Paradiso

Translated by Carl Streckfuß

Göttliche Komödie

Der Ruhm deß, der bewegt das große Ganze,

Durchdringt das All, und diesem Theil gewährtEr minder, jenem mehr von seinem Glanze.

Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,

War ich und sah, was wieder zu erzählenDer nicht vermag, der von dort oben kehrt.

Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,

Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,Dann muß der Rückweg dem Gedächtniß fehlen.

Doch Alles, was im heiligen Gebiet

Nur einzusammeln war von sel’ger Schöne,Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied.

Apollo, Güt’ger, leih mir deine Töne

Zum letzten Werk – mach’ ein Gefäß aus mir,Werth, daß es dein geliebter Lorbeer kröne.

Mir gnügt’ ein Gipfel des Parnaß bis hier,

Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen,So fleh’ ich jetzt um beid’ empor zu dir.

Den Odem hauch’ in mich, den reinen, süßen,

Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf seist,Den Marsyas kämpft’, um frevlen Stolz zu büßen.

O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,

Den Nachschein von des sel’gen Reiches Glanze

Zu malen aus dem Bild in meinem Geist,

Dann siehest du mich nahn der theuren Pflanze

Und, durch den Stoff und dich deß werth, geschmücktUnd reich gekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze.

Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt,

Um Kaiser- oder Dichter-Sieg zu ehren,Weil ird’scher Wunsch mit Schuld und Schmach uns drückt,

Muß Freud’ es wohl dem freud’gen Gott gewähren,

Den Delphos preist, kehrt noch mit kühnem MuthNach Daphne’s Laub ein Herz all sein Begehren.

Und weckt ein kleiner Funk’ oft große Glut,

So fleht nach mir zu höherer VerkündungEin Andrer wohl um deine Hülf’ und Hut. –

Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung

Das Licht der Welt; allein in Einer sindVier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung,

Wo’s bessern Lauf mit besserm Stern beginnt,

So daß der Erde Wachs in diesem ZeichenVon ihm ein schöneres Gepräg’ gewinnt.

In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen

Und dort entglühn; und auf dem Halbkreis hierDie schwarze Nacht sich nahn und dort entweichen.

Und links gewandt erschien Beatrix mir,

Und wie kein Aar je fest und ungeblendetZur Sonne sah, so blickte sie zu ihr.

Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,

Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt,Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet,

So macht’ ihr Blick, der durch die Augen itzt

Mein Innres traf, zur Sonn’ auch meinen steigen,Mit größrer Kraft, als sonst der Mensch besitzt.

Viel kann man dort, was hier zu übersteigen

Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht,Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen.

Nicht lang’ ertrug ich’s, doch so wenig nicht,

Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feu’r entnommen,Das Eisen sprüht, sie sprüht’ in Glut und Licht.

Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen,

Als sei durch den, der’s kann, am HimmelsrandNoch eine zweite neue Sonn’ entglommen.

Fest schauend nach den ew’gen Kreisen, stand

Beatrix dort, und ihr in’s glanzerhellteGesicht sah ich, von oben abgewandt,

Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte,

Was Glaukus fühlt’, als er das Kraut geschmeckt,Das ihn den Meeres-Göttern zugesellte.

Verzückung fühlt’ ich. Was sie sei, entdeckt

Die Sprache nicht, mag’s drum dies Beispiel lehren,Wenn je in euch die Gnade sie erweckt!

Ob ich nur Seele war? – Du magst’s erklären,

O Liebe, Himmelslenkerin, die michMit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären.

Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich

In Sehnsucht rollt, mein Aug’ an sich gezogenMit Harmonie’n, vertheilt, gemischt durch dich,

Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen

So weit hin, wie von Strom- und RegenflutKein See noch je erstreckt die breiten Wogen.

Des Klanges Neuheit und die lichte Glut,

Sie machten, daß ich vor Begierde brannte,Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut;

Drob Sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte,

Mir zu befried’gen den erregten Geist,Noch eh’ ich fragte, schon sich zu mir wandte,

Und sprach: „Ein Wahn ist schuld, daß du nicht weißt,

Was du sogleich erkennen wirst und sehen,Sobald du dich von seinem Trug befreist.

Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen,

Doch flieht kein Blitz aus seinem VaterlandSo schnell, wie du jetzt eilst, hinauf zu gehen.“

Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand,

Durch’s kurze Wort und ihres Lächelns Frieden,Als wieder schon ein neuer mich umwand.

„„Vom großen Staunen ruht’ ich schon zufrieden;

Doch steig’ ich jetzt durch leichte Stoff’ empor,Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden.““

Ein Seufzer weht’ aus ihrem Mund hervor,

Dann sah sie hin auf mich, wie auf den KnabenDie Mutter blickt, die sagen will: du Thor!

„Die Dinge sämmtlich“, so begann Sie, „haben

Unter sich Ordnung, und das All ist nurDurch diese Form Gott ähnlich und erhaben.

Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur

Der Kraft, der ew’gen, die zum Ziel gegebenVom Schöpfer ward der Ordnung der Natur.

Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben,

Ob hoch ihr Loos, ob niedrig sei; ob mehr,Ob minder nah’ sie ihrem Ursprung leben.

Sie treiben durch des Seins unendlich Meer

Geleitet von dem Trieb, den Gott als SteuerJedwedem gab, auf manchem Hafen her.

Er ist’s, der trägt zum Mond empor das Feuer,

Der diesen Erdenball zusammenhältUnd eint, er, der bewegt die Herzen euer.

Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, schnellt

Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile,Auf die auch, denen Geist und Lieb’ gesellt.

Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Theile,

Die durch ihr Licht des Himmels Ruh’ erhält,

In dem der Kreis sich dreht von größter Eile,

Läßt zum bestimmten Platz in jener Welt

Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen,Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt.

Wahr ist’s, daß, wie oft Formen nicht gelingen,

Wie sie in sich des Künstlers Geist empfahn,Wenn spröde mit der Kunst die Stoffe ringen,

So das Geschöpf oft weicht von seiner Bahn,

Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen,Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nahn,

Wenn erdenwärts es falsche Reize ziehen –

Gleichwie man seh’n kann aus der Wolke SchlundZum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen.

Nun ist dir, denk’ ich, weniger nicht kund,

Wie von der Erde du emporgestiegen,Als, wie der Bach vom Berge fließt zum Grund!

Bliebst du, von Hemmniß frei, am Boden liegen,

Erstaunenswerther wär’s, als sähest duTräg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen.“

Hier wandt’ ihr Antlitz sich dem Himmel zu.

O ihr, die ihr, von Hörbegier verleitet,

Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt,Das mit Gesange durch die Fluten gleitet,

Kehrt wieder heim zu dem verlaßnen Strand,

Schifft nicht in’s Meer! denn, die mir folgen, wärenVielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand.

Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren;

Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit,Und neue Musen zeigen mir die Bären.

Ihr andern wen’gen, die zur rechten Zeit

Ihr euch geneigt zum Engelsbrod, das LebenHienieden uns, nie Sättigung verleiht,

Ihr könnt euch kühn auf’s hohe Meer begeben,

Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt,Eh’ wieder gleich das Wasser wird und eben.

Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt,

Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen,Anstaunten, daß zum Pflüger Jason ward. – –

So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen

Wir fort, zum Reich, dem Gott sein Bild verlieh,Vom angebornen, ew’gen Durst gezogen.

Beatrix blickt’ empor und ich auf Sie,

Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingenVom Bogen pflegt und fliegt und ruht – da sieh’

Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen

Gefesselt ward, schon angelangt mit Ihr;Und Sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen,

Sie wandte sich so froh wie schön zu mir:

„Auf, bring’ jetzt Gott des Dankes Huldigungen!Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier.“

Mir schien’s, als hielt’ uns eine Wolk’ umschlungen,

Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein,Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen.

Die ew’ge Perle nahm uns also ein,

Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen,In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein.

Wenn ich nun Leib war und wir nicht erkennen,

Wie sich in einem Raum ein zweiter fand,Und wie in Körper Körper tauchen können:

Sollten wir um so heißer sein entbrannt,

Das Ursein zu erschau’n, in dem wir schauen,Wie unserer Natur sich Gott verband.

Dort wird uns das, worauf wir gläubig bauen,

Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar,Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen.

„„Ihm, Herrin,““ sprach ich, „„der mich wunderbar

Der Erd’ entrückt, ihm bring’ ich jetzt, entglommenVon frommer Glut, des Dankes Opfer dar.

Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen

Auf dieses Körpers Scheib’, aus welchem manZur Kainsfabel dort den Stoff entnommen.““

Sie lächelt’ erst ein wenig und begann:

„Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen,Die nicht der Sinne Schlüssel öffnen kann,

So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen,

Siehst du, wie, selbst den Sinnen nach, nicht weitSich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen.

Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!“

Und ich: „„Von dünnern oder dichtern StellenKommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit.““

Drauf Sie: „Du wirst bald selbst das Urtheil fällen,

Daß falsch die Meinung sei, drum gieb wohl Acht,Was ich für Gründ’ ihr werd’ entgegenstellen.

Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht,

An Größ’ und Eigenschaften sehr verschieden,Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht.

Wär’ dies durch Dünn’ und Dichtigkeit entschieden,

So gäb’s in Allen ja nur eine Kraft,Die diesem mehr, dem minder wär’ beschieden.

Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft

Verschiedne Kräft’, und alle diese schwänden,Nach deinem Satz, vor einer Formungskraft.

Denn, wenn die Flecken durch die Dünn’ entständen

So denke, daß entweder hier und dortSich durch und durch stoffarme Stellen fänden;

Oder, gleichwie am Leib von Ort zu Ort

Das Fett’ und Magre wechseln, also gingenDie Schichten durch den Mond abwechselnd fort.

Das Erste würd’ an’s Licht die Sonne bringen,

Wenn sie verfinstert ist – es würd’ ihr ScheinDann wie durch andre dünne Stoffe dringen.

Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit’ allein,

Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen,Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein.

Kann durch und durch der dünne Stoff nicht gehen,

So muß wohl eine Grenze sein, und hierDer dichte Stoff den Strahlen widerstehen.

Zurücke blitzt sodann der Strahl von ihr –

So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite,Mit Blei belegt, zurück dein Bildniß dir.

Nun sagst du wohl, daß, weil aus größrer Weite

Der Strahl sodann auf dich zurückeprallt,Er deshalb auch geringres Licht verbreite.

Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald

Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle,Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt.

Drei Spiegel nimm, und zwei von diesen stelle

Gleich weit von dir – dem dritten gieb sodannEntfernter zwischen beiden seine Stelle.

Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man

Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allenZum Wiederstrahl des Schimmers spiegeln kann.

In’s Auge wird der fern’re kleiner fallen,

Doch wird auf dich von ihnen allzumalEin gleich lebendig Licht zurückeprallen.

Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl

Des Schnees Massen in sich selbst zergehen,Und Farb’ und Frost zerrinnt im rauhen Thal,

So soll’s dem Wahn in deinem Geist geschehen,

Und durch mein Wort sollst du lebend’ge GlutVor deinem Blick erzitternd funkeln sehen.

Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht,

Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und WaltenDas Sein all deß, was er enthält, beruht.

Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten,

Vertheilt dies Sein verschiednen Körpern drauf,Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten.

Aus andern Kreisen von verschiednem Lauf

Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend.Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf.

So siehst du diese Weltorgane schwebend,

In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad,Von oben nehmend und nach unten gebend.

Betrachte wohl den Weg, den ich betrat,

Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise,Dann findest du wohl künftig selbst den Pfad.

Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise

Von Lenkern an, die ew’ges Heil beglückt,Wie Stein sich formt nach seines Künstlers Weise.

Dem Himmel, der die Schaar der Sterne schmückt,

Wird von dem Geist, durch den sie rollend schweben,

Gepräg’ und Bildniß mächtig eingedrückt.

Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben,

Durch Glieder von verschiedner Art beweist,Was in ihr für verschiedne Kräfte leben,

So zeiget seine Huld der Weltengeist,

Der ewig Einer ist, hier, vielgestaltet,Im Sternenheer, das durch den Himmel kreist.

Daher verschiedne Kraft verschieden waltet

Im Himmels-Körper, welchen sie durchdrang,In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet.

Und da sie heiterer Natur entsprang,

Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte,Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang.

Durch sie also, und nicht durch’s Dünn’ und Dichte,

Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schaar;Daß sie ein Denkmal ihrer Huld errichte,

Schafft diese Bildnerin, was trüb’ und klar.“

Die Sonne, die mich einst mit Glut erfüllt,

Beweisend hatte sie und widerlegendDer Wahrheit holdes Antlitz mir enthüllt.

Und ich, belehrt, nicht länger Zweifel hegend,

Wollt’ eben, daß ich’s sei, gestehn und stand,Das Haupt, so weit sich’s ziemt, emporbewegend.

Doch ein Gesicht erschien, und so gespannt

Hielt ich den Blick darauf, um’s zu gewahren,Daß mein Geständniß der Erinn’rung schwand.

Und wie von Gläsern, von durchsicht’gen, klaren,

Von Weihern, welche seicht, doch still und rein,Den Boden unverdunkelt offenbaren,

Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein,

Daß man erkennen würd’ in größrer SchnelleAuf weißer Stirn der Perle bleichen Schein:

So sah ich manch Gesicht an jener Stelle.

Im umgekehrten Wahn, wie der, durch denEinst Lieb’ entflammt ward zwischen Mann und Quelle,

Glaubt’ ich jedoch, sobald ich sie erseh’n,

Es wären Spiegelbilder und bemühteMich, rings umher ihr Urbild zu erspähn.

Doch sah ich nichts, und zweifelnd im Gemüthe,

Schaut’ ich in’s Licht der süßen Führerin,Die lächelnd in den heil’gen Augen glühte.

Und Sie begann: „Nicht staun’ in deinem Sinn,

Belächl’ ich deine kindischen Gedanken.Noch gehst du auf der Wahrheit strauchelnd hin,

Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken.

Wahrhafte Wesen zeigt dir dies Gesicht,Die, untreu dem Gelübd’, in Schuld versanken.

Sprich, hör’ und glaube; denn das wahre Licht,

Das sie beseligt, wird es nie gestatten,Daß ihm zu folgen sich ihr Fuß entbricht.“

Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten,

Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann,Den längst gequält der Neugier Stacheln hatten:

„„O Seele, die das ew’ge Licht gewann,

Die selig hier die Süßigkeiten machten,

Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann,

O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes Trachten

Ist ja dein Nam’ und euer Loos. Drum sprich!““ –Und Sie, bereit, mit Augen, welche lachten,

Sprach: „Unsre Lieb’ erschließt sich williglich

Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen,Die ihr Gefolg gebildet will nach sich.

Dort auf der Welt gehört’ ich zu den Nonnen;

Doch wende nur mir die Erinn’rung zu,Und trotz der höh’ren Schönheit, höh’rer Wonnen,

Daß ich Piccarda bin, erkennest du,

Mit diesen Allen, die sich selig nennen,Zum trägsten Kreis versetzt in Wonn’ und Ruh’.

All’ unsre Wünsche, die allein entbrennen

In Lust des heil’gen Geists, sind hoch ergetzt,Weil seine Ordnung willig sie erkennen.

Dies Loos, vor andern niedrig wohl geschätzt,

Ward uns zu Theile, weil wir dort auf ErdenVerabsäumt die Gelübd’ und sie verletzt.“

Drauf ich: „„Euch glänzt in Antlitz und Geberden,

Ich weiß nicht was, von Gottheit wunderbar,Und läßt die alten Züg’ unkenntlich werden,

Drob ich so säumig im Erkennen war;

Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen,Und stellt mir deutlicher dein Bildniß dar.

Doch sprich: Euch, glücklich hier in diesen Auen,

Zieht euch nach höherm Ort nicht die Begier,Um mehr euch zu befreunden, mehr zu schauen?““

Ein wenig lächelten die Schatten hier,

Dann, als ob sie in erster Liebe glühte,Erwiederte sie froh und wonnig mir;

„Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb’ und Güte

Jedweden Wunsch, und völlig gnügt uns dies,Und nicht nach Anderm dürstet das Gemüthe.

Denn wenn es höhern Ort uns wünschen ließ,

So würd’ es ja dem Willen widerstehen,Der uns in diesen niedern Kreis verwies.

Dies kann in diesen Sphären nicht geschehen;

Lieb’ ist das Band des ewigen Vereins,Mit der nicht Kampf noch Widerstand bestehen.

Vielmehr ist’s Wesen dieses sel’gen Seins,

Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen,Drum schmilzt hier Aller Wunsch und Trieb in Eins.

Wie wir vertheilt von Grad zu Grad, muß Allen,

Wie Ihm, deß Will’ allein nach seiner SpurDen unsern lenkt, dies ganze Reich gefallen.

Und unser Frieden ist sein Wille nur,

Dies Meer, wohin sich Alles muß bewegen,Was Er schafft, was hervorbringt die Natur.“

Nun sah ich: Paradies ist allerwegen

Wo Himmel ist, strömt auch von oben her,Vom höchsten Gut, nicht gleich der Gnade Regen. –

Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehr

Von dieser will und sich nach jener wendet,Für diese dankt und noch verlangt von der;

So ich mit Wink und Wort, als sie geendet,

Um zu erfahren, was sie dort gewebt,Allein verlassen, ehe sie’s vollendet.

„Vollkommnes Leben und Verdienst erhebt

Ein Weib,“ so sprach sie, „zu den höhern Kreisen,In deren Tracht und Schleier Manche strebt,

In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisen

Dem Bräutigam, dem jeder Schwur gefällt,Den reine Liebestrieb’ ihm schwören heißen.

Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt,

Weiht ihrem Orden mich und war beflissen,Dem gnug zu thun, was sein Gesetz enthält.

Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissen

Gewaltsam dem Verließ, dem süßen, mich.Wie drauf mein Leben war – Gott wird es wissen!

Der andre Glanz, der mir zur Rechten dich

So freudig hell bestrahlt, (denn er entzündetIn unsrer Sphäre ganzem Schimmer sich),

Versteht von sich auch, was von mir verkündet.

Denn man entriß, wie meinem, ihrem HauptDen Schleier, der der Nonnen Stirn umwindet.

Doch, ob man Rückkehr ihr zur Welt erlaubt,

Blieb doch ihr Herz bekrönt mit jenem Kranze,Den ihrer Stirn verruchte That geraubt.

Sie ist das Licht der trefflichen Constanze,

Die mit dem zweiten Sturm aus SchwabenlandDen dritten zeugt’, umstrahlt vom letzten Glanze.“

Piccarda sprach’s, mir heiter zugewandt,

Und fing ein Ave an, indem sie singend,Wie Schweres in der tiefen Flut, verschwand.

Mein Blick, ihr nach, so weit er konnte, dringend,

Erhob sich dann, sobald er sie verlor,Nach einem Ziele größern Sehnens ringend,

Zu Beatricens Antlitz ganz empor.

Doch als ihr Aug’, ein Blitz, in meins geschlagen,So daß zuerst es niedersank davor,

Da macht’ es zögern mich mit weitern Fragen.

Zwischen zwei Speisen, gleich entfernt und lockend,

Ging hungrig wohl ein freier Mann zu Grund,Nicht von der einen noch der andern brockend.

So stünd’ ein Lämmchen zwischen Schlund und Schlund

Von zwei Wölfen fest, in gleichem Zagen,So stünd’ auch zwischen zweien Reh’n ein Hund:

So ließ verschiedner Zweifel mich nicht fragen.

Ich schwieg nur, weil ich mußt’ und kann davonDrum weder Gutes jetzt noch Böses sagen.

Ich schwieg, doch ward mein Wunsch vom Antlitz schon

Klar ausgedrückt und deutlicher vernommen,Als hätt’ ich ihn erklärt mit klarem Ton.

Beatrix that wie Daniel, als entglommen

Nebucadnezar war in blinder Wuth,Die des Propheten Deutung ihm benommen.

„Daß dich zwei Wünsche drängen, seh’ ich gut,“

Begann sie, „die dich fesseln, so daß keinerVon beiden sich nun kund nach Außen thut.

Du fragst: Bleibt unser Will’ ein guter, reiner,

Wie macht Gewaltthat Andrer dann den WerthUnd wie den Umfang des Verdienstes kleiner?

Hiernächst macht Zweifel dir, was Plato lehrt:

Daß, wie’s ihm scheint, zu ihrem Sternenkreise

Die Seele von der Erde wiederkehrt.

Die beiden Fragen lasten gleicherweise

Auf deinem Willen noch, daher ich jetztDer schlimmern Meinung Falschheit erst beweise.

Der Seraph, den der reinste Schimmer letzt,

Moses und Samuel – die je heilig waren,Ja, selbst Marien nenn’ ich dir zuletzt,

Sind nicht in anderm Himmel, als die Schaaren

Der sel’gen Geister, die du jetzt gesehn,Sind länger hier und kürzer nicht an Jahren.

Den höchsten Himmel machen Alle schön,

Doch ist verschiedner Art ihr süßes Leben,Wie mehr und minder Gottes Hauche wehn.

Sie zeigten hier sich, nicht, weil ihnen eben

Der Kreis zu Theil ward, nein, weil dies beweist,Daß sie zum Höchsten minder sich erheben.

So sprechen muß man ja zu eurem Geist,

Den nur die Sinne zu dem Allen leiten.Was die Vernunft sodann ihr eigen heißt.

Drum läßt sich auch zu euren Fähigkeiten

Die Schrift herab, wenn sie von Gott euch spricht,Von Hand und Fuß, um Andres anzudeuten.

Die Kirche zeigt mit menschlichem Gesicht,

Gabriel’ und Michael’ und Raphaelen,Der neu geklärt Tobias Augenlicht.

Doch des Timäus Lehre von den Seelen

Ist andrer Art, meint er es, wie er lehrt,

Und will ein Sinnbild nicht darin verhehlen.

Daß sich zu ihrem Stern die Seele kehrt,

Er spricht’s und glaubt, daß sie von dort gekommen,Als die Natur sie uns zur Form gewährt.

Allein wird dies nicht wörtlich angenommen,

So kann er doch vielleicht mit dem BeweisDem Ziel der Wahrheit ziemlich nahe kommen,

Dafern er meinte, daß, aus welchem Kreis

Der Einfluß stamm’, dahin die Seel’ sich kehrteZu mindrer Glorie, oder höh’rem Preis.

Und dieser schlecht verstandne Satz verkehrte

Fast alle Welt, so daß in Sternen manDen Mars, Merkur und Jupiter verehrte. –

Der andre Zweifel, welcher dich umspann,

Hat mindres Gift, indem er nicht entrückenDich meinem Pfad durch seine Schlingen kann.

Denn scheint auch ungerecht den Menschenblicken

Unsre Gerechtigkeit, nun, so beweistDies Glauben nur, nicht ketzerische Tücken.

Allein wohl fähig ist des Menschen Geist,

In diese Wahrheit tiefer einzudringen,Drum will ich jetzt, daß du befriedigt seist.

Ist das Gewalt, wenn Jenen, welche zwingen,

Der, welcher leidet, nie sich willig zeigt,So kann sie Diesen nicht Entschuld’gung bringen,

Weil Wille, der nicht will, sich nimmer neigt,

Vielmehr, wie Feuer, wenn die Stürme schwellen,Trotz allem Zwang neu in die Höhe steigt.

Der Wille wird zu der Gewalt Gesellen,

Wenn er sich beugt; drum fehlte jenes Paar,Rückkehren könnend zu den heil’gen Zellen.

Blieb jener Nonnen Will’ unwandelbar,

Wie auf dem Rost Laurentius geblieben,Wie Scävola, der streng der Rechten war,

So hätt’ er sie, befreit zurückgetrieben

Denselben Pfad, auf dem man sie entführt;Doch selten sind, die solchen Willen lieben.

Noch hättest du den Zweifel noch gespürt,

Der jetzt gewiß vor meinem Wort geschwunden,Wenn du wohl aufgemerkt, wie sich’s gebührt.

Doch hält ein andrer schon dein Aug’ umwunden,

Und gänzlich schwände deine Kraft dahin,Eh’ du dich selbst aus ihm herausgefunden.

Ich legt’ es als gewiß in deinen Sinn,

Die Seele, die der ersten Wahrheit PfortenStets nahe bleibt, sei niemals Lügnerin.

Doch nun erfuhrst du durch Piccarda dorten,

Daß ihren Schlei’r Constanze nie vergaß,Und dies scheint Widerspruch mit meinen Worten.

Oft, Bruder, die Gefahr zu fliehn, geschah’s,

Daß sich ein Mensch, auch wider Willen, dessen,Was nimmer sich zu thun geziemt, vermaß.

So hat Alkmäon, welcher sich vermessen

Des Muttermords, weil ihn sein Vater bat,Die Sohnespflicht aus Sohnespflicht vergessen.

Daraus erkennst du diese Wahrheit: hat

Der Wille sich vermischt dem äußern Drange,So liegt in ihm die Schuld der bösen That.

Der Will’ an sich, er trotzet wohl dem Zwange,

Doch stimmt insofern bei, als der GefahrEr zagend weicht, vor größerm Schaden bange.

Piccarda sprach, dies siehst du jetzo klar,

Vom unbedingten Willen nur zum Guten,Vom zweiten ich, und Beider Wort ist wahr.“

So war das Wogen jener heil’gen Fluten

Dem Quell entströmt, dem Wahrheit nur entquillt,Daß süß befriedigt meine Wünsche ruhten.

„„Liebste des ersten Liebenden, o Bild

Der Gottheit,““ rief ich, „„deren Rede regnet,Erwärmt und mehr und mehr belebt und stillt,

O, wär’ mit Inbrunst doch mein Herz gesegnet

Zum Dank, der gnügte deiner Huld – doch dirSei nur von ihm, der sieht und kann entgegnet!

Nie sättigt sich der Geist, dies seh’ ich hier,

Als in der Wahrheit Glanz, dem Quell des Lebens,

Die uns als Wahn zeigt Alles außer ihr.

Doch fand er sie, dann ruht die Qual des Strebens;

Und finden kann er sie, sonst wäre jaJedweder Wunsch der Menschenbrust vergebens.

Drum läßt der Geist, wenn er die Wahrheit sah,

An ihrem Fuß den Zweifel Wurzel schlagen,Und treibt von Höh’n zu Höh’n dem Höchsten nah.

Dies ladet nun mich ein, dies heißt mich wagen,

Nach einer andern dunkeln Wahrheit jetztVoll Ehrfurcht, hohe Herrin, euch zu fragen.

Kann wohl der Mensch, der ein Gelübd’ verletzt,

Durch andres gutes Werk dies so vergüten,Daß ihr’s, nach eurer Waag’, als gnügend schätzt?““

Sie sah mich an, und Liebesfunken sprühten

Aus ihrem Aug’ so göttlich klar hervor,Daß ich, besiegt, sobald sie mir erglühten,

Gesenkten Blicks mich selber fast verlor.

„Wenn ich in Liebesglut dir flammend funkle,

Mehr, als es je ein irdisch Auge sieht,So, daß ich deines Auges Licht verdunkle,

Nicht staune drum – es macht, daß dies geschieht,

Vollkommnes Schauen, welches, wie’s ergründet,

In dem Ergründeten uns weiter zieht.

Schon glänzt, ich seh’s in deinem Blick verkündet,

In deinem Geist ein Schein vom ew’gen Licht,Das, kaum gesehen, Liebe stets entzündet.

Und liebt ihr, weil euch andrer Reiz besticht,

So ist’s, weil, unerkannt, vom Licht, dem wahren,Ein Strahl herein auf das Geliebte bricht.

Ob andrer Dienst, dies willst du jetzt erfahren,

Gebrochenes Gelübd’ ersetzen kann,Um vor dem Vorwurf euer Herz zu wahren?“

So fing ihr heil’ges Wort Beatrix an,

Und setzte dann, die Rede zu vollenden,Ununterbrochen fort, was sie begann.

„Die größte Gab’ aus Gottes Vaterhänden

Und seiner reichen Güte klarste Spur,Von ihm geschätzt als höchste seiner Spenden,

Ist Willensfreiheit, so die Creatur,

Der Er Vernunft verlieh, von ihm bekommen,Von diesen jede, doch auch diese nur.

Hieraus ersieh’ den hohen Werth des frommen

Gelübdes, wenn es so beschaffen ist,Daß Gott, was du geboten, angenommen.

Denn, wer mit Gott Vertrag schließt, der vermißt

Sich, diesen Schatz zum Opfer darzubringen,Mit dessen Werthe sich kein andrer mißt.

Wie kann drum je hier ein Ersatz gelingen?

Brauchst du auch wohl, was du geopfert hast,So ist’s nur Wohlthat mit gestohlnen Dingen.

Du hast das Wichtigste nun aufgefaßt,

Doch weil die Kirche vom Gelübd’ entbindet,So zweifelst du an meiner Wahrheit fast.

Drum bleib am Tisch ein wenig noch. Hier findet,

Ob du auch Unverdauliches gespeist,Das Mittel sich, vor dem der Schmerz verschwindet.

Dem, was ich sag’, erschließe deinen Geist,

Denn Hören giebt nicht Weisheit, nein, Behalten;Behalt’ es drum, damit du weise seist.

In diesem Opfer sind zwei Ding enthalten;

Das erste: des Gelübdes Gegenstand –Das zweite: der Vertrag, es treu zu halten.

Der letztere hat ewigen Bestand,

Bis er erfüllt ist, und wie er zu achten,Dies macht’ ich oben dir genau bekannt.

