Aus dem Schwanengesange eines deutschen Dichters

Wir wollen jetzt Frieden machen,Ihr lieben Blümelein,Wir wollen schwatzen und lachen,Und wollen uns wieder freun.

5Du weißes Maienglöckchen,

Du Rose mit rothem Gesicht,Du Nelke mit bunten Fleckchen,Du blaues Vergißmeinnicht!

Kommt her, ihr Blumen, jede

10Soll mir willkommen sein –

Nur mit der schlimmen ResedeLass ich mich nicht mehr ein.

„O, die Liebe macht uns selig,O, die Liebe macht uns reich!“Also singt man tausendkehligIn dem heil’gen röm’schen Reich.

5Du, Du fühlst den Sinn der Lieder,

Und sie klingen, theurer Freund,Jubelnd Dir im Herzen wider,Bis der große Tag erscheint:

Wo die Braut, mit rothen Bäckchen,

10Ihre Hand in Deine legt,

Und der Vater, mit dem Säckchen,Dir den Segen überträgt.

Säckchen, voll mit Geld, unzähligLinnen, Betten, Silberzeug –

15O, die Liebe macht uns selig,

O, die Liebe macht uns reich!

Ich seh’ Dich an und glaub’ es kaum –Es war ein schöner Rosenbaum –Die Düfte stiegen mir lockend zu Häupten,Daß sie mir zuweilen das Hirn betäubten –

5Es blüht hervor die Erinnerung –

Ach! damals war ich närrisch und jung –Jetzt bin ich alt und närrisch – Ein StechenFühl’ ich im Aug’ – Nun muß ich sprechenIn Reimen sogar – es wird mir schwer,

10Das Herz ist voll, der Kopf ist leer!

Du kleine Cousinenknospe! es ziehtBei Deinem Anblick durch mein GemüthGar seltsame Trauer, in seinen TiefenErwachen Bilder, die lange schliefen –

15Sirenenbilder, sie schlagen auf

Die lachenden Augen, sie schwimmen heraufLustplätschernd – die Schönste der ganzen SchaarDie gleicht Dir selber auf ein Haar.

Das ist der Jugend Frühlingstraum –

20Ich seh’ Dich an und glaub’ es kaum!

Das sind die Züge der theuren Sirene,Das sind die Blicke, das sind die Töne –Sie hat ein süßkrötiges Stimmelein,Bezaubernd die Herzen groß und klein.

25Die Schmeicheläuglein spielen in’s Grüne,

Meerwunderlich mahnend an Delphine.Ein bischen spärlich die Augenbraun,Doch hochgewölbt und anzuschaunWie anmuthstolze Siegesbogen –

30Auch Grübchenringe, lieblich gezogen

Dicht unter das Aug’ in den rosigen Wänglein –Doch leider weder Menschen noch EngleinSind ganz vollkommen – das herrlichste WesenHat seine Fehler, wie wir lesen

35In alten Märchen. Herr Lusignan,

Der einst die schönste Meerfee gewann,Hat doch an ihr, in manchen Stunden,Den heimlichen Schlangenschwanz gefunden.

Es erklingt wie LiedestöneAlles, was ich denk’ und fühl’.Ach! da hat der kleine, schöneLiebesgott die Hand im Spiel.

5Der Maëstro im Theater

Meines Herzens ist er jetzt,Was ich fühl’ und denke, hat erGleich schon in Musik gesetzt.

Du singst, wie einst Tyrtäus sang,Von Heldenmuth beseelet,Doch hast du schlecht dein PublicumUnd deine Zeit gewählet.

5Beifällig horchen sie dir zwar,

Und loben, schier begeistert:Wie edel dein Gedankenflug,Wie du die Form bemeistert.

Sie pflegen auch beim Glase Wein

10Ein Vivat dir zu bringen

Und manchen Schlachtgesang von dirLautbrüllend nachzusingen.

Der Knecht singt gern ein FreiheitsliedDes Abends in der Schenke:

15Das fördert die Verdauungskraft

Und würzet die Getränke.

Es giebt zwei Sorten Ratten:Die hungrigen und satten.Die satten bleiben vergnügt zu Haus,Die hungrigen aber wandern aus.

5Sie wandern viel’ tausend Meilen,

Ganz ohne Rasten und Weilen,Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,

10Sie schwimmen wohl durch die Seen;

Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,Die lebenden lassen die todten zurück.

