Die Geschichte von dem Hute
[9] Die Geschichte von dem Hute.
Das erste Buch.
Der erste, der mit kluger HandDer Männer Schmuck, den Hut, erfand,Trug seinen Hut unaufgeschlagen;Die Krempen hiengen flach herab;
5Und dennoch wußt er ihn zu tragen,
Daß ihm der Hut ein Ansehn gab.
Er starb, und ließ bey seinem SterbenDen runden Hut dem nächsten Erben.
Der Erbe weis den runden Hut
10Nicht recht gemächlich anzugreifen;
Er sinnt, und wagt es kurz und gut,Er wagts, zwo Krempen aufzusteifen.Drauf läßt er sich dem Volke sehn;Das Volk bleibt vor Verwundrung stehn,
15Und schreyt: Nun läßt der Hut erst schön!
Er starb, und ließ bey seinem SterbenDen aufgesteiften Hut dem Erben.
Der Erbe nimmt den Hut, und schmählt.Ich, spricht er, sehe wohl, was fehlt.
20Er setzt darauf mit weisem Muthe
Die dritte Krempe zu dem Hute.O, rief das Volk, der hat Verstand!Seht, was ein Sterblicher erfand!Er, er erhöht sein Vaterland!
[10]25Er starb, und ließ bey seinem Sterben
Den dreifach spitzen Hut dem Erben.
Der Hut war freylich nicht mehr rein;Doch sagt, wie konnt es anders sein?Er gieng schon durch die vierten Hände.
30Der Erbe färbt ihn schwarz, damit er was erfände.
Beglückter Einfall! rief die Stadt,So weit sah keiner noch, als der gesehen hat.Ein weisser Hut ließ lächerlich.Schwarz, Brüder, schwarz! so schickt es sich.
35Er starb, und ließ bey seinem Sterben
Den schwarzen Hut dem nächsten Erben.
Der Erbe trägt ihn in sein Haus,Und sieht, er ist sehr abgetragen;Er sinnt, und sinnt das Kunststück aus,
40Ihn über einen Stock zu schlagen.
Durch heisse Bürsten wird er rein;Er faßt ihn gar mit Schnüren ein.Nun geht er aus, und alle schreyen:Was sehn wir? Sind es Zaubereyen?
45Ein neuer Hut! O glücklich Land,
Wo Wahn und Finsterniß verschwinden!Mehr kann kein Sterblicher erfinden,Als dieser große Geist erfand.
Er starb, und ließ bey seinem Sterben
50Den umgewandten Hut dem Erben.
[11] Erfindung macht die Künstler groß,
Und bey der Nachwelt unvergessen;Der Erbe reißt die Schnüre los,Umzieht den Hut mit goldnen Dressen,
55Verherrlicht ihn durch einen Knopf,
Und drückt ihn seitwärts auf den Kopf.Ihn sieht das Volk, und taumelt vor Vergnügen.Nun ist die Kunst erst hoch gestiegen!Ihm, schrie es, ihm allein ist Witz und Geist verliehn!
60Nichts sind die andern gegen ihn!
Er starb, und ließ bei seinem SterbenDen eingefaßten Hut dem Erben.Und jedesmal ward die erfundne TrachtIm ganzen Lande nachgemacht.
Ende des ersten Buchs.
65Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen,
Will ich im zweyten Buche sagen.Der Erbe ließ ihm nie die vorige Gestalt.Das Außenwerk ward neu; er selbst, der Hut, blieb alt.Und, daß ichs kurz zusammen zieh,
70Es gieng dem Hute fast, wie der Philosophie.
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