Herodes und Herodias
[164]Herodes und Herodias.
Freund, wer Ein Laster liebt, der liebt die Laster alle.Wer Ein Gesetz der Tugend übertritt,Entheiligt in dem einen FalleIm Herzen auch die andern mit.
5O sprichst du, welche Sittenlehre
Giebt euch der Geist der Schwermuth ein!Gesetzt, daß ich der Wollust dienstbar wäre,Werd ich deswegen wohl der Mordsucht eigen seyn?Ich glaub es, lieber Freund, du wirst es mir verzeihn.
10Schrift und Vernunft behaupten diese Lehre.
Der Witz, der dich die Wahrheit lehrt,Die Hurerey sey kein Verbrechen,Wird, wenns dein Vortheil nur begehrt,Das Wort zugleich der Mordsucht sprechen.
15Auf Einmal wird man nie der größte Bösewicht;
Allein den Grund dazu kann man auf Einmal legen.Verletze nur mit Vorsatz Eine Pflicht:So hast du schon das schreckliche Vermögen,Wodurch dein Herz die andern bricht.
20Warum gehorchst du den Gesetzen?
Weil Gott, der Heilige, der deine Wohlfahrt liebt,Sie den Vernünftigen zu ihrer Wohlfahrt giebt.Doch darfst du Ein Gebot verletzen:So schwächst du ja den Grund, auf dem sie alle stehn.
25Was kann sich dir denn widersetzen,
Dich nicht an allen zu vergehn?
[165]"]}' id="mwPw"> O! merk es doch, noch unschuldsvolle Jugend!
Ich bitte dich, o merk es dir!Es giebt nicht mehr als Eine Tugend,
30Und als Ein Laster neben ihr.
Hast du den Vorsatz nicht, nach allen heilgen Pflichten,Dich in und außer dir zu richten:So prange hier und da mit guter Eigenschaft,Dein Herz ist doch nicht tugendhaft.
35So oft dus wagst, nur Eins von den Gesetzen,
Weil es dein Herz verlangt, mit Vorsatz zu verletzen:So schwächst du aller Tugend Kraft,Und bist bey hundert guten Thaten,Die Hoffnung, oder Furcht, Ruhm und Natur dir rathen,
40Vor Gott und der Vernunft doch völlig lasterhaft.
O Jugend! faß doch diese Lehren,Itzt ist dein Herz geschickt dazu.Dem kleinsten Laster vorzuwehren,Die Tugend ewig zu verehren,
45Sey niemand eifriger als du!
Durch sie steigst du zum göttlichen Geschlechte,Und ohne sie sind Könige nur Knechte.Sie macht dir erst des Lebens Anmuth schön.Sie wird bey widrigem Geschicke
50Dich über dein Geschick erhöhn.
Sie wird im letzten Augenblicke,Wenn alle traurig von dir gehn,In himmlischer Gestalt zu deiner Seite stehn,Und in die Welt der selgen Herrlichkeiten
55Den Geist, weil sie ihn liebt, begleiten.
[166]Sie wird dein Schmuck vor jenen Geistern seyn,
Die sich schon auf dein Glück und deinen Umgang freun.O Mensch! ist dir dieß Glück zu klein,Um strenge gegen dich zu seyn?
60"]}' id="mwjQ"> Nunmehr mag uns ein wahres Beyspiel lehren,
Wie alle Laster sich von Einem Laster nähren.
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Herodias, wie uns die Schrift erzählt,Brach dem die Treu, mit dem sie sich vermählt,Und hieng an seines Bruders Seite,
65Der Neigung nach, die auch ein Heide scheute;
Und die der Hof, der gern mit Worten spielt,Für Zärtlichkeit, und nicht für Unzucht hielt.
Doch laßt die Schmeichler knechtisch sprechen.Johannes kommt an Hof. Kein Thron verblendet ihn,
70Von dem das Laster strahlt. Er sieht es, und spricht kühn:
Du hast des Bruders Weib; dieß, Fürst, ist ein Verbrechen!So redt ein Mann, aus dem der Geist der Tugend spricht.Zur Niederträchtigkeit reizt ihn der Thron zu wenig.Er fürchtet Gott mehr als den König,
75Und hält den Muth für seine größte Pflicht,
Wenn er zu dessen Ehre spricht,Von dem mit uns die Könige der ErdenAus gleichem Staub gebildet werden.
[167]"]}' id="mwyA"> So dreist sprach Zachariä Sohn;
80Allein der Kerker ward sein Lohn.
Ein Wiederruf könnt ihn daraus erretten;Doch nein, ein Tugendfreund liegt lieber frey an Ketten,Als sklavisch um der Fürsten Thron.So frey indeß Johannes auch gesprochen:
85So blieb er doch dem Fürsten werth.
Denn selber der, der jede Pflicht gebrochen,Wird durch ein Herz gereizt, das Gott und Tugend ehrt;Ein heimliches Gefühl heißt ihn dieß Herz noch lieben,Und sich, daß ers nicht hat, noch hassen kann, betrüben.
90"]}' id="mw5A"> Und also scheint der Fürst noch tugendhaft zu seyn,
So sehr ihn auch sein Laster eingenommen.Wenn er unzüchtig ist, ist er drum grausam? Nein;Doch laßt nur einen Umstand kommen:So wird ers doch aus Wollust seyn.
95Kein Laster herrscht jemals allein,
Und du begiengst vielleicht, wie er, das größte,Wärst du zum größten nicht zu klein.
Der Fürstinn Tochter tanzt an einem Freudenfeste.Der Hof bewundert sie. Herodes wird entzückt,
100Und fühlt, indem er sie erblickt,
Der Mutter Blick in ihrer Tochter Blicke.Er winkt der Salome: „Gebeut itzt deinem Glücke,Und bitte, was du willst! für meine Lieb und dichIst nichts zu groß, und nichts zu königlich.“
105"]}' id="mwAQs"> Die Tochter eilt mit frohen Schritten
Zu der Herodias, und fragt: was soll ich bitten?
[168]„Bitt um des Täufers trotzig Haupt!“
O Gott! wer hätte das geglaubt?Ist für ein weiches Herz, und für verbuhlte Blicke,
110Ein blutig Haupt ein reizungsvolles Glücke?
Ein Weib, das sonst die kleinsten Schmerzen scheut,Findt, da die Wollust ihr gebeut,Selbst Wollust in der Grausamkeit,Und lehrt zugleich die Tochter ein Verbrechen?
115"]}' id="mwASk"> Herodes hört den Wunsch, erschrickt und wird betrübt,
Weil er den frommen Täufer liebt;Allein der Fürstenstolz weist ihn auf sein Versprechen.Hats nicht der Hof gehört? Bist du nicht Herr und Fürst?Wird sich Herodias nicht gleich durch Kaltsinn rächen,
120Wofern du nicht den Wunsch erfüllen wirst?
Gebeut, sprach seine Brunst; und eilig willigt erIn dieses grausame Vergnügen.Man bringt des Täufers Haupt auf einer Schüssel her.
Hier siehst du ja, wie bald nach leichter Gegenwehr
125In Einem Laster alle siegen!
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