Der Apollogott

Der Apollogott.

I.

Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,Der Rhein vorüberrauschet;Wohl durch das Gitterfenster schautDie junge Nonne und lauschet.

5Da fährt ein Schifflein, mährchenhaft

Vom Abendroth beglänzet;Es ist bewimpelt von buntem Taft,Von Lorbeern und Blumen bekränzet.

Ein schöner blondgelockter Fant

10Steht in des Schiffes Mitte;

Sein goldgesticktes PurpurgewandIst von antikem Schnitte.

Zu seinen Füßen liegen daNeun marmorschöne Weiber;

15Die hochgeschürzte Tunika

Umschließt die schlanken Leiber.

[41] Der Goldgelockte lieblich singt

Und spielt dazu die Leier;In’s Herz der armen Nonne dringt

20Das Lied und brennt wie Feuer.

Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmalSchlägt sie ein Kreuz, die Nonne;Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual,Nicht bannt es die bittre Wonne.

II.

25Ich bin der Gott der Musika,

Verehrt in allen Landen;Mein Tempel hat in GräziaAuf Mont-Parnaß gestanden.

Auf Mont-Parnaß in Gräzia,

30Da hab’ ich oft gesessen

Am holden Quell Kastalia,Im Schatten der Cypressen.

[42] Vokalisirend saßen da

Um mich herum die Töchter,

35Das sang und klang la-la, la-la!

Geplauder und Gelächter.

Mitunter rief tra-ra, tra-ra!Ein Waldhorn aus dem Holze;Dort jagte Artemisia,

40Mein Schwesterlein, die Stolze.

Ich weiß es nicht, wie mir geschah:Ich brauchte nur zu nippenVom Wasser der Kastalia,Da tönten meine Lippen.

45Ich sang - und wie von selbst beinah

Die Leyer klang, berauschend;Mir war, als ob ich Daphne sah,Aus Lorbeerbüschen lauschend.

Ich sang - und wie Ambrosia

50Wohlrüche sich ergossen,

Es war von einer GloriaDie ganze Welt umflossen.

[43] Wohl tausend Jahr aus Gräzia

Bin ich verbannt, vertrieben -

55Doch ist mein Herz in Gräzia,

In Gräzia geblieben.

III.

In der Tracht der Beguinen,In dem Mantel mit der KappeVon der gröbsten schwarzen Serge,

60Ist vermummt die junge Nonne.

Hastig längs des Rheines UfernSchreitet sie hinab die Landstraß’,Die nach Holland führt, und hastigFragt sie Jeden, der vorbeikommt:

65„Habt Ihr nicht gesehn Apollo?

Einen rothen Mantel trägt er,Lieblich singt er, spielt die Leyer,Und er ist mein holder Abgott.“

[44] Keiner will ihr Rede stehen,

70Mancher dreht ihr stumm den Rücken,

Mancher glotzt sie an und lächelt,Mancher seufzet: Armes Kind!

Doch des Weg’s herangetrotteltKommt ein schlottrig alter Mensch,

75Fingert in der Luft, wie rechnend,

Näselnd singt er vor sich hin.

Einen schlappen Quersack trägt er,Auch ein klein dreieckig Hütchen;Und mit schmunzelnd klugen Aeuglein

80Hört er an den Spruch der Nonne:

„Habt Ihr nicht gesehn Apollo?Einen rothen Mantel trägt er,Lieblich singt er, spielt die Leyer,Und er ist mein holder Abgott.“

85Jener aber gab zur Antwort

Während er sein Köpfchen wiegteHin und her, und gar possirlichZupfte an dem spitzen Bärtchen:

[45] Ob ich ihn gesehen habe?

90Ja, ich habe ihn gesehen

Oft genug zu Amsterdam,In der deutschen Synagoge.

Denn er war Vorsänger dorten,Und da hieß er Rabbi Faibisch,

95Was auf Hochdeutsch heißt Apollo -

Doch mein Abgott ist er nicht.

Rother Mantel? Auch den rothenMantel kenn’ ich. Echter Scharlach,Kostet acht Florin die Elle,

100Und ist noch nicht ganz bezahlt.

Seinen Vater Moses JitscherKenn’ ich gut. VorhautabschneiderIst er bei den Portugiesen.Er beschnitt auch Souveraine.

105Seine Mutter ist Cousine

Meines Schwagers, und sie handeltAuf der Gracht mit sauern GurkenUnd mit abgelebten Hosen.

[46] Haben kein Pläsir am Sohne.

110Dieser spielt sehr gut die Leyer,

Aber leider noch viel besserSpielt er oft Tarok und l’Hombre.

Auch ein Freigeist ist er, aßSchweinefleisch, verlor sein Amt,

115Und er zog herum im Lande

Mit geschminkten Comödianten.

In den Buden, auf den Märkten,Spielte er den Pickelhäring,Holofernes, König David,

120Diesen mit dem besten Beifall.

Denn des Königs eigne LiederSang er in des Königs eignerMuttersprache, tremulirendIn des Nigens alter Weise.

125Aus dem Amsterdamer Spielhuis

Zog er jüngst etwelche Dirnen,Und mit diesen Musen zieht erJetzt herum als ein Apollo.

[47] Eine dicke ist darunter,

130Die vorzüglich quikt und grünzelt;

Ob dem großen LorbeerkopfputzNennt man sie die grüne Sau.

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