Drum mußten die Hebräer Opfer schlachten,

Obwohl für das Gelobte dann und wannSie, wie du wissen mußt, ein andres brachten.

Der Gegenstand kann also sein, daß man

Auch ohne Reu’ und Vorwurf zu empfinden,Mit einem andern ihn vertauschen kann.

Nur mag sich dessen Niemand unterwinden

Nach eigner Wahl, wenn ihn der ersten LastDer gelb’ und weiße Schlüssel nicht entbinden.

Und jeder Tausch der Bürd’ ist Gott verhaßt,

Wenn, die wir nehmen, die wir von uns legen,Nicht so, wie Sechs die Vier, voll in sich faßt.

Drum, ziehet das, was man gelobt, beim Wägen

Jedwede Waag’ herab durch sein Gewicht,So giebt’s auch nirgendwo Ersatz dagegen.

Scherzt, Sterbliche, mit dem Gelübde nicht.

Seid treu, doch seht euch vor; denn schwer beklagenWird’s Jeder, der wie Jephtha, blind verspricht.

Ihm ziemt’ es besser: Ich that schlimm! zu sagen,

Als, haltend, schlimmer thun – und gleiche SchamSah man davon den Griechenfeldherrn tragen,

Drob Iphigenia weint’ in bitterm Gram,

Und um sich weinen Weis’ und Thoren machte,Ja, Jeden, der von solchem Dienst vernahm.

Sei nicht leichtgläubig, Christenvolk, und trachte,

Nicht wie der Flaum im Windeshauch zu sein;Daß dich nicht jedes Wasser wäscht, beachte!

Das alt’ und neue Testament ist dein,

Der Kirche Hirt ist Führer ihren Söhnen,Und dieses gnügt zu eurem Heil allein.

Und heißt die schlechte Gier euch Anderm fröhnen,

Nicht Schafe seid ihr, eurer unbewußt;Drum laßt vom Nachbar Juden euch nicht höhnen.

Thut nicht dem Lamm gleich, das der Mutter Brust

Aus Einfalt läßt, im Uebermuth vergebensDen Weg sich sucht nach seiner eignen Lust!“ –

Beatrix sprach’s und wandte, regen Strebens,

Ganz Sehnen, ihren Blick zum hellern Licht,Empor zur schönen Welt des höhern Lebens.

Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht

Geboten dem begier’gen Geiste Schweigen,Und ließen mich zu neuen Fragen nicht.

Und schnell, wie sich beschwingte Pfeile zeigen,

In’s Ziel einbohrend, eh’ die Sehne ruht,So eilten wir, zum zweiten Reich zu steigen.

Die Herrin sah ich so in frohem Muth,

Da uns der Flug zum neuen Glanze brachte,Daß heller ward des Sternes Licht und Glut.

Wenn der Planet nun sich verwandelnd lachte,

Wie ward wohl mir, mir, welchen wandelbarSchon die Natur auf alle Weisen machte?

Gleichwie im Teich, der ruhig ist und klar,

Wenn das, wovon die Fischlein sich ernähren,Von außen kommt, her eilt die muntre Schaar,

So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren,

Wohl tausende, von welchen Jeder sprach:„Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!“

Und wie sie uns sich nahten nach und nach,

Da sah ich süßer Wonne voll die SeelenIm Glanz, der hell hervor aus jeder brach.

Bedenke, Leser, wollt’ ich dir verhehlen,

Was ich noch sah, und schweigend von dir gehn,Wie würde dich der Durst nach Wissen quälen?

Du wirst daraus wohl durch dich selbst verstehn,

Wie ich ihr Loos mich sehnte zu erfahren,Sobald mein Aug’ in ihren Glanz gesehn.

„Begnadigter, dem hier sich offenbaren

Des ewigen Triumphes Thron’, eh’ dortDu noch verlassen hast der Krieger Schaaren,

Wir sind entglüht vom Licht, das fort und fort

Den Himmel füllt – drum, wünschest du ErklärungSo sättige nach Wunsch dich unser Wort.“

Ein frommer Geist verhieß mir so Gewährung;

Beatrix drauf: „Sprich, sprich und glaub’ ihm fest,So fest, als wär’ es göttliche Belehrung.“

„„Ich sehe, würd’ger Geist, du hast dein Nest

Im eignen Licht, das, wie du lächelst, immerMit hellerm Glanz dein Auge strahlen läßt.

Doch wer bist du? was ward der schwache Flimmer

Der niedern Sphäre dir zum Sitz gewährt,Die uns umschleiert wird durch andern Schimmer?““

So sprach ich, jenem Lichte zugekehrt,

Das erst gesprochen hatt’, und sah’s in WogenVon Strahlen drum weit mehr als erst verklärt.

Denn gleichwie Sol, von dichtem Dunst umzogen,

In zu gewalt’gen Glanz sich selber hüllt,Wenn Glut der Nebel Schleier weggesogen;

So barg sich jetzt, von größrer Lust erfüllt,

Die heilige Gestalt im Strahlen-Ringe,Und sie entgegnete mir, so verhüllt,

Das, was ich bald im nächsten Sange singe.

„Nachdem der Kaiser Constantin entgegen

Der Himmelsbahn gewendet jenen Aar,Der einst ihr folgt’ auf des Aeneas Wegen,

Da sah man mehr als schon zweihundert Jahr

Zeus Vogel an Europens Rand verbringen,Nah’ dem Gebirg, dem er entflogen war.

Beherrschend unter’m Schatten heil’ger Schwingen

Von dort die Welt, ging er von Hand zu Hand,Bis ihn beim Wechsel meine Händ’ empfingen.

Cäsar war ich, Justinian genannt,

Der aus dem Recht, treu erster Liebe Walten,Das Unmaß und das Eitle hat verbannt.

Und eh’ ich’s unternahm, dies zu gestalten,

Lebt’ ich zufrieden in dem Wahne fort,Ein Wesen sei in Christo nur enthalten.

Doch Agapet, der Ober-Hirt und Hort,

Er lenkte mich zurück zum Aechten, Wahren,Zum rechten Glauben durch sein heilig Wort.

Ich glaubt’ ihm und bin völlig nun im Klaren;

Weil Eines wahr, das Andre falsch zu sehnStets, wo der Widersprüche zwei sich paaren.

Kaum fing ich an, der Kirche nachzugehn,

So flößt es Gott mir ein, mich aufzuraffen,Und nur dem hohen Werke vorzustehn.

Dem Belisar vertraut’ ich meine Waffen,

Und ihm verband des Himmels Rechte sich,Zum Zeichen mir, ich soll’ in Ruhe schaffen.

Befriedigt hab’ ich nun im Ersten dich,

Was du gefragt; allein die Art der FrageVerbindet noch zu einem Zusatz mich,

Damit du seh’st, welch Unrecht Jeder trage,

Der dieses hehren heil’gen Zeichens MachtAn sich zu ziehn und ihr zu trotzen wage.

Du siehst die Kraft, die’s werth der Ehrfurcht macht,

Seit seiner Herrschaft Pallas, überwunden,Sein Leben selbst zum Opfer dargebracht;

Weißt, daß es drauf den Wohnsitz aufgefunden,

Dreihundert Jahr und mehr in Alba’s Au’n,Bis Drei und Drei dafür den Kampf bestunden;

Weißt, was vom Raube der Sabiner-Frau’n,

Es that bis zu Lukreziens Schmerz, durch Sieben,Die rings umher besiegt die Nachbar-Gau’n.

Weißt, wie es Brennus, Pyrrhus auch vertrieben,

Getragen vor der wackern Römer Schaar,Und siegreich noch in manchem Kampf geblieben;

Drob Quinctius, benamt vom wirren Haar,

Drob auch Torquatus, Decier, Fabier glänzenIn freud’gem Ruhme durch den heil’gen Aar.

Er schlug der Libyer Stolz, die, Welschlands Gränzen

Einst Hannibal verführt, zu überziehn,Wo Alpen deinen Quell, o Po, umkränzen.

Ein Jüngling noch, hob Scipio sich durch ihn,

Pompejus auch zu des Triumphes Ehren,Der bitter deinem Vaterlande schien.

Dann, nah der Zeit, in der die Welt verklären

Der Himmel wollt’ in seinem heitern Schein,Nahm Julius Cäsar ihn auf Roms Begehren.

Was er dann that vom Varus bis zum Rhein,

Iser’ und Seine sahn’s, es sahn’s, bezwungen,Die Thale, die der Rhon’ ihr Wasser leihn.

Wie er den Rubicon dann übersprungen,

Was er dann that, das war von solchem Flug,Daß Zung’ und Feder nie sich nachgeschwungen.

Nach Spanien lenkt’ er dann den Siegerzug,

Dann nach Durazz’ und traf Pharsaliens AuenSo, daß man Leid am heißen Nile trug;

Sah wieder dann den Simois, die Gauen,

Von wo er kam, wo Hektor ruht und schwangSich auf dann, zu des Ptolemäus Grauen,

Worauf er blitzend hin zum Juba drang;

Dann sah man ihn die Flügel westwärts schlagen,Wo ihm Pompejus’ Kriegstrommet’ erklang.

Was er mit dem that, der ihn dann getragen,

Bellt Brutus, Cassius noch in ew’ger Noth,Sagt Modena, Perugia noch mit Klagen.

Kleopatra beweint’s noch, die, bedroht

Von seinem Zorn, entfloh und an die BrüsteDie Schlange nahm zu schnellem, schwarzem Tod.

Mit diesem eilt’ er bis zur rothen Küste,

Mit diesem schloß er fest des Janus Thor,Weil Fried’ und Ruh’ den ganzen Erdball küßte.

Doch was der Adler je gethan zuvor,

Und was noch drauf gethan dies hohe Zeichen,Das Gott zur Herrschaft ird’schen Reichs erkor,

Muß dem gering erscheinen und erbleichen,

Der’s in der Hand des dritten Cäsar schautMit klarem Blick, dem Wahn und Irrthum weichen.

Denn die Gerechtigkeit, die jeden Laut

Mir einhaucht, hat ihn, ihren Zorn zu rächen,Der Hand deß, den ich dir benannt, vertraut.

Jetzt staun’ ob dessen, was ich werde sprechen:

Er nahm, begleitend dann des Titus Bahn,Rach’ an der Rache für ein alt Verbrechen.

Und als darauf der Langobarden Zahn

Die Kirche biß, sah unter seinen SchwingenMan Karl den Großen ihr mit Hülfe nahn.

Nun siehst du selbst, wie Jene sich vergingen,

Von denen ich, sie hart anklagend, sprach,Die über euch all euer Uebel bringen.

Der trachtet selbst dem Reiches-Zeichen nach,

Der will es durch die Lilien überwinden,Und schwer zu sagen ist, wer mehr verbrach.

Der Ghibellin mög’ andres Zeichen finden,

Denn schlechte Folger sind dem heil’gen Aar,Die standhaft nicht das Recht und ihn verbinden.

Der neue Karl mit seiner Guelfen-Schaar,

Nicht trotz’ er ihm, der wohl schon stärkerm LeuenDas Vließ abzog mit seinem Klauen-Paar.

Oft muß der Sohn des Vaters Fehl bereuen.

Nicht glaub’ er seine Lilien Gott so lieb,Um ihrethalb sein Zeichen zu erneuen. – –

Der kleine Stern, der fern und dämmernd blieb,

Ist Wohnsitz derer, die zum thät’gen LebenDer Durst allein nach Ruf und Ehre trieb.

Und wenn so falsch gelenkt die Wünsche streben,

So muß sich wohl der wahren Liebe LichtMit minderm Glanz zum rechten Ziel erheben.

Doch wägen wir dann des Verdienst’s Gewicht

Mit dem des Lohns, so wird uns Wonn’ und Frieden,Weil eins dem andern so genau entspricht.

Dann stellt uns die Gerechtigkeit zufrieden

Und sichert uns vor jedem sünd’gen Hang,Denn glücklich macht uns das, was uns beschieden.

Verschiedne Tön’ erzeugen süßern Klang;

So bilden hier die Harmonie der SphärenDie lichten Kreise von verschiednem Rang.

Du siehst in dieser Perle sich verklären

Romeo’s Licht, mußt’ auch sein schönes ThunAuf Erden des verdienten Lohns entbehren.

Allein die Provenzalen lachen nun

Nicht ihres Grolls, denn Solche nahn dem Falle,Die sich in Andrer Gutthat Schaden thun.

Vier Töchter hatt’, und Königinnen alle,

Graf Raimund, und Romeo that ihm dies,Der niedre Fremd’ in stolzer Fürstenhalle.

Und Jener folgt’, als ihn die Scheelsucht hieß,

Dem Biedermanne Rechnung anzusinnen,Der acht und vier für zehn ihm überwies.

Arm und veraltet ging er dann von hinnen;

Und wüßte man, mit welchem Herzen ErFortzog, sein Brod als Bettler zu gewinnen,

Man preist ihn hoch und pries’ ihn dann noch mehr.“

„Hosianna dir, du Gott der Macht und Wahrheit,

Dir, der du hier der sel’gen Flammen GlanzReich überströmst mit Fülle deiner Klarheit!“

So schien, zurückgewandt zu ihrem Tanz,

Die Seel’ im Lied den höchsten Herrn zu feiern,Umringt vom lichten Doppel-Strahlenkranz.

Den Reigen sah ich Alle nun erneuern,

Und Funken gleich, die durch die Lüfte fliehn,Von plötzlicher Entfernung sie verschleiern.

Ich zweifelte. „„Sprich, sprich, zur Herrin,““ schien

Mein Herz zu sprechen bei des Mundes Schweigen,„„Die stets dir Lab’ in süßem Thau verliehn.““

Allein die Ehrfurcht, der ich immer eigen

Als Sclav war, wo nur be und ice klang,Ließ gleich dem Schläfrigen, das Haupt mich neigen;

Sie aber duldete mich so nicht lang;

In Lächeln strahlte mir das hohe Wesen,Das Feuerpein umschüf’ in Wonnedrang.

Sie sprach: „Ich hab’ in deiner Brust gelesen;

Wie ist – dies ist’s, was dir im Haupte kreist –Gerechter Rache Zücht’gung recht gewesen?

Doch bald entwirren will ich deinen Geist,

Damit du, wenn dein Sinn sich mir erschlossen,Um eine große Wahrheit reicher seist.

Der Mensch, der nicht geboren ward, verdrossen,

Zu dulden, sich zum Heil, des Willens Zaum,Verdammte sich und mit sich seine Sprossen;

Drob das Geschlecht in Wahn und falschem Traum

Viel hundert Jahre krank lag, matt und trübe,Bis sich das Wort geneigt zum niedern Raum,

Wo’s der Natur, die sich im irren Triebe

Vom Schöpfer abgekehrt, sich ganz verband,Bloß durch das Walten seiner ew’gen Liebe.

Scharf sei dein Blick jetzt auf mein Wort gespannt.

Jene Natur, dem Schöpfer hingegeben,Und ihm vereint, war rein, wie sie entstand.

Nur durch sich selbst war sie für falsches Streben

Vom Paradies verbannt, weil sie die BahnVerlassen, wo nur Wahrheit ist und Leben.

Drum ward die Strafe, durch das Kreuz empfahn,

Mit größerm Recht, als jemals irgend eine,Der angenommenen Natur gethan.

Doch war die Straf’ auch ungerecht, wie keine,

In Hinsicht deß, der sie erlitten hat,Mit der Natur, der ird’schen, im Vereine.

Verschieden war die Wirkung einer That.

Gott und den Juden mußt’ ein Tod gefallen,Drob Erd’ erbebt’ und Himmel auf sich that.

Schwer wird dir’s nicht mehr zu begreifen fallen,

Wenn man von dem gerechten Richter spricht,Deß Rach auf rechte Rache schwer gefallen.

Doch deinen Geist, gleich einem Netz, umflicht

Gedank’ jetzt und Gedank’ in engem Kreise,Aus dem er sehnlich Lösung sich verspricht.

Der Rache Recht war klar in dem Beweise,

Denkst du; doch weshalb wählt’ in seiner MachtGott zur Erlösung eben diese Weise?

Der Schluß, mein Bruder, birgt sich dem in Nacht,

Dem nicht, wenn hell der Liebe Flammen brennen,Die Glut den Geist zur Mündigkeit gebracht.

Vernimm deshalb, weil wenig zu erkennen,

Obwohl der Blick sich häufig spähend müht,Warum die Art die würdigste zu nennen.

Die ew’ge Güt’, in sich nie neidentglüht,

Zeigt, wenn im All sich ihre Schönheit spiegelt,Wie sie die Funken eigner Glut versprüht.

Was ihr unmittelbar entströmt – verriegelt

Ist dem des Todes Thür, und fest und treuIst das Gepräge, wenn sie selber siegelt.

Was ihr unmittelbar entströmt, ist frei,

Ist völlig frei, und deshalb wohnt dem NeuenDie Kraft nicht, es zu unterjochen, bei.

Je mehr’s ihr gleicht, je mehr muß sie’s erfreuen;

Drum will die heil’ge Glut, das Licht der Welt,Auf’s Aehnlichste den hellsten Schimmer streuen.

In allem dem ist hoch der Mensch gestellt,

Der aber, wenn nur eins ihm fehlt, entweihet,Mit Schmach herab von seinem Adel fällt.

Die Sünd’ allein ist das, was ihn entfreiet,

Unähnlich macht sie ihn dem höchsten Gut,Das wen’ger drum von seinem Glanz ihm leihet.

Nie kehrt zurück ihm seine Würde, thut

Er dem nicht G’nüge durch gerechte Leiden,Was er gefehlt in sünd’ger Lüste Glut.

Eure Natur, die in den ersten Beiden

Ganz sündigte, ward, wie der Würd’ entsetzt,So auch verdammt, das Paradies zu meiden.

Und Möglichkeit, dahin zurückversetzt

Dereinst zu sein, gab’s nur auf zweien Pfaden,Wenn scharf dein Geist der Dinge Wesen schätzt:

Entweder Gott verzieh allein aus Gnaden,

Oder es mußte sich, der ihn gekränkt,Der Mensch, g’nugthuend, selbst der Schuld entladen.

Dein Blick sei in den Abgrund jetzt versenkt

Des ew’gen Rathes, und mit ernstem SchweigenSei ganz dein Geist nach meinem Wort gelenkt.

G’nugthuung konnte nie der Mensch erzeigen,

Und, eng beschränkt, so tief nicht niedergehn,Gehorchend, nicht sich so in Demuth neigen,

Als, ungehorsam, er sich wollt’ erhöhn;

Drum konnt’ er nie sich von der Schuld befreien,Genugthuung nicht durch ihn selbst geschehn.

Drum wählt’, ihn neu zum Leben einzuweihen,

Gott, so gerecht wie gnädig, seinen Pfad,Und führt’ auf diesem ihn, vielmehr auf zweien.

Doch weil so werther ist des Thäters That,

Je heller strahlt die Güt’ in dem Gemüthe,In dem die Handlung ihre Quelle hat,

Hat, die die Welt gestaltet, Gottes Güte,

Auf jedem Wege, der ihr offen lag,Euch neu erhöht zu eurer ersten Blüte.

Und zwischen letzter Nacht und erstem Tag

Ist niemals noch so Herrliches geschehenUnd Höheres man niemals sehen mag.

Freigeb’ger war’s, von Gott, selbst einzustehen,

Daß zur Erhebung Kraft dem Menschen ward,Als wenn er nur die Sünde nachgesehen!

Karg wär’ erfüllt in jeder andern Art

Das Recht, wenn Gottes Sohn um euretwillenNicht demuthsvoll dem Fleische sich gepaart. –

Jetzt, um noch besser deinen Wunsch zu stillen,

Und daß du seh’st, gleich mir, das volle Licht,Will ich noch Eins dir deutlicher enthüllen.

Ich sehe Feuer, sehe Luft – so spricht

Dein Zweifel – Wasser, Erd’, in mannigfachenVermischungen und alle dauern nicht.

Geschöpfe sind ja alle diese Sachen;

Und sollte dies, wenn ich dich recht verstand,Sie nicht vor der Verderbniß sicher machen?

Die Engel, Bruder, und dies reine Land,

Sie dürfen wohl sich für erschaffen halten,Weil, wie sie sind, ihr volles Sein entstand;

Doch Alles, was die Element’ entfalten,

Die Elemente selbst, sie läßt alleinDer Höchste durch geschaff’ne Kraft gestalten.

Geschaffen ward ihr Stoff, ihr erstes Sein,

Geschaffen ward die Bildungskraft dem TanzeDer Sterne, die um eure Welt sich reihn.

Die Seele jedes Thiers und jeder Pflanze

Zieht nach verschiedner BildungsfähigkeitRegung und Licht aus ihrem heil’gen Glanze.

Jedoch der höchsten Güte Hauch verleiht

Unmittelbar uns nur allein das LebenUnd Liebe, die dann ihr sich sehnend weiht.

Wie aus der Gruft die Leiber sich erheben,

Erkennst du, wenn du denkest, wessen RufDem Menschenleib sein erstes Sein gegeben,

Als er die beiden ersten Eltern schuf.

Die Welt glaubt’ einst, unsel’gen Irrthum hegend,

Daß Cypris toller Liebe Glut entflammt,Im dritten Epicyklus sich bewegend.

Drob nicht zu ihr allein mit Opferamt

Und Weiherufen sich anbetend kehrteDas alte Volk, im alten Wahn verdammt,

Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte,

Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind,Dem Dido ihren Schooß zum Sitz gewährte.

So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt,

Der Stern benannt, der, bald der Sonn’ im Rücken,Bald ihr im Angesicht liebäugelnd minnt.

Nicht fühlt’ ich mich in diesen Stern entrücken,

Doch, daß ich wirklich drinnen sei, entschiedDer Herrin höh’res, schöneres Entzücken.

Und wie man Funken in der Flamme sieht,

Und wie wir Stimmen in der Stimm’ erkennen,Die aushält, wenn die andre kommt und flieht;

So sah ich Lichter hier im Lichte brennen,

Und, nach dem Maß des ewigen Schaun’s erregt,So schien’s, im Kreis mehr oder minder rennen.

Kein Wind unsichtbar, oder sichtbar, pflegt

So schnell aus kalter Wolk’ herabzugleiten,Daß er nicht langsam schien’ und schwer bewegt

Dem, der die Lichter uns entgegenschreiten

Im Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor,Den hohe Seraphim bewegend leiten.

Und hinter diesen ersten klang’s im Chor:

Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen,Sehnt stets nach ihm sich brünstig Herz und Ohr.

Und einen sah ich dann uns näher kommen,

Und er begann allein mit frohem Klang:„Willfährig sind wir Alle, dir zu frommen.

Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang,

Uns nie vom Pfad der Himmelsfürsten trennend,Zu welchem du gesagt in deinem Sang:

Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend;

Für dich wird uns nicht schwer ein Stillestand,Für dich in so inbrünst’ger Liebe brennend.“

Als ich zu Ihr voll Ehrfurcht mich gewandt,

Und so der Herrin Blick sich ausgesprochenDaß ich mich sicher und befriedigt fand,

Schaut’ ich zum Licht, das mir in sich versprochen

So Großes hatt’, und sprach: „„Wer bist du, sprich!““Den Ton vor großer Inbrunst fast gebrochen.

O wie vermehrte, wie verschönte sich

Der frohe Glanz in neuer Lust entglommen,Bei meinem Wort – dann sprach er freudiglich:

„Zu früh ward eurer Erde ich entnommen;

Verweilt’ ich mehr, dann wäre Vieles nichtVom Uebel, das noch über euch wird kommen.

Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht,

Nur sie verhüllt mich rings im Strahlenrunde,So, wie den Seidenwurm die Seid’ umflicht.

Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde;

Denn lebt’ ich noch, gewiß, dir keimten jetztNicht Blätter nur aus unserm Liebesbunde.

Der linke Strand, den Rhodanus benetzt,

Nachdem er mit der Sargue sich verbündet,Sah einst im Geist durch mich den Thron besetzt;

So auch Ausoniens Horn, wo, fest begründet,

Bari, Gaëta und Crotona drohn,Von wo im Meere Verd’ und Tronto mündet.

Auch schmückte mich des Landes Krone schon,

Das längs durchstreift der Donau Wogenfülle,Nachdem sie aus Germaniens Gau’n entflohn.

Trinacria – bedeckt von schwarzer Hülle

(Zwischen Pachino und Pelor, am SchlundDes Meers, das schäumt bei Eurus Wuthgebrülle.)

Durch Typhöus nicht, nein, durch den Schwefelgrund –

Der Fürsten harrt’ es noch, der edlen SprossenRudolphs und Karls, aus meinem Ehebund,

Hätt’ schlechte Herrschaft, welche stets verdrossen

Der Unterworfne trägt, zum MordgeschreiNicht in Palermo jeden Mund erschlossen.

Ging’ Ahnung dessen meinem Bruder bei,

So würd’ er Kataloniens Bettler jagen,Damit ihr Geiz kein Sporn zum Aufruhr sei.

Noth thut’s fürwahr, daß ihm die Freund’ es sagen,

Wenn er’s nicht sieht: daß volle Ladung schonSein Nachen hat und nichts kann weiter tragen.

Er, des freigeb’gen Vaters karger Sohn,

Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnenBegierig sind, nicht blos erpicht auf Lohn.“ –

„„Herr, weil ich glaube, daß die Lust hier innen,

Die deine Rede strömt in meine Brust,Du, wo die Güter enden und beginnen,

So deutlich schauest, wie sie mir bewußt,

Wird sie mir werther – daß du beim BetrachtenDes Herrn sie schauest, giebt mir neue Lust.

Mach’ jetzt, wie froh mich deine Worte machten,

Mir klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh’:Wie süße Saaten bittre Früchte brachten?“

So ich – und Er: „Die Wahrheit fasse du,

Und dem, was du gefragt, kehrst du zufrieden,Wie jetzt den Rücken, dann das Antlitz zu.

Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden

Den Himmeln gab, hat jedem Stern den ScheinUnd eine Kraft, als Vorsehung, beschieden.

Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein

Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen,Er schließt in sich auch ihre Wohlfahrt ein.

Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen,

Kommt gleich dem Pfeil auf vorbestimmtem GangGewiß herab zu seinem Ziel geflogen.

Wär’ dieses nicht, dann würd’ im wirren Drang

Was diese Himmel irgend wirkend schaffen,Kein Kunstwerk sein, nein, Graus und Untergang.

Dies kann nicht sein, wenn Jene nicht erschlaffen,

Die Geister, lenkend diese Sternenschaar,Der Urgeist auch, der dann sie schlecht erschaffen.

Ist diese Wahrheit nun dir völlig klar?“

Und ich: „„Gewiß, ich seh’s, Natur bleibt immerIn dem, was nöthig ist, unwandelbar;““

Drum Er: „Nun sprich, wär’s für den Menschen schlimmer,

Wenn er nicht Bürger ward und einsam blieb?“Ich: „„Ja, und weitern Grund begehr’ ich nimmer!““

„Und wär’ ein Staat, wenn in verschiednem Trieb

Die Menschen nicht verschieden sich erwiesen?Nein, wenn die Wahrheit euer Meister schrieb!“

So folgert’ er bis jetzt, um hier zu schließen:

„Drum also muß der Menschen Thun hervorVerschieden aus verschiedner Wurzel sprießen.

Und Solon sproßt’ und Xerxes so empor,

Also Melchisedek, und der Erfinder,Der bei dem luft’gen Flug den Sohn verlor.

Natur, im Kreislauf, so die Menschenkinder

Wie Wachs ausprägt, übt ihre Kunst, und siehtAuf dies und jenes Haus nicht mehr noch minder.

Dies ist’s, was Esau’s Keim von Jacob’s schied,

Drob auch Quirin entsproß so nied’rer Lende,Daß man als Vater ihm den Mars beschied.

Und stets auf der Erzeuger Wegen fände

Man die, so sie erzeugten, nur – wenn nichtDie Vorsehung des Höchsten überwände.

Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht;

Doch wie ich dein mich freue, geb’ ich Kunde,Und dir durch einen Zusatz bess’res Licht.

Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,

Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,Die man gesä’t auf fremdem, falschem Grunde.

Und folgte der Natur des Menschen Pfad,

Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten,Dann gäb’ es gute Leut’ und wackre That.

Doch solche, die geboren sind, zu fechten,

Macht ihr zu Priestern wider die Natur,Und macht zu Fürsten die, so pred’gen möchten,

Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.

Noch sprach dein Karl, als er mich aufgeklärt,

Schöne Clemenza, von den Ränkevollen,Durch welche schnöden Trug sein Sam’ erfährt.

Doch sagt’ er: „Schweig, und laß die Jahre rollen!“

Drum sag’ ich nur, daß, eh’ viel Zeit entschwand,Dem Trug gerechte Thränen folgen sollen.

Schon hatt’ das Leben in dem Lichtsgewand

Sich zu der Sonn’, die Alles macht genesenAls höchstes Gut und Heil, zurückgewandt.

Betrogne Seelen, gottvergeßne Wesen!

Was wendet ihr das Herz von solchem Gut,Und habt nur Eitelkeit zum Ziel erlesen!

Und sieh, ein andres jener Lichter lud

Mich, nahend, ein, und zeigte seinen WillenMich zu befriedigen, in hell’rer Glut.

