Nachtgedanken (Heine)

Denk ich an Deutschland in der Nacht,Dann bin ich um den Schlaf gebracht,Ich kann nicht mehr die Augen schließen,Und meine heißen Thränen fließen.

5Die Jahre kommen und vergehn!

Seit ich die Mutter nicht gesehnZwölf Jahre sind schon hingegangen;Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.

10Die alte Frau hat mich behext,

Ich denke immer an die alte,Die alte Frau, die Gott erhalte!

[275]Die alte Frau hat mich so lieb,

Und in den Briefen, die sie schrieb,

15Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,

Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.Zwölf lange Jahre floßen hin,Zwölf lange Jahre sind verflossen,

20Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,Es ist ein kerngesundes Land,Mit seinen Eichen, seinen Linden,Werd’ ich es immer wiederfinden.

25Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,

Wenn nicht die Mutter dorten wär’;Das Vaterland wird nie verderben,Jedoch die alte Frau kann sterben.

[276]Seit ich das Land verlassen hab’,

30So viele sanken dort in’s Grab,

Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der ZahlSchwillt immer höher meine Qual,

35Mir ist als wälzten sich die Leichen

Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster brichtFranzösisch heit’res Tageslicht;Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,

40Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

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