Die Stadt im Meer
Translated from English by Hedwig Lachmann
[39] Die Stadt im Meer.
Das ist des Todes Residenz,Diese seltsame Stadt im fernen Westen.Hier thront er und ertheilt AudienzDen Bösen und Guten, den Schlimmsten und Besten.
5Hier stehen mächtige Säulenhallen
(Zermorschtes Gemäuer, das nicht zittert)Neben Kapellen und KathedralenUnd hohen Palästen, schwarz und verwittert.Ringsum, vom Winde vergessen, ruht,
10Wie schlafend, eine eisige Fluth.
Kein Strahl aus dem himmlischen GewölbeFällt auf das Dunkel dieser Stadt;Doch einen Schimmer traurig und mattEntsendet das Meer, das röthlich gelbe,
15Und der kriecht hinauf an dunklen Palästen,
An babylonischen Thürmen und VestenDer kriecht empor an eisernen Kerkern,Und schattigen, ausgestorbenen Erkern,[40] Der schlängelt sich aufwärts an Säulenhallen
20Und an gigantischen Kathedralen
Mit steinernem Zierrath von groteskenBlumengewinden und Arabesken,An vielen wundersamen KapellenUnd gleitet zurück in die kalten Wellen,
25Die melancholischen, schweigenden Wellen.
Von einem stolzen Thurm übersiehtDer finstere König sein Gebiet.
Tempel und Gräber öffnen sich weit –Da erglänzt eine seltsame Herrlichkeit.
30Doch weder die Gräber mit ihren Schätzen,
Noch die demantenen Augen der GötzenLocken die Wogen aus ihrem Bette.Gläsern bleibt die schaurige Glätte,Kein Hauch, kein noch so leises Säuseln
35Erhebt sich, diese Fläche zu kräuseln,
Kein Schwellen erzählt von glücklichen Seeen,Worüber heitere Lüfte wehen,Kein Wallen erzählt, daß es Meere giebtDie weniger grauenhaft ungetrübt.
40Da regt sich etwas im trägen Meere,
Als wären die Thürme plötzlich versunkenUnd hätten die Fluth auseinandergeschoben;[41] Die Woge färbt sich, als ob ein Funken,Ein wärmender Sonnenfunken von oben
45Auf sie herniedergeglitten wäre.
Und wenn nun durch den geöffneten SpaltDer trägen, melancholischen FluthDie seltsame Stadt versinkt – dann zahltIhr die Hölle selber Tribut.
Comments
Loading comments…