Beatrix, die den Blick, den heil’gen, stillen,

Auf mich gewandt, wie erst, erlaubte mirDurch theure Zustimmung, den Wunsch zu stillen.

Ich sprach: „„O gnüge meiner Wißbegier,

Bewähr’ o Geist, den Fried’ und Lust durchdringen,Daß, was ich denke, wiederstrahl’ in dir.““

Das Licht, das ich aus seinem Innern singen

Vorher gehört, sprach, mir noch unbekannt,Wie der, den’s freut, das Gute zu vollbringen:

„Doch im verkehrten schnöden welschen Land,

Zwischen der Brenta und der Piave QuelleUnd des Rialto meerumfloßnem Strand,

Dort hat ein nied’rer Hügel seine Stelle;

Von ihm herab stürzt’ eine Fackel sichUnd macht’ in grausem Brand die Gegend helle.

Aus einer Wurzel sproßten Sie und Ich.

Ich, einst Cunizza, glänz’ in diesem Sterne,Denn seines Schimmers Reiz besiegte mich.

Und meines Schicksals Grund verzeih’ ich gerne

Mir selber hier, da’s mir nicht bitter dünkt,So schwer eu’r Pöbel dies auch fassen lerne.

Sieh diesen Glanz, der mir am nächsten blinkt

In unserm Kreis, den leuchtenden, den theuern!

Groß blieb sein Ruhm, und eh’ er ganz versinkt,

Wird fünfmal das Jahrhundert sich erneuern.

Sieh, wenn das erste Sein ein zweites schenkt,Soll dies zur Trefflichkeit euch nicht befeuern?

Doch dies ist’s nicht, woran die Rotte denkt,

Die Tagliamento hier, dort Etsch umfließen,Die selbst das Unglück nicht zur Reue lenkt.

Doch färbend wird sich Padua’s Blut ergießen

Zum Sumpfe, der Vicenza’s Mauer wahrt,Weil die Verstockten sich der Pflicht verschließen.

Und dort, wo sich Cagnan mit Sile paart,

Herrscht Einer, hoch die stolze Stirne tragend,Zu dessen Fang das Netz schon fertig ward.

Schon seh’ ich Feltre den Verrath beklagend

Des Hirten, der dort herrscht, an Schändlichkeit,Was Malta je verborgen, überragend.

Kein Paß auf Erden ist so hohl und weit,

Um alles Ferrareser Blut zu fassen,Das zum Geschenk der wackre Pfaff verleiht,

Um als Parteiglied recht sich sehn zu lassen;

Und solcherlei Geschenk wird wohl zum GeistUnd zu des Landes Art und Leben passen.

Von hohen Spiegeln, die ihr Throne heißt,

Glänzt Gott, der Richtende, zu uns hernieder,Drum sich uns solche Rede recht erweist.“

Sie sprach’s und wandte dann die lichten Glieder

Zurück zu ihrem Kreis, wo sie verschwand,Erfüllt die Seel’ von andern Dingen wieder.

Die andre Wonne, mir bereits bekannt,

Sie ward vor mir zu höherm Glanz erhoben,Wie in der Sonne Blitz der Diamant.

Durch Freudigkeit erwirbt man Glanz dort oben

Wie Lächeln hier; es hält bei innrer PeinDas Dunkel drunten die Gestalt umwoben.

„„Alles sieht Gott – du siehst in Seinen Schein,““

Sprach ich „„und kann in Ihn dein Auge dringen,So muß dir klar sein ganzer Wille sein.

Drum deine Stimme, die im frommen Singen,

Den Himmel mit dem Sang der Feuer letzt,Die sich bekleiden mit sechsfachen Schwingen,

Warum nicht g’nügt sie meinen Wünschen jetzt?

Denn deiner Frage harrt’ ich selbst nicht säumend,Wär’ ich in dich, wie du in mich versetzt!““ –

„Das größte Thal, worin das Wasser schäumend

Sich ausgedehnt,“ begann des Sel’gen Wort,(„Außer dem Meere, rings die Erd’ umsäumend),

Geht zwischen Feindesufern westlich fort,

So weit, daß hier, an seinem letzten Strande,Gesichtskreis ist, was Mittagsbogen dort.

Ich lebt’ an dieses großen Thales Rande

Zwischen Ebro und Macra, die, nicht lang,Trennt Genua’s Gebiet vom Tusker-Lande.

Fast einen Aufgang hat und Niedergang

Buggéa und die Stadt, der ich entsprossen,Sie, deren Blut einst warm den Port durchdrang.

Mich hießen Folco meine Zeitgenossen,

Und diesen Stern schmückt meine Freudigkeit,Wie dort sein Licht sich in mein Herz ergossen.

Nicht zu Sichäus’ und Creusa’s Leid

Fühlt’ in sich Dido solche Flammen wogen,Wie ich einst fühlt’ in meiner Jugendzeit;

Nicht Phyllis, von Demophoon betrogen,

Und nicht Alcid, nachdem in seine BrustEurytos Tochter siegend eingezogen.

Doch fühlt man hier nicht Reue drob, nein Lust,

Ganz die Erinnerung der Schuld verlierend,Und nur des ew’gen Ordners sich bewußt.

Und jene Kunst, die Welten herrlich zierend,

Sehn wir, und sehn zu gutem Zwecke nunDie obre Welt die untere regierend.

Doch um dem Wunsche ganz genug zu thun,

Der dich durchdrungen hat in dieser Sphäre,Darf ich noch nicht in meiner Rede ruhn.

Du möchtest wissen, wer der Schimmer wäre,

Der nahe hier so strahlt, als ob die GlutDer Sonn’ in reinem Wasser sich verkläre.

So wisse, daß darinnen Rahab ruht,

Die hier in unsern Orden aufgenommen,Sich kund im höchsten Glanz des Sternes thut.

Vor jedem andern Geist der Höll’ entnommen,

Ist sie zum Stern, wo sich vom ErdenrundDer Schatten spitzt, durch Christi Sieg gekommen.

Der Sieg, den Er, an beiden Händen wund,

Errungen hat, wird hier von ihr verkündet;Den Himmeln thut sie als Trophä’ ihn kund,

Weil sie des Josua ersten Ruhm begründet

Durch ihre Hülf’ in jenem heil’gen Land,Das jetzt der Papst kaum werth der Sorge findet.

Und deine Stadt, die einst durch den entstand,

Deß Neid euch alles Mißgeschick bereitet,Und der zuerst von Gott sich abgewandt,

Sie ist’s, die das verfluchte Geld verbreitet,

Das einzig, weil’s zum Wolf den Hirten macht,Vom rechten Wege Schaf’ und Lämmer leitet.

Drum wird nicht an die Bibel mehr gedacht,

Doch hat man sehr genau – wär’s zu verhehlen,So zeigt’s der Rand – der Decretalen Acht.

Drin wird studirt von Papst und Kardinälen

Und Nazareth, wo Gabriel das WortVerkündigt hat, wird fremd den geiz’gen Seelen.

Doch Vatikan, sammt jedem heil’gen Ort

In Rom, wo Petri Folger einst gepredigt,Der Märtyrer geweihte Gräber dort,

Bald werden sie des Ehebruchs entledigt.

Urkraft, der Liebe voll den Sohn beschauend,

Die Ihr und Ihm allewiglich entweht,Die Unaussprechliche, das All’ erbauend,

Schuf, was ihr nur mit Geist und Aug’ erseht,

So ordnungsvoll, daß sie mit WonneregungDen ganz durchdringt, der ihre Werk’ erspäht.

Erheb’, o Leser, Blick und Ueberlegung

Mit mir zum Himmel jetzt, gerad dahin,Wo sich durchkreuzt die doppelte Bewegung.

Von dort an letz’ am Kunstwerk deinen Sinn,

Denn selbst der Meister sieht es mit Vergnügen,Und spiegelt liebend seinen Blick darin.

Von dort vertheilt sich zu verschiednen Zügen

Der schräge Kreis, der die Planeten trägt,Der Welt, die ihnen rufet, zu genügen.

Und wär’ ihr Lauf von dort nicht schief bewegt,

So wäre viele Himmelskraft verschwendet,Und todt fast, was auf Erden je sich regt.

Und wär’ er mehr und minder abgewendet

Vom graden Weg, so blieb’ auf Erden dort,Wie hier, die Weltenordnung unvollendet.

Jetzt bleib’, o Leser, still auf deinem Ort,

Um dem, was du gekostet, nachzudenken,Und eh’ du matt wirst, reißt dich Wonne fort.

Ich trug dir auf – du magst nun selbst dich tränken;

Denn alle meine Sorge muß ich nurAuf jenen Stoff, den ich beschreibe, lenken. –

Die Dienerin, die größte, der Natur,

Die himmelskraft-durchdrungen alles machte,Die leuchtend zeigt der Zeiten Maß und Spur,

Sah man, dem Orte, dessen ich gedachte,

Vereint, im schraubenförm’gen Kreis sich drehn,In dem sie schneller hier die Tage brachte.

Ich war in ihr – allein wie dies geschehn,

Das spürt’ ich nur, wie wir Gedanken spüren,Bevor sie noch in unserm Geist entstehn.

Beatrix that’s, die so uns weiß zu führen,

Vom Guten uns zum Bessern einzuweihn,Daß sich indessen nicht die Stunden rühren!

Wie mußte selber sonnenartig sein

Das, was ich drinnen in der Sonne schauteDurch Farbe nicht, durch hellen Glanz allein!

Ob ich auf Geist und Kunst und Uebung baute,

Nie stellt’ es doch mein Wort euch deutlich vor,Drum sehne sich zu schau’n, wer mir vertraute.

Nicht staunt, wenn Phantasie die Kraft verlor,

Daß sie zu solchen Höh’n sich schwach erweise;Kein Blick fliegt über diesen Stern empor.

So war ich nun im vierten Kinderkreise

Des Vaters, der, ihm zeigend, wie er weht,Und wie er zeugt, ihn nährt mit ew’ger Speise.

Beatrix sprach: „Dank, Dank sei dein Gebet!

Zur Engelsonne laß ihn sich erheben,Die dich zu dieser sichtbaren erhöht!“

Kein Menschenherz war je mit allem Streben

Zur Andacht noch so freudig hingewandt,Keins noch so ganz und innig Gott ergeben,

Als ich bei diesem Worte meins empfand,

Das so zu ihm hin all sein Lieben wandte,Daß in Vergessenheit Beatrix schwand.

Sie zürnte nicht; ihr lächelnd Aug’ entbrannte

Drob so in Glanz, daß nun mein Geist, der nichtAn Andres dacht’, itzt Andres doch erkannte.

Und sieh, viel singendes lebend’ges Licht

Macht’ uns zum Mittelpunkt und sich zur Krone,Süßer im Sang, als leuchtend im Gesicht.

So schmückt ein Kranz die Tochter der Latone,

Wenn dunstgeschwängert sie die Luft umzieht,Und fest sich um sie legt als lichte Zone. –

Am Himmelshof, von dem ich wieder schied,

Giebt’s viele schöne, köstliche Juwelen,Nicht auszuführen aus des Reichs Gebiet.

Dergleichen eins war der Gesang der Seelen;

Doch wer nicht selbst zu jenen Höh’n sich schwang,Der lasse von den Stummen sich’s erzählen.

Nachdem dreimal die Sonnen mit Gesang,

Gleich Nachbarsternen, die den Pol umkreisen,

Uns rings umtanzt in Glut und Wonnedrang,

Da schienen sie wie Frau’n sich zu erweisen,

Die horchend stehn, noch nicht gelöst vom Tanz,Bis sie gefaßt das Maß der neuen Weisen.

„Wenn, wahre Lieb’ entzündend, dir der Glanz

Der Gnade lacht, der sich durch Liebe mehret,“So sprach ein Licht aus jenem Strahlenkranz,

„Wenn er in dir vervielfacht sich verkläret,

So, daß er dich empor die Stiege lenkt,Die Niemand absteigt, der nicht wieder kehret,

So würd’ der, welcher deinen Durst nicht tränkt’

Mit seinem Wein, so wenig Freiheit zeigen,Als Wasser, das sich nicht zum Meere senkt.

Erfahren möchtest du, von welchen Zweigen

Des Kranzes Blumen sind, der feiernd sichUm Sie schlingt, die dich stärkt, empor zu steigen.

Von Dominiks geweihter Schaar war ich,

Der solche Wege leitet seine Heerden,Wo wohl gedeiht, wer nicht vom Wege wich.

Man hieß mich Thomas von Aquin auf Erden,

Und meines Meisters, meines Bruders Schein,Albrechts von Köln, sieh rechts hier heller werden.

Und willst du aller Andern sicher sein,

So folge mit den Augen meinen WortenAuf diese Blumen, die zum Kranz sich reihn.

Den Gratian sieh wonneflammend dorten;

Dem doppelten Gerichtshof dienend, fandEr frohen Einlaß an des Himmels Pforten.

Auch jenen Petrus sieh von Lust entbrannt;

Als Scherflein bot er nach der Wittwe WeiseDer Kirche seinen Schatz mit treuer Hand.

Der fünfte Glanz, der schönste hier im Kreise,

Haucht solche Liebe, daß die ganze WeltNach Kunde gierig ist von seinem Preise.

So tiefes Wissen ist’s, das er enthält,

Daß, ist das Wahre wahr, ihm nie ein ZweiterAls Weiser sich und Seher gleichgestellt.

Sieh neben ihm den leuchtenden Begleiter;

Niemand war je auf Erden noch im AmtUnd der Natur der Engel eingeweihter.

Das klein’re Licht, das dorten lächelnd flammt,

Des Glaubens Anwalt ist’s, aus deß LateineIn Augustini Schriften Manches stammt.

Verfolgend nun mein Lob von Schein zu Scheine

Mit geist’gem Blick, erspähst du dürstend jetzt,Wer in dem achten Lichte dir erscheine.

Jedwedes Gut in sich zu schau’n ergötzt

Die heilge Seele, die den Trug daniedenDem offen kund thut, der sie hört und schätzt.

Der Leib, von dem sie durch Gewalt geschieden,

Liegt in Cield’or, und sie kam aus GefahrUnd Bann und Märtyrthum zu diesem Frieden.

Beda und Isidor sieh hell und klar,

Sieh Richard dann die Liebesstrahlen spenden,Der mehr als Mensch einst im Betrachten war.

Das Licht, von dem zurück zu mir sich wenden

Dein Auge wird, rief bei der Erde GramTiefsinnig ernst, den Tod, um ihn zu enden.

Sigieri ist’s, der zu der Thoren Scham

Einst im Strohgäßchen las, aus dessen MundeManch bitt’rer Schluß, mißfäll’ge Wahrheit kam! –

Dann, wie beim Schlag der frühen Morgenstunde,

Wenn Gottes Braut aufsteht, das MorgenliedSingend dem Bräutigam zum Liebesbunde,

Ein Uhrenrad das andre treibt und zieht,

Tin! tin! verklingend in so süßem Tone,Daß liebgeschwellt der Geist nach oben flieht:

So regte sich die edle Strahlenkrone,

Mit Süßigkeit im wechselnden Gesang,Die nur begreift, wer dort am Sternenthrone

Die ewig ungetrübte Lust errang.

O menschliche Begier voll Wahn und Trug,

Wie mangelhaft sind doch die Syllogismen,Die dir herabziehn des Gefieders Flug!

Der ging dem Jus nach, der den Aphorismen;

Der sucht’ als Priester Ehren und Gewinn;Der herrschte durch Gewalt, der durch Sophismen;

Der stahl, dem stand auf ein Gewerb der Sinn;

Der mühte sich, in Fleischeslust befangen,Und Jener gab dem Müßiggang sich hin;

Indeß ich, allem diesem Tand entgangen,

Im Himmel oben mit Beatrix war,So herrlich und so ruhmvoll dort empfangen.

Still stand nun Jeder von der sel’gen Schaar,

Im Kreis zurückgekehrt zur ersten Stelle,Und stellte sich, wie Licht auf Leuchtern, dar.

Da schien es mir, aus jenem Schimmer quelle,

Der mich zuerst gesprochen, neuer Laut,Und lächelnd sprach er dann in rein’rer Helle:

„Wie, wenn in’s ew’ge Licht mein Auge schaut,

Mich dieses ganz mit seinem Strahl entzündet,So ist mir deines Denkens Grund vertraut.

Du zweifelst noch, und hörtest gern verkündet

In offnen Worten, und verständlich breit,So, daß sie deine Fassungskraft ergründet,

Was wohl mein ob’ges Wort: Wo wohl gedeiht –

Und dann: Kein Zweiter kam ihm gleich – bedeutet.Und hier ist nöthig scharfer Unterscheid.

Die ew’ge Vorsicht, die das Weltall leitet,

Mit jener Weisheit, die in Tiefen ruht,Zu welchen kein erschaffnes Auge gleitet,

Damit sich dem Geliebten ihre Glut

– Die Glut der Braut, die er mit lautem SchreieSich anvermählt hat durch sein heil’ges Blut –

Sich’rer in sich, und ihm getreuer, weihe,

Hat, ihr zur Gunst, zwei Fürsten ihr bestallt.Und hier und dorten führen sie die Zweie.

Der Eine war von Seraphsglut umwallt,

Der Andre zeigt’ wie Glanz der CherubinenDie Weisheit dort im ird’schen Aufenthalt.

Von Einem sprech’ ich, weil, wen man von ihnen

Auch preisen mag, man nie vom Andern schweigt,Da Beide wirkten, einem Zweck zu dienen.

Beim Bach, der von Ubaldo’s Hügel steigt,

Und dem Tupino, hebt sich, zwischen beiden,Ein Berg, deß Abhang fruchtbar grün sich neigt.

Von ihm muß Hitz’ und Frost Perugia leiden,

Und hinter diesem Berg liegt Gualdo dicht,Und mit Nocera fühlt’s des Joches Leiden.

Dort, wo sich seines Abhangs Jähe bricht,

Dort sah man einer Sonne Glanz entbrennen,Gleich der am Ganges klar im hellsten Licht.

Nicht möge man den Ort Ascesi nennen,

Denn wenig sagt, wer also ihn benannt;Nein, was er war, giebt Orient zu erkennen.

Schon als der Glanz nicht fern dem Aufgang stand,

Begann er solche Kraft zu offenbaren,Daß sich dadurch erquickt die Erde fand.

Denn mit dem Vater stritt er, jung an Jahren,

Für eine Frau, vor der der Freuden ThorDie Menschen fest, wie vor dem Tod, verwahren,

Bis vor dem geistlichen Gericht und vor

Dem Vater sie zur Gattin er sich wählte,Und täglich lieber hielt, was er beschwor.

Sie, deß beraubt, der sich ihr erst vermählte,

Blieb ganz verschmäht mehr als eilfhundert Jahr,Da, bis zu diesem, ihr der Freier fehlte –

Obgleich durch sie Amiclas in Gefahr

So sicher ruht’, als dessen Stimm’ erklungen,Des Mächt’gen, der der Erd’ ein Schrecken war;

Obgleich sie standhaft, kühn und unbezwungen,

Als selbst Maria unten blieb, sich dort,An Christi Kreuz, zu ihm emporgeschwungen.

Allein nicht mehr in Räthseln red’ ich fort;

Franziskus und die Armuth sieh in ihnen,Die dir geschildert hat mein breites Wort.

Der Gatten Eintracht, ihre frohen Mienen

Und Lieb’ und Wunder, und der süße BlickErweckten heil’gen Sinn, wo sie erschienen.

Und solchem Frieden eilte, solchem Glück

Barfuß erst Bernhard nach, der Ehrenwerthe,Und glaubte doch, er bleibe träg zurück.

O neuer Reichthum! Gut von echtem Werthe!

Egid, Sylvester folgten bald dem MannBarfuß, weil hoher Reiz die Frau verklärte.

Der Vater und der Meister ging sodann

Nach Rom mit seiner Frau und mit den Seinen,Die schon des niedern Strickes Band umspann.

Nicht feig sich beugend sah man ihn erscheinen,

Als Peter Bernardone’s niedrer Sohn,Mocht’ er auch ärmlich und verächtlich scheinen,

Nein, kund that er vor Innocenzens Thron

Den strengsten Plan mit königlicher Würde,Und der besiegelte die Stiftung schon.

Dann, als die Schaar der Armen in der Hürde

Des Hirten wuchs, deß Wunderleben hier,Im Himmelsglanz, man besser singen würde,

Verlieh der frommen heiligen Begier,

Auf Gottes Eingebung, zum EigenthumeHonorius der zweiten Krone Zier.

Dann predigend, aus Durst nach Märtyrthume,

Kühn in des stolzen Sultans Gegenwart,Von Christi und von seiner Folger Ruhme,

Fand zur Bekehrung er das Volk zu hart,

Drob, da ihm hier sein edles Werk nicht glückte,Von ihm bebaut Italiens Garten ward.

Und auf Averna’s Felsenhöhen drückte

Das letzte Siegel noch ihm Christus ein,Das dann zwei Jahre seine Glieder schmückte.

Als der, der ihn berufen, aus der Pein

Zur Wonn’ ihn rief, den Lohn hier zu erwerben,Daß er sein Knecht war, niedrig, arm und klein,

Empfahl er noch, als seinen rechten Erben,

Den Brüdern seine Frau, ihm lieb und werth,Zu treuer Lieb’ im Leben und im Sterben.

Eh’ ihrem Schooß die Seele, schon verklärt,

Entfloh, heimkehrend zu des Vaters Reiche,Ward nur die Erd’ als Sarg von ihm begehrt.

Jetzt denke selbst, wer dem an Würde gleiche,

Der, sein Genoß, durch’s Meer führt Petri Kahn,Daß er auf gradem Weg das Ziel erreiche.

Dies Amt hatt’ unser Patriarch empfahn,

Und gute Waare trägt auf seiner Reise,Wer treu ihm folgt auf der befohl’nen Bahn.

Doch seine Heerd’ ist jetzt nach neuer Speise

So lüstern, daß sie üppig hüpft und springt,Und sich zerstreut und irrt vom rechten Gleise.

Je weiter hin der Schäflein Heerde dringt,

Dem Hirten fern, sich irrend zu zerstreuen,Je minder Milch zum Stalle jedes bringt.

Wohl giebt’s noch welche, die den Schaden scheuen.

Die folgen, angedrängt dem Hirten, nach,Doch wenig Tuch giebt Kutten diesen Treuen!

Jetzt aber, war mein Wort nicht trüb und schwach,

Verblieb dein Ohr aufmerksam meinen Lehren,Rufst du zurück dem Geiste, was ich sprach,

Dann wird’s Befried’gung deinem Wunsch gewähren,

Dann zeigt der Baum, den man verstümmelt, sich,Und meines Tadels Grund wird sich erklären:

Wo wohl gedeiht, wer nicht vom Wege wich.“

Sobald mir nur das letzte Wort erschollen,

Das aus der sel’gen Himmelsflamme drang,Begann die heil’ge Mühl’ im Kreis zu rollen.

Doch eh’ sie rund herum sich völlig schwang,

War sie umringt von einem zweiten Kranze,Der gleichen Takt einhielt in Tanz und Sang.

Das war ein Sang bei diesem Strahlentanze,

Dem unsrer Musen und Sirenen LiedSo weicht, wie Wiederschein dem ersten Glanze!

Wie auf Gewölk, das leicht das Blau umzieht,

Man zwei gleichfarb’ge, gleichgespannte Bogen,Wenn Juno ihrer Magd befiehlt, ersieht,

Erzeugt vom innern der, der ihn umzogen

– Der Rede Jener gleich, die Liebesglut,Wie Sonnenglut die Dünste, aufgesogen –

Zwei Bogen, die nach allgemeiner Flut

Der Herr dem Noah zeigte, zum BeweiseDes Bunds, durch den die Erde sicher ruht:

So drehte jetzt um uns sich gleicher Weise

Der ew’gen Rosen schöner Doppelkranz,So glich der äußere dem innern Kreise.

Und als zuletzt der festlich frohe Tanz,

Die Lust des Sangs, der lichten Flammen Schweben,Das Spiegeln Einer in der Andern Glanz,

Still ward in einem Nu, mit gleichem Streben,

Wie sich die Augen, wenn es dem gefällt,Der sie bewegt, verschließen und erheben:

Klang aus dem Kreis, von neuem Licht erhellt,

Ein Laut, nach dem ich mich so eilig kehrte,Wie der Magnet nach seinem Sterne schnellt.

Er sprach: „Die Liebe, die mich schön verklärte,

Ist’s, die vom zweiten Hort mich sprechen heißt,Durch den man hier so hoch den meinen ehrte.

Vom Andern spreche, wer den Einen preist;

Zusammen glänzt’ ihr Ruhm, so wie sie strittenFür einen Zweck und mit gleich tapferm Geist.

Des Heilands Heer, für welches schwer gelitten,

Der’s neu bewehrt, zog zweifelnd und voll LeidDer Fahne nach, schwach und mit trägen Schritten,

Als Er, der herrscht in Zeit und Ewigkeit,

Den Kriegern half, die hart gefährdet waren,Aus Gnad’ und nicht ob ihrer Würdigkeit,

Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren,

Zwei Kämpfer rief, durch deren Wort und ThatGesammelt wurden die zerstreuten Schaaren.

Woher der Zephyr haucht, um am Gestad,

In Thal und Au die Knospen froh zu schwellen,Wenn sich der Lenz im Schmuck Europen naht –

Dort, nah’ dem Strand, wo hoch gethürmte Wellen

Weit hergewälzt, von Sturmeswuth bekriegt,Dem Sonnenstrahl sich oft entgegenstellen,

Dort ist der Platz, wo Callaroga liegt,

Beschützt und wohlgedeckt vom großen Schilde,Auf dem der Leu obsiegt und unterliegt.

Dort ward erzeugt im glücklichen Gefilde

Der glaubenstreue Buhle, der Athlet,Dem Feind ein Graus, den Seinigen voll Milde.

Dem Geist, erschaffen kaum, ward zugeweht

Vom höchsten Geiste Kraft und hohe Gabe,Und ungeboren war er schon Prophet.

Als mit der Glaubenstreue drauf der Knabe

Verlöbniß hielt, vom heil’gen Quell benetzt,Wo gegenseit’ges Heil die Morgengabe,

Da ward die Zeugin, die sein Ja! ersetzt,

Schon von der Wunderfrucht, die ihm entsprieße,Und seiner Schul’, im Traumgesicht ergötzt.

Und daß sich, was er war, erkennen ließe,

Gebot ein Geist, vom Himmel hergesandt,Daß man nach ihm, der ihn besaß, ihn hieße.

Dominikus ward er darum benannt,

Der Gärtner, welchen als Gehülfen ChristusFür seinen Garten wählt’ und sich verband.

Wohl schien er Bot’ und treuer Knecht von Christus,

Da erste Liebe er dadurch bezeugt,Daß er vollzog den ersten Rath von Christus;

Wohl fand ihn öfters die, so ihn gesäugt,

Am Boden liegend, wach, in tiefem Schweigen,Als spräch’ er aus: Hierzu bin ich gezeugt.

O du, sein Vater, Felix wahr und eigen!

O Mutter, wahrhaft als Johann’ erblüht,Wenn wir bis zu des Namens Wurzel steigen!

Nicht für die Welt, für die man jetzt sich müht,

Nach des von Ostia, des Thaddäus Lehren,Nein, für’s wahrhafte Manna nur entglüht

Sollt’ er als Lehrer bald sich groß bewähren,

Den Weinberg pflegend, der bald Unkraut trägt,Wenn nicht des Winzers Händ’ ihm emsig wehren!

Vom Stuhl, der einst die Armen mild gehegt –

Einst, nicht durch Schuld des Stuhls, durch dessen Sünden,Der sitzt und aus der Art der Väter schlägt –

Erbat er Zehnten nicht, noch fette Pfründen,

Erlaubniß nicht, Ablaß und Heil um Geld,

Um Zwei und Drei Dispens für Sechs zu künden,

Nein, die, zu kämpfen mit der irren Welt,

Durch jenen Samen, dem die Bäum’ entspringen,Die, zweimal zwölf, sich um dich her gestellt.

Die Pflichten des Apostels zu vollbringen,

Strebt’ auf sein Will’ und seine Wissenschaft,Gleich Strömen, die aus tiefer Ader springen.

Und ihre Wellen stürzten grausenhaft

Auf ketzerisch Gestrüpp, es auszubrechen,Und mit dem Widerstand wuchs ihre Kraft.

Er gab darauf den Ursprung manchen Bächen,

Die hinziehn durch der Kirche Gartenland,Drob ihre Bäume schön’re Frucht versprechen. –

Wenn so ein Rad des Kriegeswagens stand,

Auf dem den Kampf die heil’ge Kirche wagte,Als sie die innern Meutrer überwand,

So muß dir jetzt, wie hoch das andre ragte

An Trefflichkeit, vollkommen deutlich sein,Und was von ihm dir Thomas Gutes sagte.

Allein das Gleis hält jetzo Niemand ein,

Das in den Grund der Schwung des Rades prägte,Und Essig wird, was vormals süßer Wein.

Die Schaar, die seiner Spur zu folgen pflegte,

Hat jetzt der Füße Stellung ganz gewandt,Und geht zurück, wo Er sich vorbewegte.

Wie schlecht die Saat ist, wird euch bald bekannt,

Denn bei der Ernte wird das Korn erlesen

Und eingescheuert, doch der Lolch verbrannt.

