Ulalume

Translated from English by Hedwig Lachmann

[30] Ulalume.

Die Wolken thürmten sich mächtig,Die Blätter waren verdorrt,Sie waren kraus und verdorrt,Es war Oktober und nächtig

5An einem unseligen Ort.

Es war nahe dem bleiernen Wasser,Das da so verschlafen steht,Am Hain, wo des Nachts sich ein blasser,Hohläugiger Schwarm ergeht.

10Die Gegend schroff und titanisch,

Durchstreift’ ich mit Psyche allein,Meiner Seele, Psyche, allein,Zur Zeit, da mein Herz noch vulkanisch,Wie die Berge, die rastlos spei’n,

15Die Feuerströme ausspei’n,

Wie der Berg am Nordpol, der kreißendEin flammendes Meer gebiert,[31] Das sich gewaltsam und reißendHinunterstürzt und verliert,

20Hinunterwälzt und verliert.

Unsre Rede war ernst und gemessen,Die Gedanken welk und verdorrt,Die Gedanken lahm und verdorrt.Das Gedächtniß war pflichtvergessen,

25Denn es mahnte uns nicht an den Ort,

An die Zeit nicht, und nicht an den Ort.Wir ahnten nicht Ort und nicht StundeUnd nicht den Monat im Jahr,Den unsel’gen Monat im Jahr,

30Daß es nahe dem heimlichen Grunde

Und dem bleiernen Wasser war.

Und da nun die Nacht sich neigteUnd der Zeiger der Sternenuhr,Der himmlischen Sternenuhr

35Dem Tag zustrebte, da zeigte

Sich ein nebliger Schein am Azur.Und diesem weißlichen, zartenDuftschleier entschwebte zuletztDas Diadem von Astarten

40Mit Diamanten besetzt.

[32] Und ich sprach: Sie ist wärmer und milderAls die keusche Schwester Apoll’s,Die flinke Schwester Apoll’s.Diana ist feuriger, wilder,

45Doch innerlich kühl und stolz.

Sie aber wandelt durch SphärenVon Seufzern und wirft ihr Licht,Ihr sanftes, freundliches LichtAuf die nimmer trocknenden Zähren

50Im gramvollen Erdengesicht.

Und kommt durch das Sternbild des LöwenUnd weist uns den Weg zum Glück,Den Weg durch Lethe zum GlückUnd kommt durch die Höhle des Löwen,

55Erwärmt uns mit Ihrem Blick,

Mit ihrem liebenden Blick.

Da sah ich Psyche erschaudern.Sie sprach: Ich trau’ ihr nicht,Ich trau’ dieser Blässe nicht.

60O komm, o laß’ uns nicht zaudern,

Ich fürchte dies weiße Licht,Dies weiße, flackernde Licht.Eine Angst, unbeschreiblich, unsäglichDurchbebte sie, während sie sprach,

65Während so hastig sie sprach,

[33] Sie schluchzte und schleppte kläglichIhre Schwingen am Boden nach,Die Schwingen im Staube nach.

Ich erwiderte: Du siehst Gespenster,

70Laß uns tauchen in dieses Meer,

Dies krystallene, leuchtende Meer,Sein Raum ist ein unbegrenzter,Sieh nur, hin wogt es und her,Es zittert und wogt hin und her,

75Es strahlt und fluthet im Blauen

Mit wahrhaft sybillischer Pracht,Glaub’ nur, wir dürfen ihm trauen,Es leuchtet uns durch die Nacht,Wir dürfen dem Wegweiser trauen,

80Denn er leuchtet zu Gott durch die Nacht.

So suchte ich sie zu beschwicht’genUnd küßte sie brüderlich warm,Ich küßte sie zärtlich und warm,Und ich sah ihre Angst sich verflücht’gen

85Und wir eilten voran Arm in Arm.

Durch dunkle CypressenalleeenUnd athmeten ihren Duft –Da blieben wir plötzlich stehenVor der Thüre zu einer Gruft,

90"]}' id="mwxQ">[34] Zu einer mystischen Gruft.

Und ich sprach: Was sagt dieser stumme,Bedeutsame Mund von Stein?Da erwiderte sie: Ulalume –Hier ruht Ulalumens Gebein,

95Deiner Ulalume Gebein. –

Da ward stumpf mein Herz und ohnmächtig,Und wie die Blätter verdorrt,Wie die Blätter welk und verdorrt.Ja, Oktober war es und nächtig,

100Rief ich aus und an diesem Ort,

Ich erkenne deutlich den Ort.Am Teich erging sich ein blasser,Hohläugiger, grinsender Schwarm,Und ich irrte an diesem Wasser

105Eine schaurige Bürde im Arm,

Ein kalte Bürde im Arm. –

Die Wolken thürmten sich mächtig,Die Blätter waren verdorrt.Es war Oktober und nächtig

110An einem unseligen Ort.

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