Die Mutter ist todt
Wie vor der Königin am Trau-AltarDie Fürstenfraun in Huldigung sich neigen,Gehüllt in Demantschleier wunderbar,So naht der Tag – die letzten Sterne bleichen.
5Ein Teppich breitet sich; die Farben heben
Aus Purpurroth und azurblauem LichtSich rasch empor, um wechselvoll zu schwebenWie Strahlenbündel, die ein Prisma bricht.Ich staune nicht – was soll mir Morgenroth?
10Die Mutter ist todt!
Die Nacht war lang; feucht ist der gelbe Sand;In Nubiens Felsgestein fiel manche Thräne;Die Flinte hält mechanisch meine Hand –Sie lauert nicht auf Schakal und Hyäne.
15Des Südens Kreuz ging auf, und viele Sterne;
Sie nahten, schwanden wie ein Traumgebild,Indeß die Sehnsucht irrt in weite FerneUnd sucht das Mutteraug’, so treu lind mild –Der Stern erlosch, der alles Licht mir bot:
20Die Mutter ist todt!
Es schweift mein Blick zurück in alte Zeit:Wie Vieles, was ich fand, hab’ ich verloren!Ich sucht’ ein treues Herz, doch keine MaidHielt mir den Treuschwur, den sie mir geschworen.
25Vereinsamt mußt ich meine Kraft erproben;
Unglück und Noth war mir der beste Freund.Wenn in der Noth die Freunde mir zerstoben.Bei Gott! ich habe nie darum geweint.Was liegt mir an Enttäuschung, Unglück, Noth?
30Die Mutter ist todt!
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