Zwar, will man Blatt für Blatt das Buch durchlesen,

Das unsre Namen zeigt, so sagt ein BlattNoch hier und dort: Ich bin, was ich gewesen.

Doch nicht Casal, noch Aquasparta hat

Dergleichen Glieder unsrer Schaar gegeben,Da der zu streng ist, der zu schlaff und matt.

Jetzt wiss’, ich bin Buonaventura’s Leben,

Von Bagnoregio, und gering erschienBeim großen Amt mir jedes andre Streben.

Hier sind Illuminat und Augustin,

Zwei von den ersten barfuß-armen Schaaren,Die durch den Strick in Gottes Huld gediehn.

Hier sind der von Sanct Victor zu gewahren,

Und Mangiador, der Spanier Peter dann,Deß Ruhm der Welt zwölf Bücher offenbaren.

Nathan der Seher, Erzbischof Johann,

Anselm, Donat, der sich dem Werke weihte,Deß sich die erste Kunst berühmen kann.

Raban ist hier; und solchen Brüdern reihte

Sich dieser an, begabt mit SehergeistAbt Joachim, hell leuchtend mir zur Seite.

Wenn solchen Kämpfer meine Rede preist,

So ist’s des Thomas liebentflammte Weise,Die mit sich fort auch meine Rede reißt,

Und mit mir fortzieht All’ in diesem Kreise.

Wer wohl versteh’n will, was ich nun gesehen,

Der denke sich – und lass’ im Geist das Bild,Indeß ich spreche, fest wie Felsen stehen –

Funfzehen Sterne, die man am Gefild

Des Himmels in verschiedner Gegend findet,So glanzvoll, daß ihr Licht durch Nebel quillt;

Den Wagen, der um unsern Pol sich windet,

Und sein Gewölb bei Tag und Nacht durchkreist,Drob er beim Deichselwenden nicht verschwindet;

Er denke, was der Mund des Hornes weist,

Das anfängt an der Himmelsachse Gränzen,Um die das erste Rad nie rastend kreist;

Die Sterne denk’ er sich in zweien Kränzen,

Die, dem gleich, der sich zur Erinn’rung flichtAn Ariadnens Tod, am Himmel glänzen,

Umringt den einen von des andern Licht,

Und beid’ im Kreis gedreht in solcher Weise,Daß dem nach vorwärts, rückwärts der entspricht;

Dann glaub’ er, daß sich ihm ein Schatten weise,

Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht,Den Punkt, auf dem ich stand, umtanzt’ im Kreise.

Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weit

Als nur der Chiana träger Lauf dem RollenDes fernsten Himmels weicht an Schnelligkeit.

Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen,

Nein, „Drei in Einem – Gott und Mensch nur Eins“,Die Lieder waren’s, welche dort erschollen.

Als Sang und Tanz des heiligen Vereins

Vollbracht war, wandt’ er sich zu uns, von StrebenZu Streben, ewig froh des sel’gen Seins.

Und jenes Licht hört’ ich die Stimm’ erheben

Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher

Erzählt des heil’gen Armen Wunderleben.

Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer,

Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommenVon süßer Liebe, dresch’ ich dir noch mehr.

Du glaubst: der Brust, aus der die Ripp’ entnommen

Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernachDer ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen,

Und jener, die, als sie der Speer durchstach,

So nach wie vor so große Gnüge brachte,Daß sie die Macht jedweder Sünde brach,

Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,

Und deß er fähig ist, voll eingehauchtVon jener Kraft, die jen’ und diese machte;

Und staunst, daß ich vorhin das Wort gebraucht:

Der fünfte Glanz sei bis zum tiefsten GrundeDer Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht.

Erschließ’ jetzt wohl die Augen meiner Kunde;

Mein Wort und deinen Glauben siehst du dannIm Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde.

Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,

Ist nur als Glanz von der Idee erschienen,Die, liebreich zeugend, unser Herr ersann.

Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen

Dem ew’gen Lichtquell, ewig mit ihm EinsUnd mit der Lieb’, als Drittem, Eins in Ihnen,

Eint gnädiglich die Strahlen seines Scheins,

Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend,Im ewigen Verein des Einen Seins.

Von dort sich zu den letzten Kräften neigend,

Wird schwächer dann der Glanz von Grad zu Grad,Zufäll’ges nur, von kurzer Dauer, zeugend.

Zufäll’ges, wie mein Wort bezeichnet hat,

Das sind die Dinge, welche die BewegungDes Himmels zeugt, mit oder ohne Saat.

Ihr Wachs ist ungleich, wie die Kraft der Prägung,

Und von des Urgedankens Glanz gewahrtMan drum hier schwächere, dort stärkre Regung;

Daher denn auch von Bäumen gleicher Art

Bald bessere, bald schlechtre Früchte kommen,Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward.

Wär’ irgendwo das Wachs rein und vollkommen,

Und ausgeprägt mit höchster Himmelskraft,Rein würde das Gepräg’ dann wahrgenommen.

Doch die Natur giebt’s immer mangelhaft

Und wirkt dem Künstler gleich, der wohl vertrauenDer Uebung kann, doch dessen Hand erschlafft.

Drum bildet heiße Lieb’ und klares Schauen

Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und groß,Vollkommenes erschaffen und erbauen.

So ward gewürdiget der Erdenkloß,

Die thierische Vollkommenheit zu zeigen,Und so geschwängert ward der Jungfrau Schooß.

Darum ist deine Meinung mir auch eigen:

Daß menschliche Natur in jenen Zwei’nAm höchsten stieg und nie wird höher steigen.

Hielt ich mit meinen Lehren jetzo ein,

So würdest du die Frage nicht verschieben:Wie konnt’ ein Dritter ohne Gleichen sein?

Doch, daß erscheine, was versteckt geblieben,

So denke, wer er war, und was zum Flehn,Als ihm gesagt ward: „Bitt’!“ ihn angetrieben.

Aus meiner Rede konntest du ersehn:

Als König fleht’ er um Verstand, beflissen,Damit dem Reiche gnügend vorzustehn –

Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,

Nicht, ob Nothwend’ges und ZufälligkeitNothwendiges als Schluß ergeben müssen;

Nicht, was, zuerst bewegt, Bewegung leiht,

Nicht, ob ein Dreieck in dem halben KreiseNoch anderen, als rechten Winkel, beut. –

Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.

Du siehst, ein Seher sonder Gleichen warDurch Königsklugkeit jener hohe Weise.

Auch ist mein Wort: dem nie ein Zweiter, klar;

Von Kön’gen sprach ich nur an jenem Orte,Die selten gute sind, ob viele zwar.

Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,

Daß nicht im Streit damit dein Glaube seiVom ersten Vater und von unserm Horte. –

Und dieses leg’ an deine Füße Blei,

Und mache schwer dich, gleich dem Müden, gehenZum Ja! und Nein! wo nicht dein Auge frei,

Denn unter Thoren selbst sieh’ niedrig stehen,

Die sich zum Ja und Nein ohn’ UnterschiedGar schnell entschließen, eh’ sie deutlich sehen;

Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht,

Zum Irrthum neigt, und dann im Drang des LebensDie Leidenschaft das Urtheil mit sich zieht.

Wer nach der Wahrheit fischt, und, irren Strebens,

Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht,Und schifft vom Strand drum schlimmer als vergebens,

Wie ihr dies an Melissus deutlich seht,

Und an Parmenides und andern Vielen,Die gingen, eh’ sie nach dem Ziel gespäht;

Drob Arīus und Sabell in Thorheit fielen.

Gleich Schwertern waren sie dem heil’gen Wort,Und machten die geraden Blicke schielen.

Nicht reiß’ euch Wahn zum schnellen Urtheil fort,

Gleich denen, die das Korn zu schätzen wagen,Das eh’ es reift, vielleicht im Feld verdorrt.

Denn oftmals sah ich erst in Wintertagen

Den Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn,Und auf dem Gipfel dann die Rose tragen.

Und manches Schiff hab’ ich im Meer gesehn,

Gerad’ und flink auf allen seinen Wegen,Und doch zuletzt am Hafen untergehn.

Nicht glauben möge Hinz und Kunz deswegen,

Weil dieser stiehlt, und der als frommer MannDer Kirche schenkt, mit Gott schon Rath zu pflegen;

Da der erstehn, und Jener fallen kann.

Vom Rand zur Mitte sieht man Wasser rinnen

Im runden Napf, vom Mittelpunkt zum Rand,Je wie man’s treibt nach außen oder innen.

Dies war’s, was jetzt vor meiner Seele stand,

Als stille schwieg des Thomas heil’ges LebenUnd süß verhallend seine Stimme schwand,

Ob jener Aehnlichkeit, die sich ergeben,

Da Er erst sprach, dann Beatricens Mund,Der’s jetzt gefiel, die Stimme zu erheben:

„Ihm thut es Noth, obwohl er’s euch nicht kund

In Worten giebt, noch läßt im Innern lesen,Zu spähn nach einer andern Wahrheit Grund.

Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer Wesen

So schön umblüht, euch ewig bleiben wirdIm selben Glanze, wie’s bis jetzt gewesen;

Und, bleibt’s, so sagt, damit er nimmer irrt,

Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden,Es euren Blick nicht blendet und verwirrt.“

Wie mit verstärkter Lust oft hier auf Erden

Die Tanzenden im heitern RingeltanzDie Stimm’ erhöhn und froher sich geberden;

So zeigte neue Lust der Doppelkranz,

Als sie ihn bat, so rasch, doch fromm-bescheiden,In freud’gem Drehn und Wundersang und Glanz. –

Wer klagt, daß wir den Tod auf Erden leiden,

Um dort zu leben, o, der fühlt und denktNicht wie wir dort am ew’gen Thau uns weiden!

Das Drei und Zwei und Eins, das Alles lenkt

Und ewig lebt in Einem, Zwei’n und Dreien,Und, ewig unumschränkt, das All umschränkt,

Gesungen ward’s in solchen Melodeien,

Dreimal im Chor, um vollen Lohn der PflichtUnd jeglichem Verdienste zu verleihen.

Und eine Stimm’ entklang dem hellern Licht

Des kleinern Kreises dann, und wich an MildeWohl der des Engels der Verkündung nicht.

„So lang die Lust im himmlischen Gefilde,

So lange währt auch unsre Lieb’ und thutSich kund um uns in diesem Glanzgebilde.

Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut,

Die Glut dem Schau’n, und dies wird mehr uns frommen,Je mehr auf uns die freie Gnade ruht.

Wenn wir den heil’gen Leib neu angenommen,

Wird unser Sein in höhern Gnaden stehn,Je mehr es wieder ganz ist und vollkommen.

Drum wird sich das freiwill’ge Licht erhöhn,

Das wir vom höchsten Gut aus Huld empfangen,Licht, welches uns befähigt, Ihn zu sehn,

Und höher wird zum Schau’n der Blick gelangen,

Höher die Glut sein, die dem Schau’n entglüht,Höher der Strahl, der von ihr ausgegangen.

Doch wie die Kohle, der die Flamm’ entsprüht,

Sie an lebend’gem Schimmer überwindetUnd bleibt erkennbar, wie auch jene glüht;

So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet,

Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein,Wenn Gott es seiner Grabeshaft entbindet.

Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein,

Denn stark, um alle Wonnen zu genießen,Wird jedes Werkzeug unsers Körpers sein.“

Und Amen riefen beide Chör’ und ließen

Durch Einklang wohl den Wunsch ersehn, den Drang,Sich ihren Leibern wieder anzuschließen.

Und wohl für sich nicht nur, nein, zum Empfang

Der Väter, Mütter, und der andern Theuern,Die sie geliebt, eh’ sie die Flamm umschlang. –

Und sieh, zum Glanz von diesen ew’gen Feuern

Kam gleiche Klarheit rings, wie wenn das Licht

Des Tags der Sonne goldne Pfeil’ erneuern.

Wie, wenn allmählich an der Abend bricht,

Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglänzen,So daß der Anblick wahr erscheint und nicht:

So glaubt’ ich jetzt in neuen Ringeltänzen,

Noch zweifelnd, neue Wesen zu erspähn,Weit außerhalb von jenen beiden Kränzen.

O wahrer Schimmer, angefacht vom Wehn

Des heil’gen Geist’s so plötzlich hell! – GeblendetKonnt’ ihm mein Auge jetzt nicht widerstehn.

Doch als ich zu Beatrix mich gewendet,

War sie so lachend schön, so hoch beglückt,Daß solches Bild kein irdisch Wort vollendet.

Da ward von neuer Kraft mein Aug’ entzückt;

Ich schlug es auf, und sah mich schon nach obenMit ihr allein zu höherm Heil entrückt.

Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben,

Denn glühend lächelte der neue Stern,Und schien von ungewohntem Roth umwoben.

Vom Herzen, in der Sprache, welche fern

Und nah’ gemeinsam ist den Völkerschaaren,Bracht’ ich Dankopfer dar dem höchsten Herrn.

Und lustentzündet konnt’ ich schon gewahren,

Eh’ ich die ganze Glut ihm dargebracht,Daß angenehm dem Herrn die Opfer waren.

Denn Lichter, in des Glanzes höchster Macht,

Sah ich aus zweien Schimmer-Streifen scheinen,Und rief: O Gott, du Schöpfer solcher Pracht! –

So thut, besä’t mit Sternen, groß’ und kleinen,

Galassia zwischen Pol und Pol sich kund,Von welcher dies und das die Weisen meinen,

Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund

Des rothen Mars das hochgeehrte Zeichen,Gleich vier Quadranten, wohlgefügt im Rund.

Wohl muß die Kunst hier dem Gedächtniß weichen,

Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus;Wo gäb’s ein Bild, ihm würdig zu vergleichen?

Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,

Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehn,Denn blitzen sieht auch Er im Glanze Christus.

Von Arm zu Arm, vom Fuß zur Höh’ erschien

Bewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend,Weil sich’s verband, dort beim Vorüberziehn.

So sieht man wohl, hier träg bewegt, dort rennend,

Atome, hier gerad’, dort krumm geschweift,Und lang und kurz, sich einend und sich trennend,

Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift,

Nach dem, wenn heiß die Sonnengluten flirren,Der Mensch mit Witz und Kunst begierig greift. –

Und wie harmonisch Laut’ und Harfe schwirren,

Sind nur die vielen Saiten rein gespannt,Ob auch im Ohr die Töne sich verwirren;

So hört’ ich jetzt den Sang vom Kreuz, und stand,

Als ob in Lust die Sinne sich verlören;Obwohl ich von der Hymne nichts verstand,

Doch hohen Preis vernahm ich in den Chören,

Denn: Du erstehst und siegst! – erklang’s und ichGlich denen, welche nicht verstehn, doch hören.

Und so durchdrang hier süße Liebe mich,

Daß, welche holde Band’ auch mich umfingen,Doch keins bis dahin diesem Bande glich.

Vielleicht scheint sich zu kühn mein Wort zu schwingen,

Nachsetzend selbst der schönen Augen Paar,Die jeden Wunsch in mir zur Ruhe bringen.

Doch nimmt man die lebend’gen Stempel wahr,

Die höher immer Schöneres gestalten,Und denkt, daß ich gewandt von jenen war,

So wird man drob mich für entschuldigt halten,

Und sehn, daß ich vom Wahren nicht geirrt;Doch durft’ auch hier die heil’ge Wonne walten,

Die, wenn man aufsteigt, immer reiner wird.

Gewogner Will’, in welchem immer dir

Sich offen wird die echte Liebe zeigen,Wie böser Wille kund wird durch Begier,

Gebot der süßen Leier Stilleschweigen

Und hielt im Schwung der heil’gen Saiten ein,Die Gottes Rechte sinken macht und steigen.

Wie sollten taub gerechter Bitte sein

Sie, die einhellig den Gesang itzt meiden,Um Muth zur Bitte selbst mir zu verleihn!

O, wohl verdienen ewiglich zu leiden

Die, weil die Lieb’ in ihrer Brust erwachtFür Irdisches, sich jener Lieb’ entkleiden.

Wie durch die Heiterkeit der stillen Nacht

Oft Feuer läuft, vom Augenblick geboren,Und des Beschauers Augen zücken macht,

Gleich einem Stern, der andern Platz erkoren,

Nur daß an jenem Ort, wo er entbrannt,Sich nichts verliert und er sich schnell verloren;

So sah ich aus dem Arm zur rechten Hand

Jetzt einen Stern zum Fuß des Kreuzes wallen,Aus jenem Sternbild, das dort glänzend stand.

Die Perl’ war nicht aus ihrem Band gefallen;

Sie lief am lichten Streif dahin, und warWie Feuer hinter glänzenden Krystallen.

So, redet unsre größte Muse wahr,

Stellt’ in Elysiums Hainen seinem SprossenAnchises sich mit frommer Liebe dar.

„O, du, mein Blut, auf welches sich ergossen

Die Gnade hat, wem hat der höchste HortZweimal, wie dir, des Himmels Thür erschlossen?“

Mir zog den Geist zum Lichte dieses Wort;

Drauf, als ich mich zu meiner Herrin wandte,

Ward mir Entzückung, Staunen, hier, wie dort,

Weil Ihr im Auge solch ein Lächeln brannte,

Daß, wie ich glaubte, meins den Grund darinVon meinem Himmel, meiner Gnad’ erkannte.

Der Geist dann fügte Dinge zum Beginn,

Er, angenehm zu hören und zu sehen,Die ich nicht faßte vor zu tiefem Sinn.

Doch wollt’ er nicht, ich soll’ ihn nicht verstehen;

Es mußte sein, weil Reden solcher ArtWeit über’s Ziel der Menschen Fassung gehen.

Doch als der Schwung, in dem sich offenbart

Der Liebe Glut, in so weit nachgelassen,Daß jenes Ziel nicht überflogen ward,

Sprach er, was ich nun fähig war, zu fassen:

„Preis Dir, Drei-Einer, der du auf mein BlutSo reich an Gnade dich herabgelassen.“

Und dann: „Der Sehnsucht lange, süße Glut,

Entflammt, da ich im großen Buch gelesen,Das unverfälschet kund die Wahrheit thut,

Stillst du, mein Sohn, im Licht, aus dem mein Wesen

Jetzt freudig zu dir spricht: Dank Ihr, die dichZum Flug beschwingt und dein Geleit gewesen!

Du glaubst, daß Alles, was du denkst, in mich

Vom Urgedanken strömt; denn es entfaltenDie fünf und sechs ja aus der Einheit sich;

Drum fragst du nicht nach mir und meinem Walten

Und deshalb höher meine Freude scheint,Als die der andern dieser Lichtgestalten.

Dein Glaub’ ist wahr, weil Groß und Klein, vereint

In diesem Reich, nach jenem Spiegel blicken,Wo, eh’ du denkest, der Gedank’ erscheint.

Doch, um die Lieb’, in die mit wachen Blicken

Ich ewig schau’ und die die SüßigkeitDer Sehnsucht zeugt, vollkommner zu erquicken,

Erklinge sicher, kühn, voll Freudigkeit

Von deinem Wunsch die Stimme, deinem Sehnen,Und die Entgegnung drauf ist schon bereit.“

Ich sah auf Sie, die, eh’ die Wort’ ertönen,

Mich schon versteht, und, lächelnd im Gesicht,Hieß sie mich frei des Willens Flügel dehnen.

Ich sprach: „„Das Wollen und des Könnens Licht

Sind, seit die erste Gleichheit ihr ergründet,Bei Jeglichem von euch im Gleichgewicht,

Weil euch die Sonne, die euch hellt und zündet

Mit Licht und Glut, damit sogleich durchdringt,Daß solche Aehnlichkeit man nirgend findet.

Doch Will’ und Witz, wie sie der Mensch erringt,

Sie sind aus dem euch offenbaren GrundeMit sehr verschied’ner Kraft zum Flug beschwingt.

Dies fühl’ ich Sterblicher in dieser Stunde,

Und danke deine Vaterliebe dirDrum mit dem Herzen nur, nicht mit dem Munde.

O du lebendiger Topas, du Zier

Des edlen Kleinods, hell in Glanz entglommen,Still’ itzt, dich nennend, meine Wißbegier!““

„Mein Sproß, längst froh erwartet, jetzt willkommen,

In mir sieh deine Wurzel!“ So der Geist,Und setzt’ hinzu, nachdem ich dies vernommen:

„Und er, nach welchem dein Geschlecht sich heißt,

Der hundert Jahr’ und mehr für stolzes WesenDes Berges ersten Vorsprung schon umkreist,

Er ist mein Sohn, dein Urgroßahn, gewesen,

Und dir geziemt’s, von solcher langen PeinDurch gute Werk’ ihn schneller zu erlösen. – –

Florenz, im alten Umkreis, eng und klein,

Woher man jetzt noch Terzen hört und Nonen,War damals friedlich, nüchtern, keusch und rein.

Nicht Kettchen hatt’ es damals noch, nicht Kronen,

Nicht reichgeputzte Frau’n – kein Gürtelband,Das sehenswerther war, als die Personen.

Bei der Geburt des Töchterleins empfand

Kein Vater Furcht, weil man zur Mitgift immer,So wie zur Zeit, die rechten Maße fand.

Und öde, leere Häuser gab’s da nimmer;

Nicht zeigte dort noch ein Sardanapal,Was man vermag in Ueppigkeit der Zimmer.

Nicht übertroffen ward der Montemal

Von dem Uccellatojo noch im Prangen –Und wie im Steigen, also einst im Fall!

Ich sah vom schlichten Ledergurt umfangen

Bellincion Berti noch und sah sein WeibVom Spiegel gehn mit ungeschminkten Wangen.

Ich sah ein unverbrämtes Wamms am Leib

Des Nerli und des Vecchio – und den FrauenWar Spill’ und Rocken froher Zeitvertreib.

Glücksel’ge Frau’n! in eurer Heimath Auen

War euch ein Grab gewiß – durch Frankreichs SchuldWar Keiner noch das öde Bett zum Grauen.

Die, wach und emsig an der Wiege, lullt’

In jener Sprach’ ihr Kindlein ein, die JedenDer Vater ist, entzückt in Süß’ und Huld.

Die, ziehend aus dem Rocken glatte Fäden,

Letzt’ ihrer Kinder Kreis von Römer-That,Von Troja, Fiēsole, mit klugen Reden.

Was ihr an einer Cianghella saht,

An Salterell, solch Wunder hätt’s gegeben,Als itzt Cornelia gäb’ und Cincinnat.

So ruhigem, so schönem Bürgerleben,

So treuer Bürgerschaft, so theurem Land,

Gab mich Maria, die mit Angst und Beben

Die Mutter anrief, als sie Weh’n empfand,

Und dort, in unserm Taufgebäu, dem alten,Ward ich ein Christ und Cacciaguid genannt.

Zwei Brüder hatt’ ich, und zu treuem Walten

Im Hause kam die Gattin mir vom Po,Von der den zweiten Namen du erhalten.

Dem Kaiser Konrad folgt’ und dient’ ich, so,

Daß er mich weihte zu des Ritters Ehren,Und immer blieb ich seiner Gnade froh.

Mit ihm wollt’ ich des Gräuels Reich zerstören,

Deß Volk, durch eurer Hirten Fehler, sichDer Länder anmaßt, die euch angehören.

Und dort, von jenem schnöden Volk, ward ich

Vom Trug der Welt entkettet und geschieden,Der viele Herzen jeder Zeit beschlich,

Und kam vom Märtyrthum zu diesem Frieden.

O du geringer Adel unsers Bluts,

Kannst du hienieden uns zum Stolz verführen,Wo wir noch fern vom Schau’n des wahren Guts,

So werd’ ich nimmer drob Verwund’rung spüren;

Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht,Fühlt’ ich darob in mir den Stolz sich rühren.

Du bist ein Mantel, der, sich kürzend, weicht,

Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen,Weil rings die Zeit mit ihrer Scheere schleicht. –

Mit jenem Ihr, das Rom zuerst ertragen,

Das jetzt die Römer minder brauchen, tratIch näher hin, beginnend neue Fragen.

Beatrix drum, zur Seite stehend, that,

Lächelnd, gleich Jener, die beim ersten FehleGinevrens, wie man schreibt, gehustet hat.

„„Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele,

Daß ich mehr bin als Ich; Ihr gebt mir Muth,Mit Euch zu sprechen frei und sonder Hehle.

Mir strömt zur Brust vielfacher Wonne Flut,

Doch sie erträgt es, ohne zu zerspringen,Weil süß das Herz in eigner Freude ruht.

Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingen

Euch noch voraus, und wie bezeichnet manDie Jahre, die euch hier itzt Früchte bringen?

Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann;

Wie groß war er? Wer ist, den, hoch zu stehenIn jenem Volk, man würdig preisen kann?““

Gleichwie, belebt von frischen Windes Wehen,

Die Kohl’ in Flammen glüht, so war das LichtBei meinem Liebeswort in Glanz zu sehen.

Und so verschönt’ er jetzt sich dem Gesicht,

Wie seine Sprache sich dem Ohr verschönte;Doch war’s nicht jene, die man jetzo spricht.

Er sprach: „Seitdem des Engels Ave tönte,

Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual,Sich meiner Last entledigend, erstöhnte,

Kam allbereits fünfhundert achtzig Mal

Dies Feuer zu den Füßen seines Leuen,Dort zu erneuern seinen Flammenstrahl.

Des ersten Lichts sollt’ ich am Ort mich freuen,

Den Vätern gleich, wo man das Sechstheil fand,Wohin sich eure Jahresläuf’ erneuen.

Und dies sei von den Ahnen dir bekannt;

Wer sie gewesen, und woher entsprossen,Wird schicklicher verschwiegen als benannt.

Was da, von Mars und Täufer eingeschlossen,

Befähigt war, sich zum Gefecht zu reih’n,Ein Fünftheil war’s der jetz’gen Stadt-Genossen.

Allein das Bürgerblut, mag’s jetzo sein

Vermischt mit Campi’s und Certaldo’s Schaaren,Dort war’s im letzten Handwerksmann noch rein.

Wohl besser wären, die einst Nachbarn waren,

Es jetzo noch – wohl besser war’s, GalluzzUnd Trespian als Gränzen zu bewahren,

Als innerhalb sie haben, Stank und Schmutz

Von Aguglion und Signa zu ertragen,Die listig gaunern allem Recht zum Trutz.

Wenn sich, der gänzlich aus der Art geschlagen,

Am Kaiser nicht stiefväterlich verging,Statt ihn am Herzen väterlich zu tragen,

Wär’ mancher Schach’rer, den Florenz empfing,

Bereits zurückgekehrt nach Simifonte,Wo sein Großvater schmählich betteln ging.

Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte,

So wären noch die Cerchi in Acon,Vielleicht in Valdigriev die Buondelmonte.

In Volksvermischung fand man immer schon

Den ersten Keim zu einer Stadt Verfalle,Wie Speis’ auf Speisen unsern Leib bedrohn.

Ein blinder Stier stürzt hin in jäherm Falle

Als blindes Lamm, und öfters ist ein SchwertMehr werth als fünf, und schneidet mehr als alle.

Sieh Luni, Urbisaglia schon verheert,

Sieh Chiusi in derselben Noth sich winden,Die Sinigaglia, jenen gleich, erfährt;

Dann wirst du’s nicht mehr neu und seltsam finden,

Hüllt Nacht des Todes die Geschlechter ein,Da Städte selbst vom festen Grund verschwinden.

Was euer ist, das trägt, wie euer Sein,

Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt,Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein.

Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt,

Und ihn in Ebb’ und Flut entblößt und deckt,So ist’s, wie das Geschick Florenz behandelt.

Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt,

Sprech’ ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen,Die in Vergessenheit die Zeit versteckt.

Die Ughi hab’ ich und die Catellinen

Der Greci und Ormanni Stamm gesehn,Die selbst im Fall erhabne Bürger schienen.

Mocht’ alt, wie hoch, der von Sanella stehn,

Er mußte mit Soldanier, den von Arke,Und den Bostichi kläglich untergehn.

Am Thor, das jetzt an Hochverrath so starke

Belastung hat, daß in den Wogen baldVersinken wird die überladne Barke,

Dort war der Ravignani Aufenthalt,

Das Stammhaus derer, die den Namen führenDes Bellincion, der edel ist und alt.

Wohl wußte, wie sich’s zieme, zu regieren,

Der della Pressa – Galligajo nahmDas Schwert, das golden Blatt und Knauf verzieren.

Groß war die scheck’ge Säul’ und wundersam,

Groß waren die Sachetti, die Barucci,Und die ein Scheffel jetzt erfüllt mit Scham.

Groß war vordem der Urstamm der Calfucci;

Zu jeglichem erhabnen Platz im StaatRief man die Sizii und die Arrigucci.

Wie Manchen noch trug fehl des Stolzes Saat,

Indeß Florenz erblüht’ auf allen AestenDurch jener goldnen Kugeln Rath und That!

Auch durch die Väter derer, die in Festen,

Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht,Im Consistorium sich behaglich mästen.

Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht,

Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme,Wenn man die Zähne weist, den Beutel zieht,

Kam schon empor, allein aus niederm Stamme,

Drum zürnt’ Ubert dem Bellincion, daß erZu solcherlei Verwandtschaft ihn verdamme.

Von Fiesole kam Caponsacco her

Auf euren Markt, und war in jenen TagenWie Infangat’ noch bieder und von Ehr’.

