Das Lied von den Rosen

Das Lied von den Rosen.

Wolken kamen gezogen,Wo sinnend die Jungfrau stand,Die hatten viel glühende RosenDem Abendrothe entwandt.

Sprach die erste: „Rosen der Freude,Die bring’ ich, du liebliches Kind,Zu schmücken zwei schelmische Grübchen –Nimm! sie verblühen geschwind.“

Die andere: „Rosen der Liebe,Die hege am Herzen fein!Dann strahlen dir Wangen und AugeIm lieblichen Wiederschein.“

Und wie die beiden entflogen,Da sprach die dritte recht mild,Und reichte zwei schneeige BlüthenNoch zart von der Knospe umhüllt:

„Sieh hier des Schmerzes Rosen!Wenn alle die andern verglühn,Dann werden, im bleichen Schimmer,Dir meine Blumen erblühn.“

Hermann Schulze-Delitzsch.

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