Es haben diese KäuzeGar fürchterliche Schnäuze,

15Sie tragen die Köpfe geschoren egal,

Ganz radical, ganz rattenkahl.

Die radicale RotteWeiß Nichts von einem Gotte.Sie lassen nicht taufen ihre Brut,

20Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,Er will nur fressen und saufen,Er denkt nicht, während er säuft und frißt,Daß unsre Seele unsterblich ist.

25So eine wilde Ratze,

Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld,Und wünscht auf’s Neue zu theilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!

30Sie sind schon in der Nähe,

Sie rücken heran, ich höre schonIhr Pfeifen, die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,Sie sind schon vor den Thoren!

35Der Bürgermeister und der Senat

Sie schütteln die Köpfe, und Keiner weiß Rath.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,Die Glocken läuten die Pfaffen.Gefährdet ist das Palladium

40Des sittlichen Staats, das Eigenthum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,Nicht hochwohlweise Senatsdecrete,Auch nicht Kanonen, viel’ Hundertpfünder,Die helfen euch heute, ihr lieben Kinder!

45Heut’ helfen euch nicht die Wortgespinnste

Der abgelebten Redekünste.Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden

50Nur Suppenlogik mit Knödelgründen

Nur Argumente von Rinderbraten,Begleitet mit Göttinger Wurst-Citaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,Behaget den radicalen Rotten

55Viel besser, als ein Mirabeau

Und alle Redner seit Cicero.

"}}' id="mwAR8">Mir lodert und wogt im Hirn eine FluthVon Wäldern, Bergen und Fluren;Aus dem tollen Wust tritt endlich hervorEin Bild mit festen Contouren.

Das Städtchen, das mir im Sinne schwebt,Ist Godesberg, ich denke.Dort wieder unter dem LindenbaumSitz’ ich vor der alten Schenke.

Der Hals ist mir trocken, als hätt’ ich verschlucktDie untergehende Sonne.Herr Wirth! Herr Wirth! Eine Flasche WeinAus Eurer besten Tonne!

Es fließt der holde RebensaftHinunter in meine SeeleUnd löscht bei dieser GelegenheitDen Sonnenbrand der Kehle.

Und noch eine Flasche, Herr Wirth! Ich trankDie erste in schnöder Zerstreuung,Ganz ohne Andacht! Mein edler Wein,Ich bitte dich drob um Verzeihung.

Ich sah hinauf nach dem Drachenfels,Der, hochromantisch beschienenVom Abendroth, sich spiegelt im RheinMit seinen Burgruinen.

Ich horchte dem fernen WinzergesangUnd dem kecken Gezwitscher der Finken –So trank ich zerstreut, und an den WeinDacht’ ich nicht während dem Trinken.

Jetzt aber steck’ ich die Nase in’s Glas,Und ernsthaft zuvor beguck’ ichDen Wein, den ich schlucke; manchmal auchGanz ohne zu gucken, schluck’ ich.

Doch sonderbar! Während dem Schlucken wird mirZu Sinnen, als ob ich verdoppelt,Ein andrer armer Schlucker seiMit mir zusammengekoppelt.

Der sieht so krank und elend aus,So bleich und abgemergelt.Gar schmerzlich verhöhnend schaut’ er mich an,Wodurch er mich seltsam nergelt.

Der Bursche behauptet, er sei ich selbst,Wir wären nur Eins, wir Beide,Wir wären ein einziger armer Mensch,Der jetzt am Fieber leide.

Nicht in der Schenke von Godesberg,In einer KrankenstubeDes fernen Paris befänden wir uns –Du lügst, du bleicher Bube!

Du lügst, ich bin so gesund und rothWie eine blühende Rose,Auch bin ich stark, nimm dich in Acht,Daß ich mich nicht erbose!

Er zuckt die Achsel und seufzt: „O Narr!“Das hat meinen Zorn entzügelt,Und mit dem verdammten zweiten IchHab’ ich mich endlich geprügelt.

Doch sonderbar! jedweden Puff,Den ich dem Burschen ertheile,Empfinde ich am eignen Leib,Und schlage mir Beule auf Beule.

Bei dieser fatalen BalgereiWard wieder der Hals mir trocken,Und will ich rufen nach Wein den Wirth,Die Worte im Munde mir stocken.

Mir schwinden die Sinne, und traumhaft hör’ ichVon Kataplasmen reden,Auch von der Mixtur – ein Eßlöffel voll –Zwei Tropfen stündlich in jedem.

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