Unglaubliches, doch Wahres werd’ ich sagen:

Ein Thor des Städtchens ließ man ungescheutDen Namen des Geschlechts der Pera tragen.

Wen nur des schönen Wappens Schmuck erfreut,

Des großen Freiherrn, dessen Preis und EhrenAlljährlich noch das Thomas-Fest erneut,

Ließ Ritterwürden sich von ihm gewähren,

Mag der auch, der’s mit goldner Zier umwand,

Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren.

Da hoch der Stamm der Gualterotti stand,

So würd’ in Kriegsnoth Borgo minder beben,Wenn er sich mit den Nachbarn nicht verband.

Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben,

Da’s in gerechtem Grimm euch Tod gebrachtUnd ganz beendigt euer heitres Leben,

Stand mit den Seinen fest in Ehr’ und Macht.

O Buondelmont’, was hattest du VerlangenNach andrer Braut? was fremden Antriebs Acht?

Wohl Viele würden froh sein, die jetzt bangen,

Wenn Gott der Ema dich vermählt, als duZum ersten Male nach der Stadt gegangen.

Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu,

Das sie der Brücken-Wacht, dem wüsten Steine,Mit Blut gebracht in ihrer letzten Ruh’. –

Mit Diesen und mit Andern im Vereine

Sah ich Florenz des süßen Friedens werth,In dem’s nie Ursach fand, weshalb es weine.

Mit diesen sah ich hoch sein Volk geehrt,

Gerecht und treu, in ruhig edler Haltung,Und nie am Speer die Lilie umgekehrt,

Und nimmer roth gefärbt durch inn’re Spaltung.

Wie der, der Väter karg gemacht den Söhnen,

An Climene um Kunde sich gewandtVon dem, was man gesagt, ihn zu verhöhnen;

So war ich jetzt in mir und so empfand

Beatrix mich und Er, deß LiebesregungVom Flammenkreuz ihn zu mir hergebannt.

Drum Sie: „Folg’ itzt der inneren Bewegung,

Und laß den Wunsch hervor, nur sei er reinBezeichnet durch des innern Stempels Prägung.

Er soll nicht größre Kenntniß uns verleihn,

Doch muthig deinen Durst hier zu bekennen,Gewöhne dich, daß man dir reiche Wein.“

„„O theurer Ahn, hochragend im Erkennen!

Gleich wie der Mensch sieht, daß im Dreieck nichtZwei stumpfe Winkel sich gestalten können,

So siehst du, was da sein wird, das Gesicht

Dem Spiegel zugewandt, der alle ZeitenAls Gegenwart dir zeigt im klaren Licht.

Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten,

Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt,Und zu der todten Welt hinabzuschreiten,

Ward von der Zukunft Kunde mir ertheilt,

Die hart ist, mag ich auch als Thurm mich fühlen,Der trotzend steht, wenn ihn der Sturm umheult.

Drum wüßt’ ich gern, um meinen Wunsch zu kühlen,

Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut,Scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen.““

Ich sprach’s zum Licht, das mir mit süßem Laut

Gesprochen hatt’ und hatt’ ihm nun vollkommen,Nach meiner Herrin Wink, den Wunsch vertraut.

In Räthseln nicht, wie man sie einst vernommen,

Bestimmt, ein Netz für Thoren-Wahn zu sein,Eh’ Gottes Lamm die Sünd’ auf sich genommen,

In klarem Wort und bündigem Latein

Antwortete mir jene VaterliebeVerschlossen in der eignen Wonne Schein:

„Der Zufall, Werk allein der Erden-Triebe,

Malt sich im ew’gen Blick, wie vorbestimmt,Und keiner ist, der ihm verborgen bliebe,

Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt,

So wenig, als das Aug’ ein Schifflein leitet,Das drin sich spiegelt, wenn’s strom-unter schwimmt.

Wie Orgel-Harmonie zum Ohre gleitet,

So kann mein Aug’ im ew’gen Blicke sehn,Welch ein Geschick die Zukunft dir bereitet: –

Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen

Von der Stiefmutter treulos argen Ränken,So mußt du aus dem Vaterlande gehn.

Dies wollen sie, dies ist’s, worauf sie denken;

Und wo man Christum frech zum Markte trägt,Dort wird zur That, was Noth thut, dich zu kränken.

Und dem verletzten Theil folgt, wie er pflegt,

Der Ruf der Schuld – allein die Wahrheit kündenWird Gottes Rache, die den Argen schlägt.

Du wirst dich Allem, was du liebst, entwinden,

Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt,Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden.

Wie fremdes Brod gar scharf versalzen schmeckt,

Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen,Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt.

Doch wird so schwer nichts deinen Rücken biegen,

Als die Gesellschaft jener schlechten Schaar,Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen.

Ganz toll, und ganz verrucht und undankbar,

Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen,Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war.

Wie dumm sie ist, das wird ihr Thun besagen;

Und daß du für dich selbst Partei gemacht,Wird dir erwünschte, schöne Früchte tragen.

Die erste Zuflucht in der harten Acht

Wird dir der herrliche Lombard’ gewähren,Den heil’ger Aar und Leiter kenntlich macht.

Zwischen euch wird von Geben und Begehren

Das, was sonst später kommt, das Erste sein,So sorgsam wird auf dich sein Blick sich kehren.

Dort siehst du Ihn, dem dieses Sternes Schein

Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen,Ihm das Gepräg zu hoher That zu leihn.

Und hat die Welt noch nichts davon vernommen,

So ist’s, weil eben erst der Jahre neunDen Lauf die Sonne hat um ihn genommen.

Eh’ der Gascogner Heinrich wird bedräun,

Wird er schon Funken seiner Tugend weisen,Wird Gold nicht achten, keine Mühsal scheu’n.

Von seiner Großmuth Proben und Beweisen

Wird so die Welt erfüllt, daß selbst der TroßDer Feinde nicht vermag, sie nicht zu preisen.

Leg’ seiner Huld getrost dich in den Schooß!

Indem er Arme reich macht, arm die Reichen,Wird er verwandeln vieler Menschen Loos.

Und dies noch laß nicht aus dem Sinn dir weichen

Von ihm – doch schweig’!“ Dann sagt’ er Dinge mir,Die dem selbst, der sie sah, noch Wundern gleichen.

„Sohn,“ also sprach er weiter, „siehe hier,

Zu dem, was dir verkündet ward, die Glossen.Schon droht man aus dem Hinterhalte dir.

Doch nicht beneide deine Landsgenossen,

Denn lang, bevor du sinkst in’s dunkle Grab,Ist dem Verrath gerechte Rach’ entsprossen.“

Hier brach die heil’ge Seel’ ihr Reden ab,

Und hatte das Gewebe ganz vollendet,Wozu ich fragend ihr den Aufzug gab.

Und wie man zweifelnd sich an Jemand wendet,

Der innig liebt und Rechtes will, und siehtNach gutem Rath – so ich, als er geendet:

„„Ich seh’s, wie rasch heran die Stunde zieht,

Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren,Der schwerer trifft, wen die Voraussicht flieht.

Drum muß ich wohl mit Vorsicht mich bewehren,

Um fern dem Ort, der, was ich lieb’, enthält,Nicht durch mein Lied der Zuflucht zu entbehren.

Denn reisend durch die endlos bittre Welt,

Dann auf den Berg, wo mich, vom AngesichteDer Herrin, Licht zum höhern Flug erhellt,

Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte,

Erfuhr ich, was wohl Manchen brennt und beißtDurch ätzenden Geschmack, wenn ich’s berichte.

Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist,

Dann, fürcht’ ich, bin ich todt bei jenen Allen,Bei welchen diese Zeit die alte heißt.““

Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen,

Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf,Auf den der Sonne Feuerblicke fallen.

„Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf,“

Sprach er, „wen eigne Schmach, wen fremde drücket,Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf.

Dennoch verkünde ganz und unzerstücket

Was du gesehn, von jeder Schminke frei,Und laß nur den sich kratzen, den es jücket.

Ob schwer dein Wort beim ersten Kosten sei,

Doch Nahrung hinterläßt’s zu kräft’germ Leben,Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei.

Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben,

Der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt,Und dies wird Grund zu größrer Ehre geben.

Drum sind berühmte Seelen alle fast,

Die du im dunkeln wehevollen SchlundeUnd auf dem Berg und hier gesehen hast.

Denn Niemand traut beruhigt einer Kunde,

Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt,Die Wurzel tief im unbekannten Grunde,

Und nur was hell strahlt überzeugt die Welt.“

Schon freute sich der sel’ge Geist alleine

An seinem Wort, und ich, mit SüßigkeitDas Bittre mäßigend, genoß das meine.

Und jene Frau, zum Höchsten mein Geleit,

Sprach: „Wechsle die Gedanken – denk’, ich wohneDem nah’, der mildert unverdientes Leid.“

Ich, hingewandt zum süßen Liebestone,

Konnt’ in den heil’gen Augen Liebe schau’n,Die ich nicht sing’ in dieser niedern Zone.

Denn nicht der Sprache nur muß ich mißtrau’n;

Selbst das Gedächtniß kehrt nicht, ungetragenVom Flug der Gnade, zu den sel’gen Au’n.

Ich kann von jenem Augenblick nur sagen:

Ich fühlte jeden Wunsch der Brust entfliehn,

Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen,

Solang’ die Himmelswonn’, die Sie beschien

Unmittelbar, vom schönen AngesichteMir wiederstrahlend, Gnüge mir verlieh’n.

Besiegend mich mit eines Lächelns Lichte,

„Nicht mir im Aug’ allein ist Paradies“,Sprach Sie: „horch auf! dorthin die Augen richte!“

Wie Lieb’ auf Erden wohl sich mir erwies,

Die lächelnd glänzt’ auf eines Freundes Zügen,Der seine Seele ganz ihr überließ,

So zeigt’ in Glanz und wonnigem Vergnügen

Des Urahns Geist die liebende Begier,Mir noch durch ein’ge Reden zu genügen:

„In dieses Baumes fünfter Stufe hier,

Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben,Stets reich an Frucht und frischer Blätter Zier,

Sind Sel’ge, die, eh’ sie empor zu schweben

Der Himmel rief, in eurem ErdenthalDurch Ruhm der Muse reichen Stoff gegeben.

Sieh auf die Arme hin am Kreuzes-Maal,

Und zeigen wird sich Jeder, den ich nannte,Wie in der Wolk’ ihr schneller Feuerstrahl.“

Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte,

Beim Namen Josua – so daß ich WortUnd That in einem Augenblick erkannte.

Den Maccabäus nannt’ er dann und dort

War kreisend Feuer glänzend vorgedrungen,Und Freude trieb den heil’gen Kreisel fort.

Als Karl der Groß’ und Roland dann erklungen,

Folgt’ ich so aufmerksam dem Glanz, als manDem Falken folgt, der sich emporgeschwungen.

Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan,

Und Rinoard, bei ihres Namens Klange;Auch Herzog Gottfried, Robert Guiscard dann.

Drauf mischte sich dem schimmernden Gedrange

Die Seele, die erst sprach, als MeisterinSich zeigend in dem himmlischen Gesange. – –

Ich kehrte mich zur rechten Seite hin,

Um in Beatrix meine Pflicht zu lesen,In Wink und Wort der heil’gen Führerin,

Und sah so rein ihr Aug’, ihr ganzes Wesen

So hold, daß, was ich sah an Himmelslust,Sie übertraf, ja, was sie je gewesen.

Und wie, des guten Wirkens sich bewußt,

In größ’rer Wonne man von Tag zu TagenDer Tugend Wachsthum merkt in eigner Brust;

So merkt’ ich jetzt, vom Himmel fortgetragen

In seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis,Sobald ich sah dies schön’re Wunder tagen.

Und wie das Roth der Scham, die glühend heiß

Gefärbet hat der zarten Jungfrau Wangen,Bald wieder schwindet vor dem lautern Weiß;

So, nach dem rothen Licht, das mich umfangen,

Sah ich mich in den Silberglanz entrücktDes sechsten Sterns, der mich in sich empfangen.

Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmückt,

War frohes Liebesfunkeln zu gewahren,Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrückt.

Wie Vögel, die empor vom Strande fahren,

Gemeinsam neuer Weide froh, sich baldIn runden, bald in langen Haufen schaaren;

So flatterten, vom Himmelslicht umwallt,

In Sängen Sel’ge hin, im Fluge zeigendDes D und dann des I und L Gestalt,

Sich senkend nach der Melodie und steigend,

Und, war die Ordnung diesen Zeichen gleich,Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend.

Kalliope, die du die Geister reich

An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten,Wie sie durch die verew’gen Stadt und Reich:

Erleuchte mich, damit ich die Gestalten

Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl;Laß deine Kraft in kurzen Reimen walten! –

Vokal’ und Consonanten – sieben mal

Fünf waren’s, die mein Auge dort ergetzten,Auch merkt’ ich wohl die Ordnung dieser Zahl.

Diligite iustitiam – so setzten

Erst Haupt- und Zeitwort sich; dann sieh sofort:Qui iudicatis terram – als die letzten.

Und alles blieb beim M im fünften Wort

Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend.So stand die Schrift wie Gold in Silber dort.

Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend

Zum Haupt des M, dort still und unbewegt,Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend.

Dann, wie wenn man mit Feuerbränden schlägt,

Draus unzählbare Funken sprühend flammen,Woraus die Thorheit wahrzusagen pflegt,

So hoben dort sich mehr als tausend Flammen

Und die stieg mehr, und minder die empor,Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen.

Als jed’ an ihrer Stelle war, verlor

Sich das Gewühl – da trat in FlammenzügenDer Kopf und Hals von einem Adler vor.

Der dorten malt, weiß selbst sich zu genügen;

Ihn leitet nichts; die Kraft entstammt durch Ihn,Draus in den Nestern sich die Formen fügen.

Die andre Schaar, die erst befriedigt schien,

Das M bekrönend mit dem Lilienkranze,Fügte sich, leicht bewegt, zum Ganzen hin.

So sah ich, schöner Stern, der Himmel pflanze

In uns die Keime der Gerechtigkeit,Der Himmel, den du schmückst mit deinem Glanze.

Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht,

Fleh’ ich, nach jenem Rauche hinzuschauen,Der deinen Strahl verdunkelt und entweiht.

Sein Zorn mach’ einmal noch dem Volke Grauen,

Das in dem Tempel schachert und verkehrt,Den Er aus Wundern ließ und Martern bauen.

O Himmels-Kriegerschaar, dort hell verklärt,

Bitte für die, so noch der Leib umschlossen,Die schlechtes Beispiel falsche Wege lehrt.

Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen,

Doch jetzt, das Brod wegnehmend dort und hie,Das unser frommer Vater nie verschlossen.

Du, der du schreibst, um auszustreichen, sieh:

Für jenen Weinberg, welchen du verdorben,Starb Paul und Petrus; doch noch leben sie.

Du aber denkst: Hab’ ich nur den erworben,

Der in die Einsamkeit der Wüst’ entrann,Und der zum Lohn für einen Tanz gestorben,

Was kümmern Paulus mich und Petrus dann?

Vor mir erschien mit offnem Flügelpaar

Das schöne Bild, wo, selig im Vereine,Der Geister lichter Kranz verflochten war.

Jedweder war wie ein Rubin, vom Scheine

Der Sonne so in Licht und Glut entbrannt,Als ob sie selbst mir in die Augen scheine.

Der Schilderung, zu der ich mich gewandt,

Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen,Da Phantasie dergleichen nie erkannt? –

Ich sah den Aar und hört’ ihn Worte sagen,

Und in der Stimm’ erklangen Ich und Mein,Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen.

Er sprach: Für frommes und gerechtes Sein,

Sollt’ ich zu dieser Glorie mich erheben,Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein.

Und solch Gedächtniß ließ ich dort im Leben,

Daß es für rühmlich selbst den Schlechten gilt –Nur daß sie nicht der Spur zu folgen streben!“

Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt,

So tönte jetzt von vielen LiebesglutenEin einz’ger Ton mir zu aus jenem Bild.

„„Ihr ew’ge Blüten des endlosen Guten,““

Begann ich, „„die Ihr mir als einen jetztLaßt eure Wohlgerüch’ entgegenfluten,

Ich bitt’ euch nun, mit eurem Hauch ergetzt

Mich Hungrigen und reicht mir jene Speise,Mit welcher mich die Erde nie geletzt.

Wohl weiß ich – spiegelt schon in anderm Kreise

Des Himmels sich des Herrn Gerechtigkeit –Daß sie sich euch nicht unter’m Schleier weise.

Ihr wißt, zum Hören bin ich schon bereit,

Auch wißt ihr, welch ein Zweifel mich befangen,Der unbefriedigt ist seit langer Zeit.““

Gleichwie ein edler Falk’, der Kapp’ entgangen,

Das Haupt bewegt, sich schön und freudig macht,Stolz mit den Flügeln schlägt und zeigt Verlangen,

So machte sich des hohen Zeichens Pracht,

Das Gottes Gnade laut dem All verkündet,Mit Sang, wie der nur hört, der dort erwacht.

Und es begann: „Er, der die Welt gegründet,

Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drinUnd Offenbares viel darin begründet;

Doch hat er seine Kraft vom Anbeginn

Nicht völlig ausgeprägt im Weltenalle,Denn endlos überragt’s sein hoher Sinn.

Der erste Stolze, welcher höh’r als alle

Geschöpfe stand, sank drum im frevlen Zwist,Des Lichts nicht harrend, früh in jähem Falle.

Denn jegliches der kleinern Wesen ist

Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen,Das, endlos, sich nur mit sich selber mißt,

Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen;

Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein,Der Urstoff ist und Grund von allen Dingen,

Kann nie durch eigne Kraft so mächtig sein,

Um seinen Ursprung deutlich zu ersehen,Denn Nebel hüllt für ihn so Tiefes ein;

Drob zu der Urgerechtigkeit das Spähen

Des Menschenblicks sich nur so weit erstreckt,Als in den Grund des Meers die Augen gehen.

Leicht wird der Grund am Strand vom Aug’ entdeckt,

Doch nie im Meer, wie sehr sich’s müh’ und übe;Grund ist dort, doch zu tief, und drum versteckt.

Nur aus der Heitre dort, die nimmer trübe,

Kommt Licht – all Andres ist nur Dunkelheit,Ist Schatten oder Gift der Fleischestriebe.

Sieh das Versteck, das die Gerechtigkeit

Dir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande,Und ruhn wird nun in dir der Zweifel Streit.

Erzeugt wird Jemand an des Indus Strande,

So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ,Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande?

Wenn er, so weit es die Vernunft ermißt,

In That und Willen rein und unverdorben,

Und ohne Sünd’ in Wort und Leben ist,

Und er ungläubig, ungetauft gestorben,

Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfällt?Wo Schuld, daß er den Glauben nicht erworben? –

Und wer bist du, der sich so hoch gestellt,

Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen,Da eine Spanne kaum dein Blick enthält?

Gewiß, daß die mir nach im Forschen ringen,

Wär’ über euch nicht Gottes heil’ges Wort,Zum Zweifel und Erstaunen Grund empfingen!

O Thier’ aus Erd’! ihr stumpfen Geister dort!

Der erste Wille, gut von selber, gehetNie aus sich selbst, dem höchsten Gute, fort.

Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet.

Ihn kann nicht anziehn ein erschaffnes Gut,Das nur aus Seiner Strahlenfüll’ entstehet.“ –

Wie über ihrem Nest die Störchin thut,

Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend,Und wie nach ihr hinschaut die satte Brut;

So that – und so auch ich, das Aug’ erhebend –

Das heil’ge Bild, das seine Flügel schwang,Durch ein’gen Willen Aller aufwärts strebend,

Indem’s, im Kreis sich schwingend, also sang:

„So wie du nicht verstehst, was ich verkündet,So kennt ihr nicht des ew’gen Urtheils Gang.“

Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begründet

Der Römer hat, stand still die sel’ge Schaar,Von lichter Glut des heil’gen Geist’s entzündet.

„In dieses Reich“, begann auf’s Neu’ der Aar,

„Stieg Keiner je, der nicht geglaubt an Christus,Vor oder nach, als er gekreuzigt war.

Doch siehe, Viele rufen Christus! Christus!

Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht,Als Jene, welche nichts gewußt von Christus.

Das Strafurtheil für solche Christen spricht

Der Heid’ einst aus, wenn sich die Schaaren trennen,Die zu der ew’gen Nacht und die zum Licht.

Wie wird ein Perser eure Fürsten nennen,

Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch,In dem er ihre Schmach wird lesen können?

Die That des Albrecht wird mit hartem Spruch

Er in dem Buch bald eingetragen sehen,Ob der ihn trifft des Böhmer-Reiches Fluch.

Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen,

In den es durch den Münzverfälscher fällt,Der durch des Ebers Stoß wird untergehen.

Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld,

Drob Schott’ und Engeländer thun, gleich Tollen,Und Keiner sich in seiner Grenze hält.

Dort wird die Ueppigkeit sich zeigen sollen

Des Spaniers und des Böhmen, welcher nieDie Trefflichkeit gekannt, noch kennen wollen.

Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh

Mit einem M bezeichnet deine Sünden,Und deine Tugenden mit einem I.

Dort wird sich auch der niedre Geiz verkünden

Deß, der dort herrschet, wo Anchises ruhtNach langer Fahrt, bei Aetna’s Feuerschlünden.

Und wie gering er ist an Kraft und Muth,

Das wird die abgekürzte Schrift bezeugen,Die Vieles kund auf engem Raume thut.

Auch wird das schmutz’ge Thun des Ohms sich zeigen,

Und das des Bruders kund sein überall,Die mit dem edlen Stamm zwei Kronen beugen.

Auch den von Norweg, den von Portugal

Und den von Rascia wird man unterscheiden,Der Schuld ist an Venedigs Münzverfall.

Mög’ Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden!

Navarra, es vertheidige getrostDie Bergesreih’n, die es von Frankreich scheiden!

Und glaube Jeder, daß schon Famagost

Und Nicosia seien, deß zum ZeichenUnd Vorschmack, auf ihr wildes Thier erbost,

Deß Thaten den der andern völlig gleichen.

Wenn Sie, die hell die ganze Welt verklärt,

Von unsrer Hemisphär’ herabgeschwommenUnd rings der Tag ersterbend sich verzehrt,

Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen,

Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund,Die all’ ihr Licht von einem Licht entnommen.

Dies war’s, was jetzt vor meiner Seele stund,

Als unsrer Welt und ihrer Herrscher ZeichenStillschweigen ließ den benedeiten Mund.

Denn alle Lichter, jene wonnereichen,

Erglänzten nun im Sang, an dessen MachtNicht irdischer Erinn’rung Schwingen reichen.

O Lieb’, umkleidet mit des Lächelns Pracht,

Wie sah ich Glanz dich in die Funken gießen,Die heil’ger Sinn allein dort angefacht!

Dann, als die Edelsteine, die mit süßen

Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhöhn,Die Engelsglocken wieder schweigen ließen,

Schien mir’s, es zeig’ in murmelndem Getön

Ein Fluß, von Fels zu Felsen niederfallend,Wie reich sein Quell entstand auf Bergeshöh’n.

Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend,

An ihrem Hals sich formt, und wie der WindDurch’s Mundloch eindringt, die Schalmei durchhallend;

So hatte jener Murmelton geschwind

Sich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen,Und drang, wie aus der Kehle süß und lind;

Und ward zur Stimm’, und, dort hervorgedrungen,

Ward er gebildet zum erwünschten Wort,Und wohl behält mein Herz, was mir erklungen.

„Den Theil in mir, der bei den Adlern dort

Die Sonn’ sieht und erträgt, schau’ an!“ so hobenDie Wort’ itzt an und fuhren weiter fort:

„Denn von den Flammen, die mein Bild gewoben,

Stehn, die hier glänzen an des Auges Statt,In allen Würden vor den andern oben.

Der, so den Platz des Augenapfels hat,

Des heil’gen Geistes Sänger war’s und brachteDie Bundeslade fort von Stadt zu Stadt.

Wie der, der ihn begeistert, seiner achte

Und seines Sangs, das kann er jetzo sehn,Da Er dem Werth gleich die Belohnung machte.

Von fünf, die um mein Aug’ als Braue stehn,

Sieh nächst dem Schnabel den, der eh’mals WeileDem Heer gebot auf einer Wittwe Flehn.

Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile,

Dies theuer büßt, das hat er nun erkanntIn dieser Wonn’ und in dem Gegentheile.

Der Nächst’ im Kreise, der mein Aug’ umspannt,

Ist Jener, der den Tod auf fünfzehn JahreDurch wahre Reue von sich abgewandt.

Jetzt sieht er ein, daß der Unwandelbare

Den Rath nicht ändert, ob sein Urtheil sich,Auf würd’ges Fleh’n, von heut’ auf morgen spare!

Der nachfolgt, führte das Gesetz und mich,

Durch guten Sinn zur Unheilsthat bewogen,Nach Griechenland, weil er dem Hirten wich.

Jetzt sieht er, daß, nach gutem Zweck gewogen,

Die That, ob sie in Trümmern euch begräbt,Ihm dennoch nichts von seiner Wonn’ entzogen.

Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwärts strebt,

Ob dessen Tod des Landes Bürger weinen,Das klagt, weil Karl und Friederich jetzt lebt.

Jetzt sieht er, Gott liebt zärtlich, als die Seinen,

Gerechte Fürsten, und, in Glanz erhellt,Läßt er dies hier in frohem Blitz erscheinen.

Wer glaubt’ es in der wahnbefangnen Welt,

Daß Ripheus, den Trojaner, hier im RundeDes fünften Lichtes heil’ger Glanz enthält?

Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade Kunde

Und siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt,Dringt auch sein Blick nicht bis zum tiefsten Grunde.“ – –

Gleichwie die Lerche in die Lüfte steigt,

Erst singend flattert, aber dann, zufrieden,Vom letzten süßen Ton gesättigt, schweigt:

So schien mir jenes Bild, durch das hienieden

Der Abdruck ew’ger Wonnen zu uns spricht,In deren Suchen jedem Ding beschieden

Das wahre Sein. – Barg ich auch minder dicht,

Als Glas die Farb’, den Zweifel, litt er SchweigenUnd läng’res, stummes Harren dennoch nicht.

Er zwang dies Wort dem Munde zu entsteigen:

„„Was sah ich dort!““ durch seines Drangs Gewicht;Drob ich sah Freudenfunkeln dort sich zeigen.

Daß ich in Staunen länger schwebe nicht,

Ließ sich der Aar vernehmen also gegenMich, und sein Aug’ durchglühte hell’res Licht:

„Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen,

Weil ich’s gesagt, und siehest nicht das Wie?Wie wir Verborgenes zu glauben pflegen,

Wie man der Sache Namen lernt, doch sie

Nicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden,Wenn nicht ein Anderer uns Licht verlieh.

Das Reich der Himmel muß Gewalt erleiden,

Wenn Kraft der Lieb’ und Hoffnung es bekriegt,Denn Gottes Wille wird besiegt von beiden;

Nicht wie ein Mensch dem Stärkern unterliegt,

Nein, Er siegt, denn er will sich ja ergeben,Drob er, besiegt durch seine Güte, siegt.

Du staunst beim ersten und beim fünften Leben

In meiner Brau’, und nennst es wunderbar,Daß beide hier in hellem Glanze schweben.

Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar.

Der glaubt’ an’s Leiden, das schon eingetroffen,Der Zweit’ an das, das noch zu dulden war.

Der ist vom Höllenschlund, der nimmer offen

Zur Rückkehr war, zum Leib zurückgekehrt,Und dies verdankt er nur lebend’gem Hoffen;

Lebend’gem Hoffen, das von Gott begehrt,

Ihn zu befreien aus des Todes Banden,Damit er lebe, wie das Wort gelehrt.

Und die ruhmwürd’ge Seele kehrt’ erstanden

Auf kurze Zeit zum Leib, und glaubt’ an Ihn,Deß Allmacht auf ihr Flehn ihr beigestanden,

Und fühlte, glaubend, sich so hell erglühn

In wahrer Liebe, daß sie dieser WonnenBei ihrem zweiten Tode werth erschien.

Der Zweit’, aus Gnade, die so tiefem Bronnen

Entquollen ist, daß nie die Creatur

Die Quell’ erspähen kann, wo er begonnen,

Weiht’ all sein Lieben einst dem Rechten nur,

Drum hob ihn Gott empor zu Gnad’ und Gnaden,Und zeigt’ ihm künftiger Erlösung Spur.

Er glaubt’ an sie, und schalt sodann, entladen

Des Heidenthums, von seinem Stanke frei,Die, so noch wandelten auf falschen Pfaden.

Anstatt der Taufe standen ihm die Drei,

Die du am rechten Rad im Tanz gesehen,Wohl tausend Jahre vor der Taufe bei.

O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehen

Doch deine Wurzeln jenem Blick, der nichtVermag den Urgrund völlig zu erspähen!

Drum, Menschen, seid vorsichtig im Gericht,

Da wir nicht all’ die Auserwählten wissen,Wir, die wir schau’n in Gottes ew’ges Licht.

Und süß ist uns auch das, was wir vermissen,

Da immer reiner draus das Heil entquillt,Da dessen, was Gott will, auch wir beflissen.“ –

So reichte jenes gottgeliebte Bild,

Der schwachen Sehkraft Stärkung zu bereiten,Mir Arzeneien, wundersüß und mild.

