Das Schicksal (Gellert)
[104] Das Schicksal.
O Mensch! was strebst du doch den Rathschluß zu ergründen,Nach welchem Gott die Welt regiert?Mit endlicher Vernunft willst du die Absicht finden,Die der Unendliche bey seiner Schickung führt?
5Du siehst bey Dingen, die geschehen,
Nie das Vergangne recht, und auch die Folge nicht;Und hoffest doch den Grund zu sehen,Warum das, was geschah, geschicht?Die Vorsicht ist gerecht in allen ihren Schlüssen.
10Dieß siehst du freylich nicht bey allen Fällen ein;
Doch wolltest du den Grund von jeder Schickung wissen:So müßtest du, was Gott ist, seyn.Begnüge dich, die Absicht zu verehren,Die du zu sehn, zu blöd am Geiste bist;
15Und laß dich hier ein jüdisch Beyspiel lehren,
Daß das, was Gott verhängt, aus weisen Gründen fließt,Und, wenn dirs grausam scheint, gerechtes Schicksal ist.
Als Moses einst vor Gott auf einem Berge trat,Und ihn von jenem ewgen Rath,
20Der unser Schicksal lenkt, um größre Kenntniß bat:
So ward ihm ein Befehl, er sollte von den Höhen,Worauf er stund, hinab ins Ebne sehen.[105] Hier floß ein klarer Quell. Ein reisender SoldatStieg bey dem Quell von seinem Pferde,
25Und trank. Kaum war der Reuter fort:
So lief ein Knabe von der HeerdeNach einem Trunk an diesen Ort.Er fand den Geldsack bey dem Quelle,Der jenem hier entfiel, er nahm ihn, und entwich;
30Worauf nach eben dieser Stelle
Ein Greis gebückt an seinem Stabe schlich.Er trank, und setzte sich, um auszuruhen, nieder;Sein schweres Haupt sank zitternd in das Gras,Bis es im Schlaf des Alters Last vergaß.
35Indessen kam der Reuter wieder,
Bedrohte diesen Greis mit wildem Ungestüm,Und forderte sein Geld von ihm.
Der Alte schwört, er habe nichts gefunden,Der Alte fleht und weint, der Reuter flucht und droht,
40Und sticht zuletzt, mit vielen Wunden,
Den armen Alten wütend todt.
Als Moses dieses sah, fiel er betrübt zur Erden;Doch eine Stimme rief: Hier kannst du inne werden,Wie in der Welt sich alles billig fügt,
45Denn wiß: Es hat der Greis, der itzt im Blute liegt,
Des Knabens Vater einst erschlagen,Der den verlornen Raub zuvor davon getragen.
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