Der Sänger (Goethe 1827)

Der Sänger.

Was hör’ ich draußen vor dem Thor,Was auf der Brücke schallen?Laß den Gesang vor unserm OhrIm Saale wiederhallen!

5Der König sprach’s, der Page lief;

Der Knabe kam, der König rief:Laßt mir herein den Alten!

Gegrüßet seyd mir, edle Herrn,Gegrüßt ihr, schöne Damen!

10Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!

Wer kennet ihre Namen?Im Saal voll Pracht und HerrlichkeitSchließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,Sich staunend zu ergetzen.

15Der Sänger drückt’ die Augen ein,

Und schlug in vollen Tönen;Die Ritter schauten muthig drein,Und in den Schoos die Schönen.Der König, dem das Lied gefiel,

20Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,

Eine goldne Kette reichen.

Die goldne Kette gib mir nicht,Die Kette gib den Rittern,Vor deren kühnem Angesicht

25Der Feinde Lanzen splittern;

Gib sie dem Kanzler, den du hast,Und laß ihn noch die goldne LastZu andern Lasten tragen.

Ich singe wie der Vogel singt,

30Der in den Zweigen wohnet;

Das Lied, das aus der Kehle dringt,Ist Lohn, der reichlich lohnet.Doch darf ich bitten, bitt’ ich eins:Laß mir den besten Becher Weins

35In purem Golde reichen.

Er setzt’ ihn an, er trank ihn aus:O Trank voll süßer Labe!O wohl dem hochbeglückten Haus,Wo das ist kleine Gabe!

40Ergeht’s euch wohl, so denkt an mich,

Und danket Gott so warm, als ichFür diesen Trunk euch danke.

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