Und wie mit lieblichem Geschwirr der Saiten

Die guten Lautner guter Sänger LiedZu größ’rer Süßigkeit des Sangs begleiten,

So regt’, indeß der Adler mich beschied,

Der benedeiten Lichter Paar zusammen,Wie man zugleich die Augen blicken sieht,

Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.

Schon heftet’ ich die Augen auf’s Gesicht

Der Herrin wieder, Augen und Gemüthe,Und dachte drum an alles Andre nicht.

Sie lächelte mir nicht, doch sprach voll Güte:

„Dafern ich lachte, würde dir geschehnWie Semelen, als sie in Staub verglühte.

Wenn meine Schönheit, (die, wie du gesehn,

Beim Steigen in dem ewigen PalasteSich mehr entflammt, je mehr wir uns erhöhn),

Sich deinem Blick nicht mäßigte, sie faßte

Dich wie ein Blitz – du wärst von ihr erdrückt,Zerschmettert gleich dem blitzgetroffnen Aste.

Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrückt,

Der vom Gebild des Himmels-Leu’n umgeben,Aus seiner Glut den Strahl herniederzückt.

Laß jetzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben;

Und deinen Blick – mach’ jetzt zum Spiegel ihnFür’s Bild, das kund wird dieser Spiegel geben.“

Wer wüßte, wie ihr Blick so selig schien,

Wie er dem meinen ward zur süßen Weide,Als sie gebot, ihn wieder abzuziehn,

O der erkennt’ auch wohl, mit welcher Freude,

Ich dem gehorcht, was Sie mir auferlegt,Denn Wonne hielt das Gleichgewicht dem Leide.

In dem Krystall, der, um die Welt bewegt,

Vom theuren Führer, unter dem entweichenDie Bosheit mußte, noch den Namen trägt,

Erblickt’ ich einer Leiter schimmernd Zeichen,

An Farbe gleich dem Gold, durchglänzt vom Strahl,Hoch, daß zur Höh’ nicht Menschenblicke reichen.

Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl

Die Schaar der sel’gen Himmelslichter nieder,Als ström’ hier alles Licht mit einem Mal.

Und wie, nach ihrer Art, die Kräh’n, wenn wieder

Der Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehn,Um zu erwärmen ihr erstarrt Gefieder,

Und die von dannen ohne Rückkehr fliehn,

Die rückwärts fliegen, andre dann, im BogenDieselbe Stell’ umkreisend, dort verziehn:

So sah ich’s jetzt in jenem Glanze wogen,

Der dort zugleich entströmt’, – bis daß die FlutWar zu gewissen Stufen hergezogen.

Und Einer glänzte, der, uns nah’, geruht,

Drum wollte schon dies Wort der Lipp’ entsteigen:

„Ich seh’ es wohl, du zeigst mir Liebesglut.“

Doch Sie, die mir zum Sprechen und zum Schweigen

Das Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ichThat wohl, nicht fragend meinen Wunsch zu zeigen.

Doch sie erklärte wohl mein Schweigen sich,

In Ihm, der Alles sieht, mich klar erschauend,Und sprach: „Still’ jetzt den heißen Wunsch und sprich!“

Und ich begann: „„Nicht dem Verdienste trauend,

Halt’ ich von dir mich einer Antwort werth;Ich frag’, auf Sie, die mir’s gestattet, bauend:

O sel’ges Leben, das du schön verklärt

Dich in der Freude birgst, aus welchem GrundeHast du zu mir dich liebevoll gekehrt?

Und sage mir, weswegen diesem Runde

Die Paradieses-Symphonie gebricht,Die tiefer dort erklang im frommen Bunde?““

Und Er: „Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht;

Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegenErtönt der Sang in diesem Kreise nicht.

Ich kam von heil’ger Leiter dir entgegen,

Um mit der Red’ und mit dem Licht, das mirZum Kleide dient, dich freudig aufzuregen.

Und nicht aus größ’rer Liebe bin ich hier;

Nein, mehr und gleiche Liebe glüht in ihnen,Die dorten sind, und Schimmer zeigt sie dir.

Doch höchste Liebe, die uns treibt, zu dienen

Dem ew’gen Rath, braucht, wen sie wählt, dabei,Wie dir in dem, was du gesehn, erschienen.“

„„Ich sehe wohl,““ sprach ich, „„daß Liebe, frei,

An diesem Hof den Schlüssen nachzugehenDer ew’gen Vorsehung, genügend sei.

Doch bleibt mir Eins noch schwierig zu verstehen:

Warum bist du von allen Jenen dortSchon im Voraus zu diesem Amt ersehen?““

Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort,

Da drehte sich, sich um sich selber schwingend,Das Licht im Kreis gleich einer Mühle fort.

„Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend,“

Antwortete die Liebe drin, „mir scheint,Das, welches mich in sich verschließt, durchdringend,

Hebt seine Kraft, mit meinem Schau’n vereint,

Mich über mich, so daß in seinem SchimmerDas Ursein, das ihn ausströmt, mir erscheint.

Und daher kommt mein freudiges Geflimmer,

Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt,Vermehrt sich auch der Flammen Klarheit immer.

Doch der, der sich im reinsten Licht verklärt,

Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siehet,Genügt dir nicht in dem, was du begehrt.

Denn in dem Abgrund ew’gen Raths umziehet

Das, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt,Es jeglichem geschaffnen Blick entziehet.

Verkünde dies, zurückgekehrt, der Welt,

Und warne sie vor jenem stolzen Streben,Das so Erhabnes sich zum Ziele stellt.

Licht hat den Geist hier, dorten Rauch umgeben;

Drum sieh, wie kann zum höchsten Ziel hinauf,Das hier nicht klar wird, er sich dort erheben!“ –

Dies trug das Wort des Seligen mir auf,

Drum ließ ich demuthsvoll von diesen Fragen,Und fragte nur nach seinem Lebenslauf.

„Zwischen Italiens beiden Küsten ragen

Felsberge, Tuscien nah’, so hoch empor,

Daß unter ihren Höh’n die Wolken jagen.

In ihnen springt ein Bergeshöcker vor,

Catria genannt, und drunter liegt die Oede,Die Gott zu seinem ächten Dienst erkor.“

Also begann er seine dritte Rede,

Und fuhr dann fort: „Dort stärkt’ ich meine KraftIm Dienste so, daß ich der Speisen jede

Mit nichts mir würzt’, als mit Olivensaft;

Dort hat Beschauung mir in vielen JahrenBei Hitz’ und Frost Zufriedenheit verschafft.

Fruchtbare Felder für den Himmel waren

Im Klosterbann, jetzt wuchert Unkraut dort,Und wohl geziemt sich’s, dies zu offenbaren.

Pier Damian war ich an jenem Ort.

(Petrus Peccator lebt’ in unsrer liebenFrau’n heil’gem Kloster an Ravenna’s Bord.)

Nur wenig Leben war mir noch geblieben,

Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut,Der jetzt zu schlimmen reizt und schlimmern Trieben.

Petrus war mager einst und unbeschuht,

Paulus ging so einher in jenen TagenUnd fand die Kost in jeder Hütte gut.

Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen,

Sieht man gestützt, geführt und schwer bewegt,Und hinten läßt man gar die Schleppe tragen.

Wenn über’s Prachtroß sich ihr Mantel schlägt

Sind zwei Stück Vieh in einer Haut beisammen.O göttliche Geduld, die viel erträgt!“ –

Hier stiegen von der Leiter viele Flammen

Und kreisten dort, so daß sie mehr und mehrBei jedem Kreis in schönem Lichte schwammen.

Sie stellten sich um jenen Schimmer her,

Mit einem Rufe von so lautem Schalle,Daß nichts auf Erden tönt so laut und schwer.

Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.

Ich kehrte mich, vom Staunen überwunden,

Zu meiner Führerin, gleich einem Kind,Das Hülfe sucht, wo’s immer sie gefunden.

Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwind

Zum Knaben kehrt, der athemlos beklommenIn ihrer Stimme frischen Muth gewinnt:

„Bedenk’s, dich hat der Himmel aufgenommen,

Wo Alles heilig ist, wo heißem DrangGerechten Eifers, was geschieht, entglommen.

Wie dich mein Lächeln, wie dich der Gesang

Verwandelt hätten, wirst du jetzt verstehen,Da jener Ruf dich so mit Graus durchdrang.

Verstündest du das drin enthalt’ne Flehen,

So wäre dir die Rache schon erklärt,Die du noch wirst vor deinem Tode sehen.

Von droben fällt zu frühe nicht das Schwert,

Und nicht zu spät, wie’s dem scheint, der mit GrauenEs harrend fürchtet, oder es begehrt. –

Jetzt blicke nur auf Andres mit Vertrauen;

Sieh dortenhin: du wirst in großer ZahlDort hochberühmte sel’ge Geister schauen.“

Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl,

Wohl hundert Kreise, welche Funken sprühten,Verschönert von dem gegenseit’gen Strahl.

Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln glühten,

Doch wagt’ ich keine Frag’ und hieß sie ruhn,Um vor zu großer Kühnheit mich zu hüten.

Die größte, hellste Perle nahte nun,

Um jenem Wunsch, den sie in mir ergründet,Mit süßem Liebeswort genug zu thun.

„Wenn du die Liebe säh’st, die uns entzündet,“

So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht,„Du hättest, was du denkst, mir frei verkündet.

Doch horch, auf daß du, harrend, später nicht

Zum hohen Ziel gelangest, und ich deuteDir, was zu fragen dir der Muth gebricht.

Des Berges Höh’, an dessen Abhang heute

Cassino liegt, war einst VersammlungsortFür viel Betrüger und betrogne Leute.

Der Erste nannt’ ich dessen Namen dort,

Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben,Der Erde bracht’ in seinem heil’gen Wort.

Und solche Gnade glänzt’ auf mich von oben,

Daß ich das Land umher vom Dienst befreit,Der mit verruchtem Trug die Welt umwoben.

Wer hier glänzt, lebt’ einst in Beschaulichkeit,

Und Keiner ließ in sich die Flamm’ erkalten,Die Blüten treibt und heil’ge Frucht verleiht.

Sieh des Macar, des Romuald Lichtgestalten,

Sieh meine Brüder, die im KlosterbannDen Fuß gehemmt und fest das Herz gehalten.“

„„Dein liebevolles Wort,““ so hob ich an,

„„Und diese Freundlichkeit, die es begleitet,Die ich an jedem Glanz bemerken kann,

Sie haben also mein Vertrau’n erweitet,

Wie Sonnenschein die Rose, welche sichSo weit sie kann, erschließet und verbreitet.

Und, so vertrauend, Vater, bitt’ ich dich,

Dich meinen Blicken unverhüllt zu zeigen,Ist solche Gnade nicht zu groß für mich.““

„Wenn so hoch,“ sprach er, „deine Wünsche steigen,

Beut dir der letzte Kreis Erfüllung dar.Durch sie wird jeder Wunsch, auch meiner schweigen.

Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr,

Was nur das Herz ersehnt – und dort nur findetSich jeder Theil da, wo er ewig war,

Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet;

Doch unsrer Leiter Höh’ erreichet ihn,Daher sie also deinem Blicke schwindet.

Als sie dem Jacob einst im Traum erschien,

Sah er die Spitze bis zum Himmel streben,Und drauf die Engel auf- und niederziehn.

Jetzt mag man nicht den Fuß vom Boden heben,

Um sie zu steigen, und bei Schreiberei’nBleibt an der Erde träg’ mein Orden kleben.

Denn Räuberhöhlen sind, was einst Abtei’n,

Und ihrer Mönche weiße Kutten pflegenNur Säcke, voll von dumpf’gem Mehl, zu sein.

Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen,

Als jene Frucht, auf die die Mönch’ erpicht,Drob sie im Herzen solche Thorheit hegen.

Das, was die Kirche wahrt, gehört nach Pflicht

Den Armen nur zur Lind’rung der Beschwerden,Nicht Vettern, noch auch schlechterem Gezücht.

Schwach ist des Menschen Fleisch, so, daß auf Erden

Ein guter Urspung nicht genügen kann,Bis Eichensprossen Eichenbäume werden.

Petrus fing ohne Gold und Silber an,

Und ich begann mit Fasten und mit Flehen,Franz seinen Orden als ein nied’rer Mann.

Willst du nach eines Jeden Ursprung spähen,

Dann sehn, wie ihn verführt der Uebermuth,So wirst du Schwarzes statt des Weißen sehen.

Traun! daß sich aufgethürmt des Meeres Flut

Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden,Mehr, als die Hülfe, die euch nöthig thut.“ – –

Sprach’s, um mit seiner Schaar sich zu verbinden;

Zusammen drängte sich die Schaar und fuhrVereint empor, gleich schnellen Wirbelwinden.

Und ihnen nach, mit Einem Winke nur,

Trieb mich die Herrin aufwärts jene Stiegen;So zwang jetzt ihre Kraft mir die Natur.

Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen,

Giebt die Natur nie solche Schnelligkeit,Daß sie vergleichbar ist mit meinem Fliegen.

So wahr ich, Leser, zu der Herrlichkeit

Einst kehren will, für die ich oft in ZährenDen Busen schlag’ in Reu’ und tiefem Leid;

Du kannst in’s Feu’r den Finger thun und kehren

So schnell nicht, als ich war im Sterngebild,Das nach dem Stier durchrollt die Himmelssphären.

O edle Sterne, kraftgeschwängert Bild,

Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen,Sei’s wenig oder sei es viel, entquillt,

In euch ist auf-, in euch ist untergangen

Die Mutter dessen, was auf Erden lebt,Als mich zuerst Toskana’s Luft umfangen.

Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt,

Geführt von reicher Gnad’, emporgeflogen,Da ward zu Theil mir, daß ich euch erstrebt.

Fromm seufz’ ich jetzt zu euch, seid mir gewogen!

Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleihn,Der meine Seele ganz an sich gezogen!

„Zum letzten Heile führ’ ich bald dich ein,“

Sie sprach’s, die mich zu diesen Höhen brachte,„Und scharf und klar muß jetzt dein Auge sein.

Darum, bevor du tiefer dringst, betrachte

Was unten liegt, und sieh, wie viele WeltIch unter deinem Fuß schon liegen machte,

Damit dein Herz, so viel es kann, erhellt,

Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen,Die fröhlich sich in diesen Kreis gesellt.“

Durch alle sieben Sphären warf ich meinen

Blick nun zurück, und sah dies Erdenrund,So, daß ich lächelt’ ob des niedern, kleinen.

Und jener Rath beruht auf gutem Grund,

Denn die dies Rund verschmähn in höherm Streben,Nur ihnen wird die echte Weisheit kund.

Ich sah in Glut Latona’s Tochter schweben,

Von jenem Schatten frei, der mir zum WahnVom Dünnen und vom Dichten Grund gegeben.

Dich, strahlenreicher Sohn Hyperions, sahn

Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet,

Und um dich Maja’s und Dione’s Bahn;

Dich sah ich, Zeus, der mäß’gen Schimmer spendet,

Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar,Wie seinen Wechsellauf ein jeder wendet.

Wie groß die Sieben sind, ward offenbar,

Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend,Auch stellte mir sich ihre Ferne dar.

Und mit dem ew’gen Zwillingspaare kreisend,

Sah ich das Plätzlein, das so stolz uns macht,Mir Land und Meer und Berg’ und Thäler weisend.

Dann kehrt’ ich mich zu Ihrer Augen Pracht.

Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen,

Im Nest bei seinen Jungen süß geruht,Indeß die Nacht die Dinge rings verborgen,

Um zu erschauen die geliebte Brut

Und ihr zu bringen die willkommne Speise,(Drob jede Müh’ des Suchens ihm dünkt gut),

Noch vor der Zeit, sobald am Himmelskreise

Aurora nur erschien, in Lieb’ entbrannt,Der Sonn’ entgegenschaut vom offnen Reise [Aste];

So, aufmerksam, das Haupt erhebend, stand

Die Herrin nach dem Theil der Himmelsauen,Wo minder eilig Sol sich zeigt, gewandt.

Ich konnte harrend Sie und sehnend schauen,

Und war gleich dem, der Andres wohl begehrt,Doch freudig ist in Hoffnung und Vertrauen.

Und bald ward Schau’n für Hoffen mir gewährt,

Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren,Und sah den Himmel mehr und mehr verklärt.

Beatrix sprach: „Sieh in den sel’gen Heeren

Christi Triumph, und sieh gesammelt hierDie ganze Frucht des Rollens dieser Sphären!“

Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir,

Als reine Wonn’ ihr Blick – und nimmer brächtenDie Wort’ hervor ein würdig Bild von Ihr.

Wie in des Vollmonds ungetrübten Nächten

Luna inmitten ew’ger Nymphen lacht,Die das Gewölb’ des Himmels rings durchflechten;

So über tausend Leuchten stand in Pracht

Die Sonne, so die Gluten all’ erzeugte,Wie unsre mit den Himmelsaugen macht.

Und, glänzend durch lebend’gen Schimmer, zeigte

Der Lichtstoff sich in solcher HerrlichkeitMir im Gesicht, daß es, besiegt, sich neigte.

O Herrin! theures, himmlisches Geleit! –

Sie sprach zu mir: „Was hier dich überwunden,Ist Kraft, vor der nichts Hülf’ und Schutz verleiht.

Hier ist’s, wo Weisheit sich und Macht verbunden;

Sie machten zwischen Erd’ und Himmel Bahn,Nach welcher Sehnsucht längst die Welt empfunden.“

Wie wenn der Wolken Schooß sich aufgethan,

Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken

Und gegen ihren Trieb der Erde nahn;

So rang mein Geist, von diesen Himmelstränken

Gestärkt, vergrößert, aus sich selber sich –Doch, wie ihm ward, wie könnt’ er deß gedenken?

„Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich!

Durch das Erschaute hast du Kraft empfangenUnd nicht vernichtet mehr mein Lächeln dich.“

Ich war, wie Einer, dem sein Traum entgangen,

Und der, vom dunklen Umriß nur bethört,Umsonst sich müht, die Bilder zu erlangen,

Als ich dies Wort, so werth des Danks, gehört,

Daß in dem Buch, das den vergangnen DingenGewidmet ist, es keine Zeit zerstört.

Und möchten mit mir alle Zungen singen,

Die von der hohen Musen ganzer SchaarDie reinste Milch zum Labetrank empfingen,

Doch stellt’ ich’s nicht zum Tausendtheile dar,

Wie hold ihr heil’ges Lächeln, wie entzündetIn lauterm Glanz ihr heil’ges Wesen war.

Und so, da’s Paradieses Lust verkündet,

Muß jetzo springen mein geweiht Gedicht,Gleich dem, der seinen Weg durchschnitten findet.

Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht,

Und daß es schwache Menschenschultern tragen,Der schilt mich, wenn ich drunter zittre, nicht.

Durch Wogen, die mein kühnes Fahrzeug schlagen,

Darf sich kein Schiffer, scheu vor Noth und Mühn,Darf sich kein kleiner, schwanker Nachen wagen.

„Was macht mein Blick dich so in Lieb’ entglühn,

Um nicht zum schönen Garten hinzusehen,Wo unter Christi Strahlen Blumen blühn?

Die Rose siehe dort, in der’s geschehen,

Daß Fleisch das Wort ward – sieh die Lilien dort,Bei deren Duft wir gute Wege gehen.“

Beatrix sprach’s – ich aber, ihrem Wort

Gehorsam stets, erneute mit den mattenBesiegten Augen doch den Kampf sofort.

Wie ich besonnt oft sah beblümte Matten,

Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt,Indeß bedeckt mein Auge war von Schatten;

So sah ich Schaaren dort, von Glanz umwallt,

Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprühte,Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt.

Du, die du ihn verströmst, o Kraft voll Güte,

Du bargst dich in den Höh’n, so daß mein SinnErtragen konnte, was dort strahlend blühte.

Der Name klang der Blumenkönigin,

Nach der die Arme früh und spät sich breiten,Und zog mich ganz zum größten Feuer hin.

Kaum malte sich in meinen Augen beiden

Die Größ’ und Glut des Sterns, den Strahl und GlanzSiegreich, wie hier einst, so jetzt dort umkleiden,

Da kam, gleich einer Kron’, ein Feuerkranz

Vom Himmel her, die Blume zu bekrönen,Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz.

Was auch hienieden klingt von süßen Tönen,

Von Harmonie, die hold das Herz erweicht,

Scheint wie zerrißner Wolke Donnerdröhnen,

Wenn man’s mit jener Leier Ton vergleicht,

Der Leier, den Saphir als Kron’ umgebend,Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht.

„Ich bin die Engelslieb’; im Kreise schwebend,

Und von der Lust, die uns der Leib gebracht,Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend,

Werd’ kreisen ich, solang in höh’rer Pracht,

Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen,Bei deinem Nahn die höchste Sphäre lacht.“

Hier war des Kreises Melodie verklungen.

Maria! tönt’ es aus dem andern LichtMit einem Klang, doch wie von tausend Zungen.

Der Königsmantel, der die Stern’ umflicht,

– Entglüht in lebensvollstem StrahlenbrandeIn Gottes Hauch und Strahlenangesicht –

War über uns mit seinem innern Rande

So weit entfernt, daß er noch nicht erschien,Noch nicht erkennbar war von meinem Stande.

Drum war dem Auge nicht die Kraft verliehn,

Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen,Der Flamme, der bekrönten, nachzuziehn.

Und wie das Kindlein, wenn’s die Milch genossen,

Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt,Von Liebesglut auch außen übergossen;

So sah ich hier, die Flamm’ emporgestreckt,

Jedweden Glanz; so ward sein innig LiebenZur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt,

Worauf sie noch mir im Gesichte blieben,

Als ihr Regina coeli! mir erschollIm Sang, deß Lust mir keine Zeit vertrieben.

O wie sind dorten doch die Scheuern voll

Von reicher Frucht, die Jeder, der hieniedenGut ausgesä’t, in Lust genießen soll.

Dort lebt bei solchem Schatz in sel’gem Frieden,

Der weinend ihn erlangt in Babylon,Und sich im Bann vom Erdengut geschieden;

Dort triumphiret unter’m hohen Sohn

Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem altenUnd neuen Bund, so nah’ dem ew’gen Thron,

Er, der die Schlüssel solchen Reichs erhalten.

„O auserwählte Tischgenossenschaft

Beim großen Mahl des Lamms, das solcherweiseEuch speiset, daß euch’s volle Gnüge schafft!

Wenn Der, durch Gottes Huld, sich an der Speise,

Die eurem Tisch entfällt, vorkostend stillt,Eh’ ihn der Tod beschwingt zur letzten Reise,

So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt;

Netzt ihn mit eurem Thau – euch letzt die Quelle,Der Alles, was er sinnt und denkt, entquillt.“

Beatrix sprach’s – wie um des Poles Stelle

Sich Sphären drehn, so jene Sel’gen nun,Flammend, Kometen gleich, in Glut und Helle!

Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder thun –

In voller Eil’ zu fliegen scheint das letzte,Das erste scheint, wenn man’s beschaut, zu ruhn –

Also verschieden in Bewegung setzte

Sich jeder Kreis, drob, wie er sich erwiesSchnell oder träg’, ich seinen Reichthum schätzte.

Und aus dem Kreis, den ich den schönsten pries,

Sah ich ein so beseligt Feuer schweben,Daß es nichts Klareres drin hinterließ.

Um Beatricen schwang dies heil’ge Leben

Sich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht,Den keine Phantasie kann wiedergeben.

Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht,

Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen,Sie noch weit mehr dem armen Wort gebricht.

„O heil’ge Schwester, die du in so frommen

Gebeten flehst, durch deine LiebesglutBin ich aus schönerm Kreis herabgekommen!“

Nachdem das heil’ge Feu’r im Tanz geruht,

Wandt’ es den Hauch zur Herrin mit den Worten,Die mein Gedicht euch kund hier oben thut.

„O ew’ges Licht des großen Manns, dem dorten“

– Sie sprach’s – „der Herr die Schlüssel ließ, die ErHinabgebracht, zu dieses Reiches Pforten,

Prüf’ ihn mit ein’gen Fragen, leicht und schwer,

Wie dir’s gefällt, ob jener Glaub’ ihm eigen,Durch welchen du gegangen auf dem Meer.

Ob er recht liebt, recht hofft und glaubt – verschweigen

Kann er dir’s nicht, denn dort ist dein Gesicht,Wo abgemalt sich alle Dinge zeigen.

Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht

Zum Bürger wird, so wird es Früchte tragen,Wenn er mit dir zu dessen Preise spricht.“

Gleichwie der Baccalaur, des Meisters Fragen

Erwartend, stillschweigt, denn er rüstet sich,Entscheidung nicht, doch den Beweis zu wagen;

So rüstet’ ich mit jedem Grunde mich,

Indeß sie sprach, daß schnell und wohlerfahrenIch red’, wenn solcher Meister spräche: Sprich!

„Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren:

Was ist der Glaub’?“ – Ich hob die Stirne schnellZum Lichte, dem entweht die Worte waren.

Zur Herrin blickt’ ich dann, die, froh und hell,

Mir Winke gab, die Flut hervorzulassen,Wie sie entströmte meinem innern Quell.

„„Die Gnade,““ sprach ich , „„die mich zugelassen

Zur Beichte bei der Streiter hohem Hort,Sie lasse recht mich meine Antwort fassen.

Die Wahrheit, Vater,““ also fuhr ich fort,

„„Hab’ ich in deines Bruders Buch getroffen,

Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort.

Glaub’ ist Substanz deß, was wir fröhlich hoffen,

Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn.Und hierin zeigt sich mir sein Wesen offen.““

„Wohl richtig denkst du,“ hört’ ich’s jetzo wehn,

„Wenn du den Grund erkennst. Darum verkünde:Was mocht’ er bei Substanz, Beweis verstehn?“

Drauf ich: „„Die Dinge, die ich hier ergründe,

Die ihres Anblicks Wonne mir verleihn,Sind so versteckt dem Blick im Land der Sünde

Daß dorten nur im Glauben ist ihr Sein,

Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen,Drum ist er die Substanz davon allein.

Auch muß dann, ohn’ auf Anderes zu schauen,

Vom Glauben aus nur folgern der Verstand;Drum muß man ihm auch als Beweise trauen.““

Ich hörte drauf: „Würd’ Alles so erkannt,

Was dort auf Erden die Gelehrten lehren,So wäre der Sophisten Witz verbannt.“

Den Hauch ließ jene Liebesglut mich hören,

Und fuhr dann fort: „Fürwahr, ich sehe dichDie Münz’ als echt in Schrot und Korn bewähren.

Doch hast du wohl sie auch im Beutel? Sprich!“

Und ich drauf: „„Ja, so hell und so geründet,Daß beim Gepräg nie Zweifel mich beschlich.““

Da sprach es aus dem Licht, dort hell entzündet:

„Wie ward dies theure Kleinod dein, dies Gut,Auf welches sich jedwede Tugend gründet?“

Und ich: „„Des heil’gen Geistes Regenflut

Die sich so reich auf’s Pergament ergossen,

Das kund den alten Bund und neuen thut,

Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen,

So scharf, daß anderer Beweis und GrundMir stumpf erscheint wie Tand und leere Possen.““

Ich hörte drauf: „Der alt’ und neue Bund,

Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte,Wie wurden sie als Gottes Wort dir kund?

Und ich: „„Das, was mir klar die Wahrheit machte,

Die Werke sind’s, von der Art, daß NaturSie nie hervor in ihrer Werkstatt brachte.““

Drauf klang’s: „Wo aber ist die klare Spur,

Daß sie geschehn? Dies wäre zu bewähren,Da’s Niemand dir bezeugt mit sicherm Schwur.“ –

„„Daß ohne Wunder sich zu Christi Lehren

Die Welt bekehrt – dies Wunder schon bezeugt’Die Wahrheit sichrer, als wenn’s hundert wären.

Denn du betratest arm und tiefgebeugt

Das Feld, den guten Samen drein zu bringen,Der einst die Reb’ und jetzt den Dorn erzeugt.““

Ich sprach’s und hörte durch die Sphären klingen

Der Sel’gen Lied: Herr Gott, dich loben wir!In Melodien, wie sie nur Jene singen.

Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mir

Emporklomm, und mich prüfend also führte,Daß ich erreicht’ des Gipfels Höhe schier,

Sprach weiter: „Wie dein Herz die Gnade rührte,

Erschloß sie dir den Mund auch wundersam,Drum öffnet’ er sich jetzt, wie sich’s gebührte;

Drum billigt’ ich, was ich aus ihm vernahm.

Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden,Und auch woher dir dieser Glaube kam.“ –

„„O Heil’ger,““ sprach ich, „„der du hier gefunden,

Was du so fest geglaubt, daß du den FußDes Jüngern einst am Grabmal überwunden,

In meinem Wort soll, dies ist dein Beschluß,

Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen,So auch, warum ich also glauben muß.

So hör’: Ich glaub’ an Gott den Ew’gen, Einen,

Der, unbewegt, des Himmels All bewegtDurch Lieb’ und Trieb zu Ihm, dem Ewig-Reinen.

Und nicht Vernunft nur und Natur erregt

Den Glauben mir und giebt mir die Beweise;Die Offenbarung auch, so dargelegt

Moses, Propheten, Davids Sangesweise,

Das Evangelium, und was Ihr, vom ScheinDes Geist’s erleuchtet, schriebt zu Gottes Preise.

Ich glaub’ an drei Personen, Eins in Drei’n,

Dreifach in Einem Wesen, Einem Leben,Und „ist“ und „sind“ gestattet ihr Verein.

