Sonnenuntergang

Die glühend rothe Sonne steigtHinab in’s weitaufschauernde,Silbergraue Weltmeer;Luftgebilde, rosig angehaucht,

Wallen ihr nach, und gegenüber,

Aus herbstlich dämmernden Wolkenschleiern,Ein traurig todtblasses Antlitz,Bricht hervor der Mond,Und hinter ihm, Lichtfünkchen,

Nebelweit, schimmern die Sterne.

Einst am Himmel glänzten,Ehlich vereint,Luna, die Göttin, und Sol, der Gott,Und es wimmelten um sie her die Sterne,

Die kleinen, unschuldigen Kinder.

[314] Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt,Und es trennte sich feindlichDas hohe, leuchtende Eh’paar.

Jetzt am Tage, in einsamer Pracht,

Ergeht sich dort oben der Sonnengott,

Ob seiner HerrlichkeitAngebetet und vielbesungenVon stolzen, glückgehärteten Menschen.Aber des Nachts

Am Himmel wandelt Luna,

Die arme MutterMit ihren verwaisten Sternenkindern,Und sie glänzt in stummer Wehmuth,Und liebende Mädchen und sanfte Dichter

Weihen ihr Thränen und Lieder.

Die weiche Luna! Weiblich gesinntLiebt sie noch immer den schönen Gemahl.Gegen Abend, zitternd und bleich,Lauscht sie hervor aus leichtem Gewölk,

Und schaut nach dem Scheidenden, schmerzlich,

Und möchte ihm ängstlich rufen: „Komm!Komm! die Kinder verlangen nach Dir –“Aber der trotzige Sonnengott,[315] Bei dem Anblick der Gattin erglüht’ er

In doppeltem Purpur,

Vor Zorn und Schmerz,Und unerbittlich eilt er hinabIn sein fluthenkaltes Wittwerbett.

Böse, zischelnde Zungen

Brachten also Schmerz und Verderben

Selbst über ewige Götter.Und die armen Götter, oben am HimmelWandeln sie, qualvoll,Trostlos unendliche Bahnen,

Und können nicht sterben,

Und schleppen mit sichIhr strahlendes Elend.

Ich aber, der Mensch,Der niedriggepflanzte, der Tod-beglückte,

Ich klage nicht länger.

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