Reue (Goethe)

Reue.

Altspanisch.

Jüngling.

Nur fort, du braune Hexe, fort!Aus meinem gereinigten Hause,Daß ich dich, nach dem ersten Wort,Nicht zause.

5Was singst du hier für Heucheley,

Von Lieb’ und stiller Mädchentreu?Wer mag das Mährchen hören!

Zigeunerinn.

Ich singe von des Mädchens Reu,Und langem heißem Sehnen,

10Denn Leichtsinn wandelte sich in Treu

Und Thränen.Sie fürchtet der Mutter Drohen nicht mehr,Sie fürchtet des Bruders Faust nicht so sehr,Als den Haß des herzlich Geliebten.

Jüngling.

15 Von Eigennutz sing’ und von Verrath,

Von Mord und diebischem Rauben,Man wird dir jede falsche ThatWohl glauben.Wenn sie Beute vertheilt, Gewand und Gut,

20Schlimmer als je ihr Zigeuner thut,

Das sind gewohnte Geschichten.

Zigeunerinn.

„Ach weh! ach weh! was hab’ ich gethan!Was hilft mich nun das LauschenIch hör’ an meine Kammer heran,

25Ihn rauschen.

Da klopfte mir doch das Herz, ich dacht:O hättest du doch die LiebesnachtDer Mutter nicht verrathen!“

Jüngling.

Ach leider! trat ich auch einst hinein,

30Und ging verführt im stillen:

Ach Süßchen laß mich zu dir ein,Mit Willen.Doch gleich entstand ein Lärm und Geschrey,Es rannten die tollen Verwandten herbey,

35Noch siedet das Blut mir im Leibe.

Zigeunerinn.

„Kommt nun dieselbige Stunde zurück,Wie still michs kränket und schmerzet!Ich habe das nahe, das einzige GlückVerscherzet.

40Ich armes Mädchen ich war zu jung,

Es war mein Bruder verrucht genungSo schlecht an dem Liebsten zu handeln.“

Der Dichter.

So ging das schwarze Weib in das Haus,In den Hof zur springenden Quelle,

45Sie wusch sich heftig die Augen aus,

Und helleWard Aug’ und Gesicht, und, weiß und klar,Stellt sich die schöne Müllerinn dar,Dem erstaunt, erzürnten Knaben.

Müllerinn.

50 Ich fürchte fürwahr dein erzürnt Gesicht,

Du Süßer, Schöner und Trauter!Und Schläg’ und Messerstiche nicht,Nur lauterSag ich von Schmerz und Liebe dir,

55Und will zu deinen Füßen hier,

Nun leben oder auch sterben.

Jüngling.

O Neigung sage wie hast du so tiefIm Herzen dich verstecket?Wer hat dich, die verborgen schlief,

60Gewecket?

Ach Liebe du wohl unsterblich bist!Nicht kann Verrath und hämische ListDein göttlich Leben tödten.

Müllerinn.

Liebst du mich noch so hoch und sehr,

65Wie du mir sonst geschworen,

So ist uns beyden auch nichts mehrVerlohren.Nimm hin das vielgeliebte Weib!Den jungen, unberührten Leib,

70Es ist nun alles dein eigen!

Jüngling.

Nun Sonne geh hinab und hinauf,Ihr Sterne leuchtet und dunkelt!Es geht ein Liebesgestirn mir aufUnd funkelt.

75Solange die Quelle springt und rinnt,

Solange bleiben wir gleichgesinnt,Eins an des anderen Herzen.

Comments

Loading comments…