Von dieser Gotteswesenheit, die eben

Mein Wort berührt, hat meinem innern SinnDas Evangelium den Beweis gegeben;

Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn,

Die dann lebendig in mir aufgestiegen,Der Stern, von welchem ich erleuchtet bin.“

So wie der Herr, erst horchend mit Vergnügen,

Für gute Nachricht in der Freude DrangZuletzt den Knecht umarmt, wenn er geschwiegen;

Also das Licht, das dreimal mich umschlang,

Als ich geendet, was es mir befohlen,Mich segnend mit dem himmlischen Gesang.

So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.

Zwäng’ einst dies heil’ge Lied, zu dem die Erde,

Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht,Durch das auf lang’ ich blaß und mager werde,

Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht,

Wo ich, ein Lamm, geruht in schöner Hürde,Jedwedem Wolfe feind, der sie umschleicht,

Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, würde

Ich kehren, und am Taufquell dort empfahnIm Lorbeerkranz der Dichtung höchste Würde.

Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn,

Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden,Für den mit Petri Licht die Stirn umfahn. –

Da naht’ ein Licht mir aus derselb’gen Heerden,

Aus der der Erste derer vorgewallt,Die Christ als Stellvertreter ließ auf Erden.

Beatrix sprach, umstrahlt die Lichtgestalt

Von neuer Lust: „Sieh Ihn, sich zu uns neigend,Den Herrn, für den man nach Gallizien wallt.“

Wie wenn die Taub’, aus hohen Lüften steigend,

Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist,Und fröhlich girrt, die heiße Liebe zeigend;

So war’s, wie jetzo der und jener Geist

Der hohen Fürsten freudig sich empfingen,Lobend die Kost, die man dort oben speist.

Dann standen nach dem Freudentanz und Singen

Die beiden Lichter schweigend vor mir dort,

So feurig, daß die Augen mir vergingen

Und selig lächelnd fuhr Beatrix fort:

„Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben,Was gut sei, komm’ allein von diesem Ort,

O laß dein Wort die Hoffnung hier erheben;

Du stellst ja, wie du weißt, so oft sie vor,Als Jesus sich den Dreien kund gegeben.“

„Du, fasse Muth – das Antlitz heb’ empor!

An unserm Strahl muß reifen der Beglückte,Der von der Erde kommt zum sel’gen Chor.“

Als so das zweite Feuer mich erquickte,

Hob ich die Augen zu den Bergen auf,Vor deren Last ich erst das Antlitz bückte.

„Läßt unsers Kaisers Gnade deinen Lauf,

Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen,

Führt er zu seinen Grafen dich herauf,

Um, wenn du hier das Wahre klar gesehen,

Die Hoffnung, draus euch dort die Lieb’ erblüht,In dir und Andern heller anzuwehen,

So sage, was sie ist? wie dein Gemüth

Von ihr erblüht? woher du sie entnommen?“Das zweite Feuer sprach’s, in Licht entglüht.

Und Sie, durch die in mir die Kraft entglommen

Zum hohen Flug, war mit der Antwort schonIn diesen Worten mir zuvorgekommen:

„Die Kirche, die da kämpft, hat keinen Sohn

Von stärkrer Hoffnung – also zeigt’s geschriebenDie Sonn’ auf unsres Freudenreiches Thron.

Drum aus Aegypten, nach des Herrn Belieben,

Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt,Eh’ ihm des Kampfes Ende vorgeschrieben.

Zwei andre Punkt’, um die du ihn befragt,

Nicht um zu wissen, nein, damit er sage,Wie diese Tugend hier noch dir behagt,

Lass’ ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage,

Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei;Und helf’ ihm Gott, daß er sie würdig sage.“

Dem Schüler gleich, der seinem Meister frei

Entgegenkommt, und freudig und besonnen,Daß, was er weiß, kund in der Antwort sei,

Sprach ich: „„Die Hoffnung ist der künft’gen Wonnen

Erwartung und gewisse Zuversicht,Durch Gnad’ und früheres Verdienst gewonnen.

Von vielen Sternen kam mir dieses Licht;

Der höchste Sänger macht es mir entbrennen,Der im Gesang vom höchsten Horte spricht.““

„O, alle die, so deinen Namen nennen,

Hoffen auf dich“ – so sang der Gottesmann –„Und wer, der glaubt, wie ich, sollt’ ihn nicht kennen?

Du träufeltest mir seine Tropfen dann

In’s Herz durch deinen Brief mit solchem Regen,Daß ich die Flut auf Andere gießen kann.“

Indem ich sprach, sah ich’s im Licht sich regen,

Und wie ein Blitz, schnell und vom Glanz umsprüht,Mit zitterndem Gefunkel sich bewegen.

„Die Liebe,“ weht’ es, „die mich noch durchglüht

Für jene Tugend, welche mir durch’s GrauenDes Kampfs gefolgt, bis mir die Palm’ erblüht,

Heißt mich durch sie dich letzen und erbauen,

Und gern vernehm’ ich dieses noch von dir:Auf was heißt deine Hoffnung dich vertrauen?“

„„Die alt’ und neuen Schriften zeigen mir,““

Sprach ich, „„das Ziel, das denen Gott bescheidet,

Die ihn geliebt, und dieses seh’ ich hier.

Jesajas zeigt’, vom Doppelkleid bekleidet,

Sie All’ in ihrem Land – und dieses LandDas süße Leben ist’s, das hier euch weidet.

In denen, so, die Palmen in der Hand,

In weißen Kleidern vor dem Lamme stehen,Macht’s klarer noch dein Bruder mir bekannt.“ –

Kaum das ich schloß, erscholl es aus den Höhen:

Ihr Hoffen sei auf dich! – und aus dem TanzDer Sel’gen hört’ ich die Erwied’rung wehen. – –

Dann zwischen beiden drin entglüht’ ein Glanz,

So hell, daß, wär’ dem Krebs ein solcher eigen,

Es würd’ ein Wintermond zum Tage ganz.

Wie froh aufsteht und geht und in den Reigen

Die Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht,Nur dem Verlobten Ehre zu erzeigen;

So schwebte zu den Zwei’n das neue Licht,

Die ich so eilig in lebend’gem KreiseSich schwingen sah, wie’s heißer Lieb’ entspricht.

Einstimmt’ es zu dem Lied und zu der Weise;

Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an,Stillschweigend, unbewegt, bei solchem Preise.

„Er ruht’ am Busen unsers Pelikan;

Ihn hat der Herr zur großen Pflicht erlesen,Als er den Martertod am Kreuz empfahn.“

Sie sprach’s; ihr Blick war wie er erst gewesen;

Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin,Als erst, bevor sie dies gesagt, zu lesen.

Wie der, der nach dem Sonnenrande hin,

Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet,Vor lauter Sehn verliert des Auges Sinn;

So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet.

Da klang es: „Was nicht ist an diesem Ort,Was suchst du’s hier, und stehst drum hier geblendet?

Mein Leib ist jetzt noch Erd’ auf Erden dort,

Und bleibt’s mit Andern, bis die sel’gen SchaarenDie Zahl erreicht, gesetzt vom ew’gen Wort.

Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren,

Bekleidet mit dem doppelten Gewand:Und dieses laß einst deine Welt erfahren.“

Als dieses Wort gesprochen war, da stand

Der Kreis der Flammen still, sammt dem Gesange,

Zu welchem sich dreifaches Wehn verband,

Gleichwie nach Müh’n und schwerem Wogendrange

Die Ruder, so die Flut durchwühlt, zugleichAllsämtlich ruhn bei einer Pfeife Klange.

Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich,

Als ich mich nun zu Beatricen kehrte,Und, zwar ihr nah’ und im beglückten Reich,

Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.

Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram,

Hört’ ich ein Wehn aus jener Flamme kommen,Die mir’s verlöscht, und horcht’ ihm aufmerksam.

Es sagte: „Bis das Licht, das dir verglommen

In meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt,Wird Sprechen zum Ersatz des Schauens frommen.

Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt?

Und möge deinen Muth der Trost erheben:Dein Aug’ ist nur verwirrt und nicht zerstört;

Denn Sie, die dich geführt in’s höh’re Leben,

Hat jene Kraft im Blicke, die der HandDes Ananias unser Herr gegeben.“

„„Sie helfe dann, wann sie’s für gut erkannt,““

Sprach ich, „„den Augen, die ihr Pforten waren,Als sie, einziehend, ewig mich entbrannt.

Das Gut, das froh macht dieses Reiches Schaaren,

Das A und O der Schriften ist’s, die hierMir Lieb andeuten, dort sie offenbaren.““

Dieselbe Stimm’ erklang – wie sich an ihr

Mein Muth, als ich mich blind fand, aufgerichtet,Gebot sie jetzo weit’res Sprechen mir.

„Durch eng’res Sieb sei, was du meinst, gesichtet,

Und klarer sei von dir noch dargelegt,Was dein Geschoß auf solches Ziel gerichtet.“ –

„„Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt,““

Versetzt’ ich, „„und durch Himmels-OffenbarungWard solche Liebe mir in’s Herz geprägt;

Je mehr ein Gut, so weit es die Erfahrung

Uns kennen lehrt, der Güt’ in sich enthält,Je stärker giebt’s der Liebesflamme Nahrung.

Das Wesen drum, so gut, daß, was der Welt

Sich außer ihm noch als ein Gut verkündet,Ein Strahl nur ist, der seinem Licht entfällt,

Dies ist es, das die höchste Lieb’ entzündet.

Und wohl erkennt es liebend jeder Geist,Der jene Wahrheit kennt, die dies begründet;

Und Jener, der die erste Liebe preist,

Der in der ew’gen Engel Herz entglühte,Ist’s, der die Wahrheit klärlich mir beweist.

Gleichfalls versichert sie mir im Gemüthe,

Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort:Dein Angesicht schau’ alle meine Güte.

Du prägst sie ein auch, hohes Heroldswort

Beginnend vom Geheimniß dieser Sphären.Lauter, als Andres tönt’s auf Erden fort:““

Da sprach’s: „Nach menschlichen Verstandes Lehren,

Und höherm Wort, das beistimmt dem Verstand,Muß sich zu Gott dein höchstes Lieben kehren.

Doch fühlst du nicht noch manches andre Band

Zu ihm dich ziehn? Du sollst mir jedes nennen,Mit welchem diese Liebe dich umwand.“

Nicht war der heil’ge Wille zu verkennen

Des Adlers Christi, ja, ich sah, wohinEr mich gelenkt zum weiteren Bekennen.

Und wieder sprach ich: „„Was nur Herz und Sinn

Hinlenkt zu Gott, erzeugt hat’s im VereineDie Lieb’, in welcher ich entzündet bin.

Denn durch des Weltalls Dasein und das meine,

Und durch den Tod deß, der mich leben macht,Durch das, was hofft die gläubige Gemeine,

Nächst der Erkenntniß, deren ich gedacht,

Bin ich dem Meer der falschen Lieb’ entgangenUnd an der echten Liebe Strand gebracht.

Die Blätter all’ auch, die im Garten prangen

Des ew’gen Gärtners, liebe ich so sehr,Als Gutes sie aus seiner Hand empfangen.““

Ich schwieg – und durch die Himmel, süß und hehr,

Hört’ ich der Herrin Sang und Aller klingen,Erschallend: Heilig, heilig, heilig Er! –

Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringen

Beim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt,Wenn uns von Haut zu Haut die Strahlen dringen,

Und, was er sieht, den jäh Erwachten schreckt,

Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken,Bis der Verstand die Wahrheit ihm entdeckt:

So war die Decke meinem Aug’ entsunken

Vor Beatricens Strahlenangesicht,Auf tausend Meilen streuend Glanzesfunken.

Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht,

Und fragte staunend noch und kaum besonnen,Nach einem vierten uns gesellten Licht.

„Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen,“

Sprach Sie, „zum Schöpfer hin der erste Geist,Deß Dasein durch die erste Kraft begonnen.“

Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reißt,

Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen,Sie wieder hebt, wie inn’re Kraft ihn heißt;

So that jetzt ich, der – als Sie sprach, befangen,

Erstaunt, gebückt – jetzt in die Höhe fuhr,Denn mich erhob nun Sprechlust und Verlangen.

Ich sprach: „„O Frucht, die als die einz’ge nur

Schon reif entstand, o alter Vater, sage,Du, dem, was Weib heißt, Tochter ist und Schnur,

Sag’ an, was ich dich fromm zu bitten wage;

Du siehst ja, welchen Wunsch die Seele hegt,Und schneller hör’ ich, wenn ich dich nicht frage.““

Wie unter Decken oft ein Thier sich regt,

Wodurch wir seinen innern Trieb erfahren,Weil die Verhüllung sich ihm nachbewegt;

So ließ durch ihre Hülle jetzt gewahren

Die erste Seele, wie so froh sie war,Mir das, was ich gewünscht, zu offenbaren.

„Dein Sehnen,“ weht’ es, „nehm’ ich besser wahr,

Magst du’s auch nicht bekennen und gestehen,Als du, was noch so sicher ist und klar.

Im wahren Spiegel kann ich es erspähen,

Der jedes Dinges Bildniß in sich faßt,Doch seines läßt in keinem Dinge sehen.

Du fragst: wie viel der Zeitraum wohl umfaßt,

Seit Gott mich in den hohen Garten setzte,Aus dem du dich mit Ihr erhoben hast?

Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte?

Was eigentlich den großen Zorn erweckt?

Und welche Sprach’ ich mir zusammensetzte?

Mein Sohn, nicht daß ich jene Frucht geschmeckt,

War Grund des Zorns an sich – daß ich entronnenDen Schranken war, die mir der Herr gesteckt.

Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen

Und zwei im Höllenvorhof sonder QualSehnsucht erfüllt nach diesen Himmelswonnen.

Auch sah ich, daß neunhundert dreißig Mal

Zu jedem Sterngebild die Sonne kehrte,Indeß ich lebt’ in eurem Erdenthal.

Die Sprache, die ich einst gesprochen, hörte

Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die KraftDes Menschen sei, das Volk des Nimrod lehrte.

Denn was nur irgend die Vernunft erschafft,

Ist, weil die Neigung nach der Sterne WaltenZu wechseln pflegt, nur wenig dauerhaft.

Die Sprache habt ihr von Natur erhalten,

Allein so oder so – euch läßt hierinSodann Natur nach Gutbedünken schalten.

Eh’ ich zur Hölle sank, im Anbeginn

Hieß El das höchste Gut, an dem entglommenDer Glanz, mit welchem ich umkleidet bin.

Den Namen Eli hat man drauf vernommen,

Weil Menschenbrauch sich gleich den Blättern zeigt,Von welchen jene gehn, wenn diese kommen.

Auf jenem Berge, der am höchsten steigt,

Hab’ ich, rein und befleckt, mich sieben StundenVon früh, bis wieder sich die Sonne neigt,

Wenn sie im zweiten Viertheil steht, befunden.“

Dem Vater, Sohn und heil’gen Geiste sang

Das ganze Paradies; Ihm jubelt’ Alles,So daß ich trunken ward vom süßen Klang.

Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,

Das, was ich sah, drum zog die TrunkenheitDurch Aug’ und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.

O Lust! o unnennbare Seligkeit!

O friedenreiches, lieberfülltes Leben!O sichrer Reichthum sonder Wunsch und Neid!

Ich sah vor mir die Feuer glühend schweben,

Und das der Vier, das erst gekommen war,Sah ich in höherm Glanze sich beleben.

Und also stellt’ es sich den Blicken dar,

Wie Jupiter, nähm’ man an seinen GlutenDas hohe Roth des Marsgestirnes wahr.

Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,

Deß Vorsicht dort vertheilet Pflicht und Amt,Daß aller Sel’gen Wonnechöre ruhten.

Da hört’ ich: „Siehst du röther mich entflammt,

So staune nicht – bei meinen Worten werdenSich diese hier entflammen allesamt.

Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden,

Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt jetzt wachtVor Christi Blick, zum Schutze seiner Heerden,

Hat meine Grabstatt zum Kloak gemacht

Von Blut und Stank, drob der zu ew’gen Qualen

Einst von hier oben fiel, dort unten lacht.“

Wie früh und Abends sich die Wolken malen,

Die grad’ der Sonne gegenüberstehn,So sah ich jetzt den ganzen Himmel strahlen.

Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn,

Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden,Nur hörend, schüchtern wird durch fremd Vergehen:

So meiner Herrin Angesicht voll Hulden;

Und so verfinstert, glaub’ ich, wie Sie dort,War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden.

Er aber fuhr in seiner Rede fort,

Und wie verwandelt war der heitre Schimmer,So war verwandelt auch das heil’ge Wort:

„Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer

Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genährt,Daß man durch sie erwerbe Gold und Flimmer,

Nein, dieses frohe Sein, das ewig währt,

Dem hat des Sixt und Pius Blut gegolten,Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt.

Das war’s nicht, was wir von den Folgern wollten,

Daß sie um sich das Christenvolk getrenntZur Rechten und zur Linken setzen sollten.

Nicht sollten jene Schlüssel, mir vergönnt,

Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen,Womit man gegen Mitgetaufte rennt.

Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen,

Erkauftem Lügenfreibrief beigedrückt,Drob ich erröth’ und glüh’ in diesen Höhen.

Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmückt,

Raubgier’ge Wölfe dort die Heerden hüten.O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezückt!

Und Caorsiner und Gascogner brüten

Schon Tücken aus, voll Gier nach unsrem Blut.O schnöde schlechte Frucht von schönen Blüthen!

Allein die Vorsicht, die durch Scipio’s Muth

Den Ruhm der Welt beschützt in Roma’s Siegen,Bald hilft sie, wie es kund der Geist mir thut.

Du, Sohn, wenn du zur Erd’ hinabgestiegen,

Erschleuß den Mund, und sprich, wie sich’s gebührt,

Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen.“

Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert,

Durch unsre Luft die Flocken niederfallen,Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn berührt;

So, aufwärts, sah ich an des Aethers Hallen

Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach,Der Andern Schaar, wie Schimmerflocken, wallen.

Mein Auge folgte diesem Anblick nach,

Bis sie so weit im Raum emporgeflogen,Daß er den Pfad des Blickes unterbrach.

Da sprach die Herrin, die mich abgezogen

Von oben sah: „Jetzt schau’ hinab – hab’ Acht,Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen.“

Vom ersten Rückblick an, deß ich gedacht,

Hatt’ ich den Weg der Hälft’ im halben KreiseVon seiner Mitte bis zum Rand gemacht.

Von Cadix jenseits lag das Furth zur Reise

Ulyß, des Thoren – diesseits nah’ der Strand,Dem Zeus entrann, beschwert mit süßem Preise.

Noch mehr von unserm Ball hätt’ ich erkannt,

Doch unten war die Sonne vorgegangen,Der fern, um mehr noch, als ein Zeichen, stand.

Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen

Der Herrin schlug, war mehr als je entglüht,Ihr wieder mit den Augen anzuhangen.

Was jemals der Natur und Kunst entblüht

An Leib und Bild, dem Aug’ als Reiz zu dienen,Und durch den Blick zu fesseln das Gemüth,

Vereint wär’ Alles dies als Nichts erschienen

Bei jener Götterlust, die mich beglückt’,Als ich hinschaut’ in’s Lächeln ihrer Mienen.

Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zückt,

Hatt’ ich dem Nest der Leda mich entrungenUnd war zum schnellsten Himmelskreis entrückt.

Ich weiß, da er von Lebensglanz durchdrungen

Gleichförmig war, nicht, wo mit mir in ihn,Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen.

Doch Sie, der klar mein Herzenswunsch erschien,

Begann jetzt lächelnd in so sel’gen Wonnen,Daß Gott in ihrem Blick zu lächeln schien:

„Sieh hier des Weltenlaufs Natur begonnen,

Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt,Und Alles rings im Kreis den Flug gewonnen.

In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,

Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb’ entzündet,Die ihn bewegt – die Kraft, die er vertheilt.

Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet

Ihn, wie die Andern er; allein verstehnKann diesen Kreis nur Er, der ihn geründet.

Nichts läßt das Maß von seinem Lauf uns sehn;

Nach ihm nur mißt sich der der andern Sphären,Wie man nach Hälft’ und Fünftheil mißt die Zehn.

Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nähren

Der Zeit, wie ihr Gezweig zu andern strebt,Das kannst du jetzt dir selber leicht erklären. – –

O Gier, die tief die Sterblichen begräbt

In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen,Daß sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt!

Wohl blüht des Menschen Will’; allein in Güssen

Strömt Regen drauf, der unaufhörlich rinnt,

Drob echte Pflaumen Butten werden müssen.

Unschuld und Treue trifft man nur im Kind;

Doch sie entweichen von den Kindern allen,Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind.

Die fasteten beim ersten Kinderlallen,

Sieht, bei gelöster Zunge, gierig manIn jedem Mond auf jede Speise fallen.

Der liebt die Mutter noch und hört sie an,

So lang’ er lallt, der ihren Tod im HerzenBei voller Sprache kaum erwarten kann.

Drum muß, erst weiß, das Angesicht sich schwärzen

Der schönen Tochter deß, der, kommend, bringtUnd, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen.

Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt,

Daß dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten,Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt.

Doch eh’ der Jänner fällt in Frühlingszeiten

Durch das von euch vergeßne Hunderttheil,Wird solchen Donner dieser Kreis verbreiten,

Daß das Geschick, erharrt zu eurem Heil,

Damit’s auf graden Lauf die Flotte richte,Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vordertheil,

Und auf die Blüthen folgen echte Früchte.“

Nachdem Sie tadelnd mir das jetz’ge Leben

Der armen Menschen wahrhaft kund gemacht,Sie, welche mir das Paradies gegeben, –

Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht

Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen,Bevor er sie gesehn und dran gedacht,

Und rückwärts blickt, ob, was er wahrgenommen,

Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und ThatSo überein wie Lied und Weise kommen:

War ich, und seinem Thun gleich, was ich that,

Als ich in’s Auge sah, woraus die Schlingen,Um mich zu fahn, die Lieb’ entnommen hat.

Ich sah jetzt das mir in die Augen dringen,

Als ich die Blicke suchend rückwärts warf,Was die erspähn, die diesen Kreis erringen.

Mir strahlt’ ein Punkt, so glanzentglüht und scharf,

Daß nie ein Auge, das er mit dem hellenGlutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.

Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,

Ein Mond erschien’ es, könnt’ es seinem Licht,So nah’, wie Stern dem Stern, sich beigesellen.

So weit, als Sonn’ und Mond ein Hof umflicht,

Vom eignen Glanz der beiden Stern’ entsprungen,Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,

War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen

In reger Glut, daß er auch überwandDen schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.

Und dieser war vom zweiten rings umspannt,

Um den der dritte dann, der vierte wallten,Die dann der fünfte, dann der sechst’ umwand.

Drauf sah man sich den siebenten gestalten,

So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz,Doch viel zu enge wär’, ihn zu enthalten.

Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,

Und jeder war langsamer’n Schwungs, je weiterEr ferne stand von jenem einen Glanz.

Und jedes’ Licht ist reiner mehr und heiter,

Je minder fern er ist von seiner Spur,Und in der reinen Glut je eingeweihter.

Sie, die mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,

Sprach ungefragt: „Von diesem Punkte hangenDie Himmel ab, die sämmtliche Natur.

Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen;

Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt,Es ist der heil’gen Liebe Glutverlangen.“

Und ich zu Ihr: „„Wäre die Welt gefügt

Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,So hätte völlig mir dein Wort genügt.

Doch in der Welt, der sichtbaren, beweisen,

Die Schwingungen je größre Göttlichkeit,Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.

Drum soll in dieser Engels-Herrlichkeit,

Im Tempel, den nur Lieb’ und Licht umschränken,Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,

So sprich: Wie kommt’s – ich kann mir’s nicht erdenken –

Daß Abbild sich und Urbild nicht entsprichtUnd andere Gesetze beide lenken?““

„Genügt dein Finger solchem Knoten nicht,

So ist’s kein Wunder; weil ihn zu entstrickenNiemand versuchte, ward er fest und dicht.“

Sie sprach’s, und dann: „Nimm, um dich zu erquicken,

Das, was ich dir verkünden werd’; alleinBetracht’ es ganz genau mit scharfen Blicken.

Ein Körperkreis muß weiter, enger sein,

Je wie die Kraft, die sich durch seine TheileGleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein.

Die größre Güte wirkt zu größerm Heile,

Und größres Heil füllt größeres Gebiet,Ward jeder Gegend gleiche Kraft zu Theile.

Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht,

In seinem Schwung, entspricht in seiner WeiseDem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.

Darum, wenn du dein Maß dem innern Preise,

Und nicht dem äußern Umfang angelegt,Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,

So wirst du, zur Bewunderung erregt,

Das Mehr und Minder sich entsprechen sehnIn jedem Kreis, und dem, was ihn bewegt.“ –

Wie rein das Blau erglänzt aus Aethershöhen,

Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt,Aus der gelinder seine Hauche wehen,

So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst,

Der ihn getrübt, in seinen weiten AuenDer Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt;

So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,

Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar,Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.

Und als ihr heil’ges Wort beendet war,

Da stellten anders nicht, als siedend Eisen,Sich jene Kreise, Funkend sprühend, dar.

Die Funken folgten den entflammten Kreisen

In größrer Meng’, als durch VerdoppelungSchachfelder sich vertausendfacht erweisen.

Dem festen Punkt, der sie ohn’ Aenderung

Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten,Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.

„Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten,“

Sie sprach’s, stets wissend, was mein Geist ersinnt,„Und Seraphim und Cherubim drin walten.

Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,

So viel sie können, Ihm sich anzuschließen,Und können’s, wie sie hoch im Schauen sind.

Die Gluten drauf, die diese rings umfließen,

Die Throne sind’s, von Gottes AngesichtBenannt, weil sie die erste Dreizahl schließen.

So groß ist Aller Wonn’, als ihr Gesicht,

Tief in die ew’ge Wahrheit eingedrungen,

Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.

Durch Schau’n wird also Seligkeit errungen,

Nicht durch die Liebe, denn sie folgt erst dann,Wenn sie dem Schau’n, wie ihrem Quell, entsprungen.

Und das Verdienst, das durch die Gnade man

Und Willensgüt’ erwirbt, ist Maß dem Schauen.So steiget man von Grad zu Grad hinan.

Die andre Dreizahl, die in diesen Auen

Des ew’gen Lenzes blüht, und welcher nieDas Laub entfällt bei nächt’gen Widders Grauen,

Singt ewig in dreifacher Melodie

Hosiannasang in dreien sel’gen Schaaren,Und also Eins aus Dreien bilden sie.

Herrschaften sind’s, die erst sich offenbaren,

Sodann die Kräfte sind im zweiten Kranz,Im dritten sind die Mächte zu gewahren.

Die Fürstenthümer sieh zunächst im Tanz,

Dann die Erzengel ihre Lieb’ erproben;Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz.

Die Ordnungen schau’n allesammt nach oben;

Nach unten wirken sie, was lebt mit sichZu Gott erhebend und zu ihm erhoben;

Und Dionysius rang so brünstiglich,

Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,Daß er sie nannt’ und unterschied wie ich.

Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte,

Doch er belächelte dann seinen Wahn,Sobald er erst in diesem Reich erwachte.

Hat solch Geheimniß kund ein Mensch gethan,

So staune nicht; von Ihm, der Alles schaute,Hatt’ er davon auf Erden Kund’ empfahn,

Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute.“

So lang, wenn beide Kinder der Latone

Bedeckt von Waag’ und Widder stehn, am RandDes Horizonts, vereint in einer Zone,

Die Waage des Zenith in gleichen Stand

Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:

So lang, des Lächelns Glut im Angesichte,

Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.

„Ich red’ und frage nicht,“ so sprach sie dann,

„Da, was du hören willst, ich dort erkenneIm Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.

Nicht daß Er – was nicht sein kann – selbst gewönne,

Nein, daß der Glanz von seiner HerrlichkeitIm Wiederglanz „Ich bin“ verkünden könne,

Hat Er, der Ew’ge, außerhalb der Zeit

Sowie des Raum’s, wie’s ihm gefiel, die Gluten

Erschaffner Lieb’ an ewiger geweiht.

Nicht müßig vorher seine Kräfte ruhten;

Kein „Vorher“ gab’s, kein „Nachher“, er’ ergoßDer Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.

Und Form und Stoff, rein und vermischt, entsproß

Durch einen Act in’s Dasein und vollkommen,Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß.

Und wie im Wiederschein des Strahls, vom Kommen

Zum vollen Sein, kein Zwischenraum zu sehn,Wenn rein Krystall im Sonnenglanz entglommen;

So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn,

All’ im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,Und sonder Unterscheidung im Entstehn.

Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,

Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,Welchen Er reine Thätigkeit gespendet.

Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit,

Empfänglichkeit und Thatkraft ist mittinnen,Verknüpft und nie von diesem Band befreit.

Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen

Der Engel bis zu dem der andern WeltDen Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;

Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt,

Sich vielfach aus der heil’gen Schrift bewähren,Wie’s dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.

Auch die Vernunft kann dies beinah’ erklären;

Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,Die Lenker deß, was lenkbar ist, entbehren.

Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie

Erkennst du nun, so, daß in dem GehörtenDir schon dreifache Labung angedieh. –

Allein bevor man Zwanzig zählt, empörten

Die Engel sich zum Theil, so daß sie nunIm Fall der Elemente trägstes störten.

Die Bleibenden begannen drauf das Thun,

Das du hier wahrnimmst, also voll Entzücken,Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruhn.

