Prinzessin Sabbath

Prinzessin Sabbath.

In Arabiens MährchenbucheSehen wir verwünschte Prinzen,Die zu Zeiten ihre schöneUrgestalt zurückgewinnen:

5Das behaarte Ungeheuer

Ist ein Königssohn geworden;Schmuckreich glänzend angekleidet,Auch verliebt die Flöte blasend.

Doch die Zauberfrist zerrinnt,

10Und wir schauen plötzlich wieder

Seine königliche HoheitIn ein Ungethüm verzottelt.

Einen Prinzen solchen SchicksalsSingt mein Lied. Er ist geheißen

15Israel. Ihn hat verwandelt

Hexenspruch in einen Hund.

[206]Hund mit hündischen Gedanken,

Kötert er die ganze WocheDurch des Lebens Koth und Kehricht,

20Gassenbuben zum Gespötte.

Aber jeden Freitag Abend,In der Dämmrungstunde, plötzlichWeicht der Zauber, und der HundWird aufs Neu’ ein menschlich Wesen.

25Mensch mit menschlichen Gefühlen,

Mit erhobnem Haupt und Herzen,Festlich, reinlich schier gekleidet,Tritt er in des Vaters Halle.

„Sei gegrüßt, geliebte Halle

30Meines königlichen Vaters!

Zelte Jakob’s, Eure heil’genEingangspfosten küßt mein Mund!“

Durch das Haus geheimnißvollZieht ein Wispern und ein Weben,

35Und der unsichtbare Hausherr

Athmet schaurig in der Stille.

[207]Stille! Nur der Seneschall

(Vulgo Synagogendiener)Springt geschäftig auf und nieder,

40Um die Lampen anzuzünden.

Trostverheißend goldne Lichter,Wie sie glänzen, wie sie glimmern!Stolz aufflackern auch die KerzenAuf der Brüstung des Almemors.

45Vor dem Schreine, der die Thora

Aufbewahret, und verhängt istMit der kostbar seidnen Decke,Die von Edelsteinen funkelt –

Dort an seinem Betpultständer

50Steht schon der Gemeindesänger;

Schmuckes Männchen, das sein schwarzesMäntelchen kokett geachselt.

Um die weiße Hand zu zeigen,Haspelt er am Halse, seltsam

55An die Schläf’ den Zeigefinger,

An die Kehl’ den Daumen drückend.

[208]Trällert vor sich hin ganz leise,

Bis er endlich lautaufjubelndSeine Stimm’ erhebt und singt:

60Lecho Daudi Likras Kalle!

Lecho Daudi Likras Kalle –Komm’, Geliebter, deiner harretSchon die Braut, die dir entschleiertIhr verschämtes Angesicht!

65Dieses hübsche Hochzeitcarmen

Ist gedichtet von dem großen,Hochberühmten MinnesingerDon Jehuda ben Halevy.

In dem Liede wird gefeiert

70Die Vermählung Israels

Mit der Frau Prinzessin Sabbath,Die man nennt die stille Fürstin.

Perl’ und Blume aller SchönheitIst die Fürstin. Schöner war

75Nicht die Königin von Saba,

Salomonis Busenfreundin,

[209]Die, ein Blaustrumpf Aethiopiens,

Durch Esprit brilliren wollte,Und mit ihren klugen Räthseln

80Auf die Länge fatigant ward.

Die Prinzessin Sabbath, welcheJa die personifizirteRuhe ist, verabscheut alleGeisteskämpfe und Debatten.

85Gleich fatal ist ihr die trampelnd

Declamirende Passion,Jenes Pathos, das mit flatterndAufgelöstem Haar einherstürmt.

Sittsam birgt die stille Fürstin

90In der Haube ihre Zöpfe;

Blickt so sanft wie die Gazelle,Blüht so schlank wie eine Addas.

Sie erlaubt dem Liebsten alles,Ausgenommen Tabakrauchen –

95„Liebster! rauchen ist verboten,

Weil es heute Sabbath ist.

[210]„Dafür aber heute Mittag

Soll dir dampfen, zum Ersatz,Ein Gericht, das wahrhaft göttlich –

100Heute sollst du Schalet essen!“

Schalet, schöner Götterfunken,Tochter aus Elysium!Also klänge Schiller’s Hochlied,Hätt’ er Schalet je gekostet.

105Schalet ist die Himmelspeise,

Die der liebe Herrgott selberEinst den Moses kochen lehrteAuf dem Berge Sinai,

Wo der Allerhöchste gleichfalls

110All die guten Glaubenslehren

Und die heil’gen zehn GeboteWetterleuchtend offenbarte.

Schalet ist des wahren GottesKoscheres Ambrosia,

115Wonnebrod des Paradieses,

Und mit solcher Kost verglichen

[211]Ist nur eitel Teufelsdreck

Das Ambrosia der falschenHeidengötter Griechenlands,

120Die verkappte Teufel waren.

Speist der Prinz von solcher Speise,Glänzt sein Auge wie verkläret,Und er knöpfet auf die Weste,Und er spricht mit sel’gem Lächeln:

125„Hör’ ich nicht den Jordan rauschen?

Sind das nicht die BrüßelbrunnenIn dem Palmenthal von Beth-El,Wo gelagert die Kameele?

„Hör ich nicht die Heerdenglöckchen?

130Sind das nicht die fetten Hämmel,

Die vom Gileath-GebirgeAbendlich der Hirt herabtreibt?“

Doch der schöne Tage verflittert;Wie mit langen Schattenbeinen

135Kommt geschritten der Verwünschung

Böse Stund’ – es seufzt der Prinz.

[212]Ist ihm doch als griffen eiskalt

Hexenfinger in sein Herze.Schon durchrieseln ihn die Schauer

140Hündischer Metamorphose.

Die Prinzessin reicht dem PrinzenIhre güldne Nardenbüchse.Langsam riecht er – Will sich labenNoch einmal an Wohlgerüchen.

145Es kredenzet die Prinzessin

Auch den Abschiedstrunk dem Prinzen –Hastig trinkt er, und im BecherBleiben wen’ge Tropfen nur.

Er besprengt damit den Tisch,

150Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht,

Und er tunkt es in die Nässe,Daß es knistert und erlischt.

Comments

Loading comments…