Die Biene und die Henne
[69] Die Biene und die Henne.
Nun Biene, sprach die träge Henne,Dieß muß ich in der That gestehn,So lange Zeit, als ich dich kenne:So seh ich dich auch müßig gehn.
5Du sinnst auf nichts, als dein Vergnügen;
Im Garten auf die Blumen fliegen,Und ihren Blüthen Saft entziehn,Mag eben nicht so sehr bemühn.Bleib immer auf der Nelke sitzen,
10Dann fliege zu dem Rosenstrauch.
Wär ich, wie du, ich thät es auch.Was brauchst du andern viel zu nützen?Genug, daß wir so manchen MorgenMit Eyern unser Haus versorgen.
15O! rief die Biene, spotte nicht!
Du denkst, weil ich bey meiner PflichtNicht so, wie du bey einem Eye,Aus vollem Halse zehnmal schreye:So, denkst du, wär ich ohne Fleiß.
20Der Bienenstock sey mein Beweis,
Wer Kunst und Arbeit besser kenne,Ich, oder eine träge Henne?Denn, wenn wir auf den Blumen liegen,So sind wir nicht auf uns bedacht;
25Wir sammeln Saft, der Honig macht,
Um fremde Zungen zu vergnügen.
[70] Macht unser Fleiß kein groß Geräusch,
Und schreyen wir bey warmen Tagen,Wenn wir den Saft in Zellen tragen,
30Uns nicht, wie du im Neste, heisch:
So präge dir es itzund ein:Wir hassen allen stolzen Schein;Und wer uns kennen will, der muß in Rost und KuchenFleiß, Kunst, und Ordnung untersuchen.
35Auch hat uns die Natur beschenkt,
Und einen Stachel eingesenkt,Mit dem wir die bestrafen sollen,Die, was sie selber nicht verstehn,Doch meistern, und verachten wollen:
40Drum, Henne! rath ich dir, zu gehn.
O Spötter, der mit stolzer Miene,In sich verliebt, die Dichtkunst schilt;Dich unterrichtet dieses Bild.Die Dichtkunst ist die stille Biene;
45Und willst du selbst die Henne seyn:
So trifft die Fabel völlig ein.Du fragst, was nützt die Poesie?Sie lehrt, und unterrichtet nie.Allein wie kannst du doch so fragen?
50Du siehst an dir, wozu sie nützt:
Dem, der nicht viel Verstand besitzt,Die Wahrheit, durch ein Bild, zu sagen.
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