Grund war des Falls, daß jener sich berücken

Von frevlem Hochmuth ließ, der dir erschien,Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken.

Die du bei Gott hier siehest, sahn auf Ihn

Bescheiden und mit Dank für seine Gaben,Da Er nur Kraft zu solchem Schau’n verliehn.

Drum wurden sie zum Schauen so erhaben

Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,Daß sie vollkommen festen Willen haben.

Und zweifelfrei besteh’s in eurer Welt:

Verdienstlich ist’s, die Gnade zu empfangen,Je wie sich offen ihr der Wille hält.

Jetzt, wenn in’s Herz dir meine Lehren drangen,

Errennst du ganz den englischen Verein,Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.

Doch weil den Engeln Jene, die ihr Sein

Auf Erden dort in Schulen euch erklären,Verstand, Erinnerung und Willen leihn,

So zeig’ ich, um dich völlig zu belehren,

Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,Die Jene dort verwirren und verkehren.

Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt,

Verwenden nie den Blick vom ew’gen SchimmerDes Angesichts, in dem sich nichts versteckt.

Drum unterbricht das Neu’ ihr Schauen nimmer,

Drum brauchen sie auch die Erinn’rung nicht,Denn ungetheilt bleibt ja ihr Denken immer. –

So träumt ihr unten wach beim Tageslicht;

Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,

Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht.

Der Eine Weg ist’s nicht, auf dem ihr schreitet

Bei eurem Forschen; drob ihr irre geht,Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.

Doch, wenn die heil’gen Schriften man verschmäht,

Dies hat den Himmel stets noch mehr verdrossen,Wenn man hintan sie setzt und sie verdreht!

Nicht denkt man, wie viel theures Blut geflossen,

Sie auszusä’n; nicht, wie Gott dem geneigt,Der demuthsvoll an sie sich angeschlossen.

Zu glänzen strebt ein Jeder jetzt und zeigt

Sich in Erfindungen, die der verkehrtePfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.

Der sagt, daß rückwärts Luna’s Lauf sich kehrte

Bei Christi Leiden, und sich zwischenschob,Und drum der Sonn’ herabzuscheinen wehrte.

Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob

Den Spanier, den Juden und den InderZu gleicher Zeit die Finsterniß umwob.

Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,

Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreitDas Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,

So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid,

Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen,Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.

Nicht sprach der Herr zur ersten der Gemeinen:

Geht hin, und thut der Erde Possen kund! –Nein, wahre Lehre spendet’ er den Seinen.

Von ihr ertönt’ im Kampf des Jüngers Mund,

Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.

Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken,

Und die Kapuze schwillt, wenn Alles lacht,Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken.

Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,

Daß, säh’ man’s, es den Werth dem Ablaß raubte,Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.

Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,

Daß, möcht’ ein Priesterwort das tollste sein,Man ohne Prüfung und Beweise glaubte.

Und damit mästet Sankt Anton das Schwein,

Und Andre, die noch ärger sind, denn Sauen,Falschmünzer, reich an trügerischem Schein. – –

Doch seitwärts führt’ ich dich von diesen Auen;

Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad,Mußt du jetzt wieder grade vorwärts schauen.

So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad

Der unzählbaren sel’gen Engel Schaaren,Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.

Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,

Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.

Das ihnen Allen strahlt, das erste Licht,

So vielfach wird’s von ihnen aufgenommen,Als Engel schau’n in Gottes Angesicht.

Drum, da vom Schau’n der Liebe Gluten kommen,

Ist auch verschieden ihre Süßigkeit,Hier lauer, dorten glühender entglommen.

Sieh denn die Hoheit, die Unendlichkeit

Der ew’gen Kraft, die, theilend ihren Schimmer,So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht,

Und Ein’ in sich bleibt ewiglich und immer.“

Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget

Der Mittag auf, indeß schon diese WeltDen Schatten fast zum eb’nen Bette neiget,

Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;

Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,Deß Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt;

Und wie Aurora mehr emporgeklommen,

Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz,Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen:

So der Triumph, der ewiglich im Tanz

Den Punkt umkreist, der Alles hält umschlungen,Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz.

Er schwand allmälig, meinem Aug’ entschwungen,

Drum kehrt’ ich zu der Herrin das Gesicht,Von Nicht-Schau’n und von Liebesdrang gezwungen.

Wär’ Alles, was bis jetzo mein Gedicht

Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen,Doch g’nügend wär’s für diesen Anblick nicht.

Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen,

Weit überschreiten sie der Menschen Art;Ihr Schöpfer nur kann ihrer ganz genießen.

Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,

Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen,Als ein Tragöd’ je überwunden ward.

Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,

Vergeht vor ihren Blitzen, so geschiehtDem Geist, von dieses Lächelns Reiz getroffen.

Vom ersten Tag, da mir der Herr beschied,

Ihr Angesicht zu schau’n in diesem Leben,Folgt’ Ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied.

Doch jetzt muß ich des Wunsches mich begeben,

– Kein Künstler je sein letztes Ziel errang! –Noch höher ihrer Schönheit nachzustreben.

Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,

Als meiner Tuba, die ich also richte,Wie sie beenden kann den schweren Sang,

Sprach sie, mit Ton, Geberd’ und Angesichte

Eifrigen Führers froh zu mir: „Du bistGelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,

Von geist’gem Licht, das nur ein Lieben ist,

Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren,Von Lust, mit der kein andres Glück sich mißt.

Du siehst hier beide Himmelskrieger-Schaaren,

Und siehst die ein’ in jener Hülle heut’,Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren.“

Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut,

So, daß er jeden Gegenstand umdunkelt,Den stärksten selbst, der sich dem Blicke beut,

So ward ich von lebend’gem Licht umfunkelt,

Deß Glanz mir that, wie uns ein Schleier thut,Denn Alles außer ihm war mir verdunkelt.

„Die Lieb’, in welcher dieser Himmel ruht,

Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen,Und macht die Kerz’ empfänglich ihrer Glut.“

Wie mir die kurzen Wort’ in’s Inn’re drangen,

Da fühlt’ ich, daß sich Geist mir und Gemüth

Weit über die gewohnten Kräfte schwangen.

Und neue Sehkraft war in mir entglüht,

So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen,Dem Licht sich aufthat, das am reinsten blüht.

Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen

Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn,Und einen Wunderlenz sie beide malen;

Und aus dem Strom lebend’ge Funken sprühn;

Und in die Blumen senkten sich die Funken,Gleichwie in goldne Fassung der Rubin.

Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken,

Sich wieder in die Wunderfluten ein,Und der erhob sich neu, wenn der versunken.

„Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweihn,

Was deine Blicke hier auf sich gezogen,Muß mir, je mehr er drängt, je lieber sein.

Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen,

Eh’ solch ein Durst in dir sich stillen kann.“So sprach die Sonn’, aus der ich Licht gesogen.

„Der Fluß und diese Funken,“ sprach sie dann,

„Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigenDie Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an.

An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,

Sie zu erkennen fehlt nur dir die Macht,Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen.“

Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,

Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren,Wenn’s über die Gewohnheit spät erwacht,

Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären,

Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog,Dort strömend, um der Seele Kraft zu mehren.

Und wie der Rand der Augenlider sog

Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden,Was sich zuvor in langen Streifen zog.

Dann, wie ein Mensch, der sich verlarvt befunden,

Ein Andrer scheint, wenn abgethan das Kleid,Worin er unter fremdem Schein verschwunden:

Verwandelten zu größrer Herrlichkeit

Sich Blumen mir und Funken und ich schauteDie Himmelsschaaren beide dort gereiht.

O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute

Des ewig wahren Reichs Triumphespracht,Gieb jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute.

Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht,

Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre,Dem nur in seinem Schau’n der Friede lacht.

Es dehnt weithin sich aus in Form der Sphäre,

Und schließt so viel in seinem Umkreis ein,Daß es zu weit als Sonnengürtel wäre.

Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,

Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande,Um Sein und Wirkung diesem zu verleihn.

Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande,

Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehnIm blüthenreichen grünenden Gewande;

Also sich spiegelnd, sah ich in den Höh’n

In tausend Stufen, die das Licht umringen,Die von der Erd’ in jene Heimath gehn.

Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,

Zu welcher Weite muß der letzte KranzDer Blätter dieser Himmelsrose dringen?

Mein Aug’ ermaß die Weit’ und Höhe ganz

Und unverwirrt, und konnte sich erhebenZum Wie, Wieviel von diesem Wonneglanz.

Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,

Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar,Tritt fürder kein Naturgesetz in’s Leben. – –

In’s Gelb der Rose, die sich immerdar

Ausdehnt, abstuft, und Duft des Preises sendetZur Sonne, die stets heiter ist und klar,

Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,

Beatrix mich und sprach: „Sieh hier verschöntIn weißem Kleid, die dorten wohl geendet.

Sieh, wie so weit hin unsre Stadt sich dehnt,

Sieh so gefüllt die Bänk’ in unserm Saale,Daß man jetzt hier nach Wenigen sich sehnt.

Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle

Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst,Dort, eh’ du kommst zu diesem Hochzeitsmahle,

Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,

Des Cäsars, der Italien zu gestaltenKommt, eh’ es sich dazu geneigt beweist.

Die blinde Gier ist’s, die mit Zauberwalten

Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht,Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten.

Dem göttlichen Gerichtshof aber steht

Solch Obrer vor dann, daß er im GeheimenUnd offen nie mit ihm zusammengeht.

Doch stürzt des Himmels Rach’ ihn ohne Säumen

Vom heil’gen Stuhl zur qualenvollen Welt,Wo Simon Magus stöhnt in dunklen Räumen,

Drob tiefer noch der von Alagna fällt.“

So sah ich denn, geformt als weiße Rose,

Die heil’ge Kriegsschaar, die als Christi BrautDurch Christi Blut sich freut in seinem Schooße.

Allein die andre, welche, fliegend, schaut

Und singt deß Ruhm, der sie in Lieb’ entzündet,Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,

Sie senkt’, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründet

Der Blüthen Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,Wo würz’ger Honigseim sein Thun verkündet,

Sich in die Blum’, im reichen Kelch vertheilt,

Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen,Dorthin, wo ihre Lieb’ allewig weilt;

Lebend’ger Flamm’ ihr Antlitz zu vergleichen,

Die Flügel Gold, das Andre weiß und rein,So, daß nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen.

Und in die Rose zog von Reih’n zu Reih’n

Frieden und Glut, von ihnen eingesogenIm Flug zur Höhe, stets mit ihnen ein.

Und ob sie zwischen Blum’ und Höhe flogen,

Doch ward durch die beschwingte Menge nichtDes Höchsten Blick und Glanz der Ros’ entzogen.

Denn so durchdringend ist das höchste Licht,

Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet,Daß nichts im Weltenall es unterbricht.

Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,

Bevölkert von Bewohnern, neu und alt,Hielt Lieb’ und Blick ganz auf ein Ziel gewendet.

O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,

Die dort dich schau’n, in sel’gem Frieden hegend,Schau her auf uns, die wilder Sturm umhallt. –

Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,

Die stets die Bärin deckt, in gleicher BahnSich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend,

Zu jenen Zeit, als noch der Lateran

Die Welt beherrscht’, von Staunen überwunden,Rom und der Römer große Werke sahn:

Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,

Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit,Und von Florenz zu Wackern und Gesunden,

Wie mußt’ ich staunen solcher Herrlichkeit?

Lust fühlt’ ich, nicht zu sprechen, nichts zu hören,

Getheilt in Staunen und in Freudigkeit.

Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren

Im Tempel des Gelübdes, schauend, letzt,Und hofft von ihm einst Andre zu belehren;

So war ich, zum lebend’gen Licht versetzt,

Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend,Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.

Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend,

In fremdem Licht und eignem Lächeln schön,Geberden, sich mit jeder Tugend zierend.

Im Allgemeinen konnt’ ich schon ersehn,

Wie sich des Paradieses Form gestalte,Doch blieb mein Blick noch nicht beim Einzlen stehn;

Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,

So kehrt’ ich, um zu fragen, mich nach Ihr,Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte?

Sie fragt’ ich, und ein Andrer sprach zu mir.

Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise,Gekleidet in der andern Sel’gen Zier.

Auf Aug’ und Wang’ ergoß sich gleicherweise

So Güt’ als Freude – fromm war Art und Thun,Wie’s Vätern ziemt, in lieber Kinder Kreise.

„„Und wo ist Sie?““ so sprach ich eilig nun.

Drum Er: „Beatrix hat mich hergesendetVon meinem Platz, um dir genug zu thun.

Du wirst, den Blick zum dritten Kreis gewendet

Des höchsten Grads, sie auf dem Throne schau’n,

Der ihren Lohn für ihr Verdienst vollendet.“

Ohn’ Antwort hob ich rasch die Augenbrau’n –

Sah Sie, – sah ew’ge Strahlen ihr entwallenIm Wiederschein und ihr die Krone bau’n.

Vom Raum, aus dem die höchsten Donner hallen,

War nimmer noch ein Menschenblick so weitUnd wär’ er auch in’s tiefste Meer gefallen,

Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit;

Doch sah ich klar ihr Bildniß niederschwebenRein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit.

„O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,

Du, der’s zu meinem Heile nicht gegraut,Dich in den Schlund der Hölle zu begeben,

Dir dank’ ich Alles, was ich dort geschaut,

Wohin du mich durch Macht und Güte brachtest,Und deine Gnad’ und Stärke preis’ ich laut.

Die du zum Freien mich, den Sclaven, machtest,

Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art,Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest,

Hilf, daß, was du geschenkt, mein Herz bewahrt.

Daß dir sich einst die Seele dort geselle,Die Seele, die gesund durch dich jetzt ward.“ –

So betet’ ich – und Sie, von ferner Stelle,

Sie lächelte, wie’s schien, und sah mich an,Dann wandte sie sich ab zur ew’gen Quelle.

„Damit du ganz vollendest deine Bahn,“

Begann der Greis, „auf der dich fortzuleitenIch Auftrag von der heil’gen Lieb’ empfahn,

Laß deinen Blick durch diesen Garten gleiten,

Denn stärken wird dir dies des Auges SinnUnd ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten.

Und Sie, die mich entflammt, die Königin

Des Himmels, läßt uns ihre Gnade frommen,Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin.“

Wie der, der von Croatien hergekommen,

Um unser Schweißtuch zu betrachten, nichtSatt wird, zu sehn, wovon er längst vernommen,

Und, wenn man’s zeigt, zu sich im Innern spricht:

Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hieniedenSo also war geformt dein Angesicht? –

So ich, als mir der Anblick ward beschieden

Der Liebe dessen, der in dieser Welt,Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden.

Er sprach: „Was Schönes dieses Reich enthält,

Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen,Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde hält.

Doch laß den Blick von Kreis zu Kreise steigen,

Bis daß er sich zur Königin erhöht,Vor der sich fromm des Himmels Bürger neigen.“

Aufschaut’ ich, und, wie, wenn die Früh ersteht,

Der Ost den Himmelstheil mit goldnen StrahlenBesiegt, in dem die Sonne niedergeht,

So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Thalen

Die Berg’ ersteigen, sah ich einen OrtIm höchsten Rand all Andres überstrahlen.

Und als ob früh der Ost, da, wo sofort

Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme,Wenn sich das Licht vermindert hier und dort;

So sah ich jene Friedens-Oriflamme

Inmitten mehr erglühn, und bleicher wardBei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme.

Ich sah viel tausend Engel, dort geschaart,

Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder,Verschieden Jeglichen an Glanz und Art.

Und Schönheit lachte bei dem Klang der Lieder

Und bei dem Spiel, und strahlt’ in SeligkeitAus aller andern Sel’gen Augen wieder.

Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,

Als meine Phantasie, doch nie beschriebeIch nur den kleinsten Theil der Herrlichkeit.

Bernhard, bemerkend, daß mit heil’gem Triebe

An seiner glüh’nden Glut mein Auge hing,Erhob auch sein’s zu Ihr mit solcher Liebe,

Daß mein’s zum Schauen neue Glut empfing.

Indeß sein Blick nach seiner Wonne flammte,

That er mit heil’gem Wort mir dieses kund,Sich unterziehend freiem Lehreramte:

„Sieh zu Mariens Fuß, die euch gesund

Und heil gemacht, die erste dort der Frauen,Die Schönste, die euch krank gemacht und wund.

Im Range, den die dritten Sitze bauen,

Wirst du sodann die Rahel unter ihr,Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen.

Sara, Rebecca, Judith zeigen dir

Sich mit deß Ahnfrau, der im BußgesangeVoll Reu’ ausrief: „Herr, schenk’ Erbarmen mir“,

Absteigend stufenweis von Rang zu Range,

Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verliehVon Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange.

Hebräerfrau’n, vom siebten Ring ab, wie

Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zu Theile,Und dieser Blume Locken scheiden sie,

Weil sie, je wie sie sich zu Christi Heile,

Gläubig gewandt, so nun als Mauer stehn,Daß sich durch sie die heil’ge Stiege theile.

Hier, wo die Blume reich und voll und schön

Entfaltet ist, hier sitzen die Verklärten,

Die gläubig auf den künft’gen Christ gesehn.

Dort, wo noch leere Lücken für Gefährten

Im Halbkreis sind, dort sitzen die gereiht,Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten.

Wie hier der Fürstin Stuhl in Herrlichkeit

Und unter ihr die Andern zu gewahren,Und wie sie bilden solchen Unterscheid;

So jenseits der des Täufers, der erfahren,

Der immer Heil’ge, Wüst’ und MärtyrpeinUnd dann der Hölle Nacht in zweien Jahren.

Franz, Benedict und Augustin – sie reihn

Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen,Mit Andern unterhalb von Reih’n zu Reih’n.

Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,

Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts eilt,Erfüllt gleich zahlreich diese Gartenauen.

Und von der Stuf’ abwärts, die mitten theilt

Die Scheidewände, sitzt die Schaar der Seelen,Die nicht durch eigenes Verdienst hier weilt,

Nein, fremdes – nur darf der Beding nicht fehlen –

Denn hier sind Alle, die dem Leib entflohn,Bevor sie noch vermochten, selbst zu wählen.

Dies merkst du an den Angesichtern schon

Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,Wenn du wohl spähst und horchst auf ihren Ton. –

Nun seh’ ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,

Doch lösen werd’ ich dir das feste Band,Mit welchem dich die Grübelei’n umschlingen.

Aus unsers ew’gen Königs weitem Land

Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten,Wie Hunger, Durst und Traurigkeit verbannt.

Nach ewigem Gesetz muß sich gestalten

Was du hier siehst, und muß sich, wie der RingZum Finger paßt, so unter sich verhalten.

Daher auch, wer dem Truge früh entging,

Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne GründeMehr oder minder Herrlichkeit empfing.

Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde,

In solcher Lieb’ und solcher Wonne ruht,Daß Keiner ist, deß Wünschen höher stünde,

Vertheilt den Seelen, seiner heitern Glut

Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben:Es g’nüge hier, was kund die Wirkung thut.

Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben

Die heil’ge Schrift ein deutlich Beispiel dar,Die sich bekämpft im Leib der Mutter haben.

Und gleichwie färbt der Gnade Schein ihr Haar,

Gleich also scheint das höchste Licht in ihnen,Nach ihrer Würde, mehr und minder klar.

Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,

Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt,Nur wie auf sie des Schöpfers Huld geschienen:

So g’nügt’ es in der Jugendzeit der Welt

Unschuld’gen, um zum Heile zu gelangen,Daß Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt.

Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen,

Was männlich war, zuvor zur SeligkeitDurch die Beschneidung noch die Kraft empfangen.

Doch blieb, als kommen war der Gnade Zeit,

Unschuld ohn’ die vollkommne Taufe ChristiGehalten drunten in der Dunkelheit. –

Jetzt schau’ in’s Antlitz, das dem Antlitz Christi

Am meisten gleicht, und deine Kraft erhöhnWird seine Klarheit zu dem Anschau’n Christi.“

Wonn’ strahlt aus dem Gesicht, so klar und schön,

Die Christus Ihr durch jene Heil’gen schickte,Erschaffen, zu durchfliegen jene Höh’n,

Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte,

Mich also mit Bewunderung durchdrang,Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte.

Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,

Verbreitete vor Ihr jetzt das Gefieder,Indem sie – Sei begrüßt, Maria! sang.

Und alsogleich antworteten die Lieder

Der sel’gen Geister diesem Himmelslied,Und heitrer strahlten rings die Wonnen wieder.

„O Heil’ger, du, den Lieb’ herniederzieht,

Der du für mich dem süßen Ort entronnen,Wo ew’ge Vorsicht dir den Sitz beschied;

Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen

Im Blick Maria’s mit dem seinen ruht,Und scheinet wie ein Feuerstrahl entbronnen?“

So wandt’ ich mich zu Ihm mit heiterm Muth,

Und sah ihn in Maria’s Glanz entbrennen,Gleichwie den Morgenstern an Sonnenglut.

Und Er: „Was Seel’ und Engel haben können

Von Kühnheit und von Schönheit, er bekamEs ganz von Gott, wie wir’s ihm Alle gönnen,

Weil Er zu Ihr einst mit der Palme kam,

Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken,Nach seinem heil’gen Willen übernahm. –

Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,

Und von dem frommen und gerechten ReichWirst du den hohen Adel jetzt erblicken.

Die Zwei dort, an der höchsten Wonne reich,

Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten,Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich.

Der Vater sitzt zu ihrer linken Seiten,

Deß kühner Gaum der Menschheit fort und fortZu kosten giebt so herbe Bitterkeiten.

Sieh rechts der heil’gen Kirche Vater dort,

Dem dieser Blume Schlüssel übergebenAuf Erden hat der Heiland, unser Hort,

Und jener, welcher noch im Erdenleben

Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt,Die Wundenmaal’ erwarben, sitzt darneben.

Neben dem Andern sitzt, in Ruh’ beglückt,

Des Volkes Führer, das der Herr mit MannaTrotz Undanks, Tück’ und Wankelmuths erquickt.

Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna,

Und blickt die Tochter so zufrieden an,Daß sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna.

Und gegenüber sitzt dem ersten Ahn

Lucia, die die Herrin dir gesendet,Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn.

Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,

Drum thun wir, wie der gute Schneider thut,Der, so viel Zeug er hat, in’s Kleid verwendet.

Die Augen richten wir auf’s höchste Gut,

Und dringen so, indem wir nach ihm sehen,So tief als möglich in die reine Glut.

Doch wahrlich, soll’s mit dir nicht rückwärts gehen,

Ob vorwärts sich dein kühner Flügel schwingt,Ist durch Gebet erst Gnade zu erflehen,

Gnade von Jener, die dir Hülfe bringt;

Und folgen wirst du mir, wenn deine LiebeZu Ihr empor in meinem Worte dringt.“

Und also betet’ Er mit brünst’gem Triebe:

„O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,

Demüth’ger, höher, als was je gewesen,Ziel, ausersehn vom Herrn des ew’gen Throns,

Geadelt hast du so des Menschen Wesen,

Daß, der’s erschaffen hat, das höchste Gut,In dir Geschöpf zu sein, dich auserlesen.

In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,

An der die Blume hier zu ew’gen WonnenEntsprossen ist, in ew’gem Frieden ruht.

Die Lieb’ entflammst du, gleich der Mittagssonnen,

In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit,Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen.

Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,

Daß Gnade suchen und zu dir nicht flehen,Wie Flug dem Unbeflügelten gedeiht.

Du pflegst dem Armen nicht nur beizustehen,

Der zu dir fleht, nein, öfters pflegt von dirDie Gabe frei dem Flehn vorauszugehen.

Erbarmen ist, und Mitleid ist in dir,

In dir großmüth’ges Wesen – ja, verbunden,Was Gutes das Geschöpf hat, ist in dir.

Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden

Des Weltalls hat, der Geister Art und SeinVon Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,

Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleihn,

Daß er die Augen höher heben könne,Und seinen Blick für’s höchste Heil zu weihn.

Und ich, der ich so für sein Schauen brenne,

Daß ich dem eig’nen nie mehr Glut geweiht,Ich fleh’, und das, was ich gefleht, vergönne!

Jedwede Wolke seiner Sterblichkeit

Sei weggebannt durch dein Gebet! EntfaltenSoll sich ihm höchste Wonn’ und Herrlichkeit!

Noch bitt’ ich, Königin, dich, die du walten

Kannst, wie du willst, in ihm und solchem SehnGesund des Herzens Neigung zu erhalten.

Laß ihn der ird’schen Regung widerstehn;

Sieh Beatricen, sieh so viel VerklärteMit mir zugleich, die Hände faltend, flehn!“

Die Augen, die Gott lieb und werth hält, kehrte

Sie fest dem Redner zu und zeigt’ daran,Ihr sei das fromme Flehn von hohem Werthe.

Zum ew’gen Lichte wandten sie sich dann,

Zu dem die Blicke – glaubet sicher! – sendenNie ein Geschöpf mit solcher Klarheit kann.

Dem Ziel, zu dem sich alle Wünsche wenden,

Mich nähernd, fühlt’ in meinem Innern ichSo, wie ich mußte, jede Sehnsucht enden.

Und lächelnd winkte Bernhard mir, daß sich

Mein Auge nun empor zum Höchsten richte;Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich.

Denn stets ward’s klarer mir vor’m Angesichte,

Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinanMein Blick zum hohen in sich wahren Lichte.

Und tiefer, größer war mein Schau’n fortan,

Daß solchen Blick die Sprache nicht bekunden,Nicht die Erinnerung ihn fassen kann.

Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden,

Tief eingeprägt, das Herz noch lang erfüllt,Wenn das, was er geträumt, ihm schon entschwunden:

So bin ich, dem beinah’ sein Traumgebild

Entschwunden ist, und dem die Lust, geborenAus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt.

So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Thoren

Die Sonn’ erwärmend steigt; so war beim WindIn leichtem Laub Sibylla’s Spruch verloren. –

O höchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt,

So weit zurückläßt, leih’ jetzt meiner SeeleEin wenig nur von dem, was ihr verrinnt.

Mach’ jetzt, daß Kraft die Zunge mir beseele,

Damit ein Funke deiner Glorie nurDer Nachwelt bleib’ in dem, was ich erzähle.

Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr,

Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,Dann sieht man klarer deiner Siege Spur.

Mich hätte, glaub’ ich, ganz der Blitz geblendet,

Den ich von dem lebend’gen Strahl empfand,Hätt’ ich von ihm die Augen abgewendet.

Und ich erinn’re mich: mein Muth erstand

Durch ihn, die Blitze kühner zu ertragen,Bis sich mein Blick der ew’gen Kraft verband.

O überreiche Gnad’! Ich durft’ es wagen,

Fest zu durchschau’n des ew’gen Lichtes Schein,Bis zum Versinken drein den Blick zu tragen.

In Seiner Tiefe sah im Drei-Verein

Die Ding’ ich, die im Weltall sich entfalten,Und Liebe faßt’ in diesen Bund sie ein.

Wesen und Zufall, ihre Weis’, ihr Walten

– Wie dies verschmolz in eines Lichtes Glanz:Nur Stammeln kann davon mein Lied enthalten.

Die Form, die allgemeine, dieses Bands,

Ich sah sie, glaub’ ich, weil mich, deß zum Zeichen,Noch beim Erzählen Wonn’ erfüllt ganz.

Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen,

Als drittehalb Jahrtausende die FahrtDer Argo nach Neptunus fernsten Reichen.

Scharf, unbeweglich schaut’ in solcher Art

Die Seele nach dem göttlichen Gesichte,Drob sie stets mehr im Schau’n entzündet ward.

Und also wird man dort bei jenem Lichte,

Daß es nicht sein kann, daß man, abgewandtVon ihm, je anderwärts die Augen richte,

Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand,

Ganz in sich faßt, und außerhalb voll SchwächenDas ist, was man in ihm vollkommen fand. –

Kurz werd’ ich nun von dem Geschauten sprechen,

Und sprechend stell’ ich mich als Kindlein dar,Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen.

Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar,

Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte,– Denn jener bleibt so, wie er immer war –

Nur weil im Schau’n sich meine Sehkraft mehrte,

Schien’s, daß verwandelt jener eine ScheinSich mir, der selbst verwandelt war, verklärte:

Im tiefsten Schooß vom lichten Strahlenschein

Schienen drei Kreise schimmernd mir zu sehen,Dreifarbig und an Umfang eins zu sein.

Wie Iris von der Iris glänzt, so zween

Im Wiederschein; der dritt’, als Gluth und LichtSchien’ er gleichförmig beiden zu entwehen.

Für meine Vorstellung des Worts Bericht,

Er ist zu arm! Und nehm’ ich, was beschiedenMir war zu seh’n, wie arm ist diese nicht!

O ew’ges Licht, du, in dir selbst im Frieden,

Allein dich kennend, und, von dir erkannt,Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden,

Als zu dem Kreis, den ich in dir erfand

Wie wiederscheinend Licht, die Aug’ ich wandte,Und ihn verfolgend mit den Blicken stand:

Da schien’s, gemalt in seiner Mitt’ erkannte,

Mit eigner Farb’, ich unser Ebenbild,Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.

Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,

Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;

So ich beim neuen Schau’n – ich wollt’ ermessen,

Wie sich das Bild dem Kreise ein’ und wieDie Züge mit dem Licht zusammenflössen.

Doch dies erflog der eigne Fittich nie. –

Da ward mein Geist von einem Blitz durchdrungen,Der, was die Seel’ ersehnt hatt’, ihr verlieh.

Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,

Schon aber folgten Will’ und Wünschen gerne,Gleichwie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen,

Der Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne.

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