Und zagte feigen Blicks vor seinen Nächten –In seines Dunkels Schrecken drang sie vor
[19] Und haßte lichtvergess'nen Aug’s die Sonne –
Vergessen und verloren hatte sie
60Das Werk des großen Schöpfers aller Dinge,
Das Lied des Weltendichters: Tag und Nacht.Und da sie’s endlich wiederfindet, jubelndDie Arme breitet nach des Lebens Fülle –Verwehrt sich ihr das Leben streng und kalt.
65Nicht will’s mit ihr des Lorbeers Schatten teilen,
Den trauten Namen „Freundin“ ihr nicht gönnen,Wehrt ihr den Thron, den ihr Natur errichtetZur Seite des Gedankens und der Sitte,Und spricht voll Hochmut dröhnende Gesetze:
70„Du sollst!“ und „Du sollst nicht! Weil mir’s beliebt!“
Ach, nicht von edler Frauen roter Lippe,Nein, von des Eif’rers zorngesträubtem Munde,Von Pharisäer- und PedantenlippenGellt nun der Ruf: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“
75Versöhnung unser Werk! Es kam der Frühling;
Goldregen hängt herab aus leichten Lüften,Und aus der Tiefe steigt die Lilie auf,Demselben Schoße beide sie entsprungen.O, daß dereinst in einem neuen Frühling
80Entgegenwüchsen Leben sich und Lied,
In Mutterarmen der Natur versöhnt!Wohl käme dann ach Tassos „goldne Zeit“!Um Zeitenstrom hinwandelten sie beide,Die Kunst, das Leben, Aug’ in Aug’ versunken
85Im starken Frieden spät erkannter Liebe.
[20] Nicht mehr begehrte eines, was das andre
Nicht willig aus verwandtem Trieb gewährt.So führend wie geführt frohlockten beideDem lichtumkränzten Ziel der Ströme zu,
90Und im Geriesel warmer Sonnenfluten
Und im verborgnen Silberklang der Quellen,Im rauschenden Gesang aus Busch und BäumenBewegte das Erlösungswort die Welt,Das selige Wort: „Erlaubt ist, was gefällt!“
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