Im Banne des Mittelalters

Aus Spaniens fernen Tagen, aus der ZeitDes Mittelalters, trotzig, wüst und blutig,Klingt ein Geheul von ungeheurem Leid,Bricht Flammenlodern, grell, zerstörungsgluthig;Stets wächst das Elend, das zum Himmel schreit,Und ob dein Auge noch so fest und muthig:Die Wimper zuckt, willst du das Bild erfassenDes Unglücksvolkes, das sein Gott verlassen.

Das ist der störr’sche Nachwuchs Ahasver’s,Der inbrunststark der Väter Erb’ umfaßte;Zerbrochen war der Schutz des MaurenspeersVon jenen Christen, die sein Glaube haßte;Kein Wunder hielt die Fluth des rothen Meers,Bis daß Jehova’s Volk bei Palmen raste:Zerfleischend traf’s, zum Christenschwert erkoren,Das Kreuz der Liebe, das sein Schooß geboren.

Das schwang der Wahnwitz und die BeutegierUnd finstre Rachlust, glaubenshaßverbündet;Das hob zerstörungsfroh die Rohheit hier,Und dort die Lust der Sinne, frech entzündet;Mit allen Lastern regte sich das Thier;Und vor dem Zeichen, das Versöhnung kündet,Vor dem Verrath, vor Folter und VernichtungFloh Israel in aller Winde Richtung, –

Jüngst träumte mir – mit Schaudern denk’ ich dran –Als hätt’ in ihren weltverborgnen GrüftenDie Schreckenszeit gelöst des Todes BannUnd stieg’ gespenstisch aus erbrochnen Klüften.Nachtfinster kam’s – ein Brodem ging mich an,Wie ein Gemisch aus Blut- und Moderdüften,Und gräßlich sah ich jener Zeit GestaltenWeithin und weiter ihres Wesens walten.

Ein ferner Angstschrei scholl von allem Land,Ein wilder Schrei, wie aus Verlorner Munde;Und um mich rief’s nach Ketten und nach Brand,Nach neuen Schlägen in die alte Wunde –Und wie ich qualvoll vor dem Räthsel stand,Da – – wacht’ ich auf; und tief von HerzensgrundeSog ich den Athem, noch des Spuks verwundert. –Es war ein Traum – – im neunzehnten Jahrhundert!

O beßre Zeit – gelobt, gesegnet sei,Und, heil’ge Duldung, du auf deutscher Erde!Gesetz und Vaterland, die hehre ZweiFaßt alle Bürger fest zu Einer Heerde;Jedweder ringt, weß Glaubens er auch sei,In seiner Weise, daß er glücklich werde,Und jene Schmach barbarischer GerichteVersiegelt uns der Fluch der Weltgeschichte.

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