Der süße Traum
[71] Der süße Traum.
Mit Träumen, die uns schön betrügen,Erfreut den Timon einst die Nacht;Im Schlaf erlebt er das Vergnügen,An das er wachend kaum gedacht.
5Er sieht, aus seines Bettes Mitte
Steigt schnell ein großer Schatz herauf;Und schnell baut er aus seiner HütteIm Schlafe schon ein Lustschloß auf.Sein Vorsaal wimmelt von Clienten,
10Und, unbekleidet am Kamin,
Läßt er, die ihn vordem kaum nennten,In Ehrfurcht itzt auf sich verziehn.Die Schöne, die ihn oft im WachenDurch ihre Sprödigkeit betrübt,
15Muß Timons Glück vollkommen machen;
Denn träumend sieht er sich geliebt.Er sieht von Doris sich umfangen,Und ruft, als dieß ihm träumt, vergnügt;Er lallt: O Doris, mein Verlangen!
20Hat Timon endlich dich besiegt?
Sein Schlafgeselle hört ihn lallen;Er hört, daß ihn ein Traum verführt,Und thut ihm liebreich den Gefallen,Und macht, daß sich sein Traum verliert.
25Freund, ruft er, laß dich nicht betrügen,
Es ist ein Traum, ermuntre dich!O böser Freund! um welch Vergnügen,Klagt Timon ängstlich, bringst du mich!
[72] Du machest, daß mein Traum verschwindet;
30Warum entziehst du mir die Lust?
Genug, ich hielt sie für gegründet,Weil ich den Irrthum nicht gewußt.
Oft quält ihr uns, ihr Wahrheitsfreunde,Mit eurer Dienstbeflissenheit;
35Oft seyd ihr unsrer Ruhe Feinde,
Indem ihr unsre Lehrer seyd.Wer heißt euch uns den Irrthum rauben,Den unser Herz mit Lust besitzt?Und der, so heftig wir ihn glauben,
40Uns dennoch minder schadt, als nützt.
Der wird die halbe Welt bekriegen,Wer allen Wahn der Welt entzieht.Die meisten Arten von VergnügenEntstehen, weil man dunkel sieht.
45Was denkt der Held bey seinen Schlachten?
Er denkt, er sey der größte Held.Gönnt ihm die Lust, sich hochzuachten,Damit ihm nicht der Muth entfällt.Geht, fragt: Was denkt wohl Adelheide?
50Sie denkt, mein Mann liebt mich getreu.
Sie irrt; doch gönnt ihr ihre Freude,Und laßt das arme Weib dabey.Was glaubt der Ehemann von Lisetten?Er glaubt, daß sie die Keuschheit ist.
55Er irrt; ich wollte selber wetten;
Doch schweigt, wenn ihr es besser wißt.
[73] Was denkt der Philosoph im Schreiben?
Mich liest der Hof, mich ehrt die Stadt!Er irrt; doch laßt ihn irrig bleiben,
60Damit er Lust zum Denken hat.
Durchsucht der Menschen ganzes Leben,Was treibt zu großen Thaten an?Was pflegt uns Ruh und Trost zu geben?Sehr oft ein Traum, ein süßer Wahn.
65Genug, daß wir dabey empfinden!
Es sey auch tausendmal ein Schein!Sollt aller Irrthum ganz verschwinden:So wär es schlimm, ein Mensch zu seyn.
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