Der Mohrenkönig

Der Mohrenkönig.

In’s Exil der AlpuxarrenZog der junge Mohrenkönig;Schweigsam und das Herz voll KummerRitt er an des Zuges Spitze.

5Hinter ihm auf hohen Zeltern

Oder auch in güldnen SänftenSaßen seines Hauses Frauen;Schwarze Mägde trägt das Maulthier.

Hundert treue Diener folgen

10Auf arabisch edlen Rappen;

Stolze Gäule, doch die ReiterHängen schlottrig in den Sätteln.

Keine Zymbel, keine Pauke,Kein Gesangeslaut ertönte;

15Nur des Maulthiers Silberglöckchen

Wimmern schmerzlich in der Stille.

[65]Auf der Höhe, wo der Blick

In’s Duero-Thal hinabschweift,Und die Zinnen von Granada

20Sichtbar sind zum letzten Male:

Dorten stieg vom Pferd der KönigUnd betrachtete die Stadt,Die im Abendlichte glänzte,Wie geschmückt mit Gold und Purpur.

25Aber, Allah! Welch ein Anblick!

Statt des vielgeliebten Halbmonds,Prangen Spaniens Kreuz und FahnenAuf den Thürmen der Alhambra.

Ach, bei diesem Anblick brachen

30Aus des Königs Brust die Seufzer,

Thränen überströmten plötzlichWie ein Sturzbach seine Wangen.

Düster von dem hohen ZelterSchaut herab des Königs Mutter,

35Schaut auf ihres Sohnes Jammer,

Und sie schalt ihn stolz und bitter.

[66]„Boabdil el Chico,“ sprach sie,

„Wie ein Weib beweinst du jetzoJene Stadt, die du nicht wußtest

40Zu vertheid’gen wie ein Mann.“

Als des Königs liebste KebsinSolche harte Rede hörte,Stürzte sie aus ihrer SänfteUnd umhalste den Gebieter.

45„Boabdil el Chico,“ sprach sie,

„Tröste dich, mein Heißgeliebter,Aus dem Abgrund deines ElendsBlüht hervor ein schöner Lorbeer.

„Nicht allein der Triumphator,

50Nicht allein der sieggekrönte

Günstling jener blinden Göttin,Auch der blut’ge Sohn des Unglücks,

„Auch der heldenmüth’ge Kämpfer,Der dem ungeheuren Schicksal

55Unterlag, wird ewig leben

In der Menschen Angedenken.“

[67]„Berg des letzten Mohrenseufzers“

Heißt bis auf den heut’gen TagJene Höhe, wo der König

60Sah zum letzten Mal Granada.

Lieblich hat die Zeit erfülletSeiner Liebsten Prophezeiung,Und des Mohrenkönigs NameWard verherrlicht und gefeiert.

65Nimmer wird sein Ruhm verhallen,

Ehe nicht die letzte SaiteSchnarrend losspringt von der letztenAndalusischen Guitarre.

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