Der tugendhafte Hund
[1]Der tugendhafte Hund.
Ein Pudel, der mit gutem FugDen schönen Namen Brutus trug,War vielberühmt im ganzen LandOb seiner Tugend und seinem Verstand.
5Er war ein Muster der Sittlichkeit,
Der Langmuth und Bescheidenheit.Man hörte ihn loben, man hörte ihn preisen,Als einen vierfüßigen Nathan den Weisen.Er war ein wahres Hundejuwel!
10So ehrlich und treu! eine schöne Seel’!
Auch schenkte sein Herr in allen StückenIhm volles Vertrauen, er konnte ihn schickenSogar zum Fleischer. Der edle HundTrug dann einen Hängekorb im Mund,
15[2]Worin der Metzger das schöngehackte
Rindfleisch, Schaffleisch, auch Schweinefleisch packte –Wie lieblich und lockend das Fett gerochen,Der Brutus berührte keinen Knochen,Und ruhig und sicher, mit stoischer Würde,
20Trug er nach Hause die kostbare Bürde.
Doch unter den Hunden wird gefundenAuch eine Menge von Lumpenhunden –Wie unter uns – gemeine Köter,Tagdiebe, Neidharde, Schwerenöther,
25Die ohne Sinn für sittliche Freuden
Im Sinnenrausch ihr Leben vergeuden!Verschworen hatten sich solche RackerGegen den Brutus, der treu und wackerMit seinem Korb im Maule nicht
30Gewichen von dem Pfad der Pflicht –
[3]Und eines Tages, als er kam
Vom Fleischer und seinen Rückweg nahmNach Hause, da ward er plötzlich von allenVerschwornen Bestien überfallen;
35Da ward ihm der Korb mit dem Fleisch entrissen,
Da fielen zu Boden die leckersten Bissen,Und fraßbegierig über die BeuteWarf sich die ganze hungrige Meute –Brutus sah anfangs dem Schauspiel zu,
40Mit philosophischer Seelenruh’;
Doch als er sah, daß solchermaßenSämmtliche Hunde schmausten und fraßen,Da nahm auch er an der Mahlzeit theilUnd speiste selbst eine Schöpsenkeul’ –
[4]"]}' id="mwaQ"> Moral.
45Auch du, mein Brutus, auch du, du frißt?
So ruft wehmüthig der Moralist.Ja, böses Beyspiel kann verführen;Und ach! gleich allen Säugethieren,Nicht ganz und gar vollkommen ist
50Der tugendhafte Hund – er frißt!
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