Unter den kalifornischen Riesenbäumen
Mondnacht im Calavéras-Hain.
Ich saß auf der Veranda spät,Von kühler Bergluft sanft umweht,Den Abend zu verträumen,Und vor mir lag im MondenscheinDer dunkle Calavéras-HainMit seinen Riesenbäumen.
Im Bann der wunderschönen NachtIst gleich der Drang in mir erwacht,Dorthin den Schritt zu lenken,Und, fern vom Zwiespalt unsrer Zeit,In seine Pracht und HerrlichkeitMich sinnend zu versenken.
Ich kannte in dem WaldgehegDen langen, viel gewund’nen WegJa schon seit manchen Tagen,Wo zwischen prächt’ger Fichten ScharDie roten Säulen wunderbarHoch in den Aether ragen.
Urplötzlich, wie das Sehnen kam,Erhob ich mich, und bald schon nahmMich auf des Haines Mitte.Kaum sichtbar war der braune Pfad,Den ohne zögern ich betratMit festem Mannesschritte.
Das Mondlicht spielte zauberhaftUm Busch und Strauch, um Ast und SchaftDer hehren Urwaldsriesen,Und magisch flutete der GlanzUm ihrer hohen Wipfel Kranz,Die ernst zum Himmel wiesen.
Fern schwebte in dem WeltenraumHoch überm dunklen WaldessaumDes Vollmonds milde Leuchte,Die manchmal meinem Blick entschwand,Dann wieder groß am Himmel standUnd nie so schon mir däuchte.
Des „Urwalds Vater“ sah ich nunEntwurzelt auf dem Boden ruh’n,Was tief mein Mitleid weckte.Einst ragt’ er hoch wie Erwins Turm,Bis jählings ihn ein WintersturmLautkrachend niederstreckte.
Viertausend Jahre sind’s und mehr,Seit hier im Hochgebirge erAufwuchs, so stolz, so prächtig;Es war zur Zeit, als Troja fiel,Als Ramses’ Macht geherrscht am Nil,Als Babel groß und mächtig.
Rings stehen noch zerstreut im WaldDie Söhne, riesig an Gestalt,Im rötlich-braunen Kleide,Die „Mutter“ aber, starr und bleich,Streckt ihre Arme, schemengleich,Empor im Witwenleide.
Ernst schaut’ ich in den Wald hinein,Wo Finsternis und StrahlenscheinSich um die Herrschaft stritten.Das ist so überall der Brauch!So ist’s im Menschenherzen auch,Bis einst es ausgelitten.
Dies sinnend, stand ich lange da,Und durch die mächt’gen Wipfel sahDer Mond, der silberreine.Spät wandt’ ich heimwärts meinen Schritt,Und dies Gedicht, das bracht’ ich mitAus Calavéras’ Haine.
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