Triumph der Tugend, Zwote Erzählung

[44]Triumph der Tugend

Zwote Erzählung.

Ich fand mein Mädgen einst alleinAm Abend so, wie ich sie selten finde.Entkleidet sah ich sie; dem guten KindeFiel es nicht ein,

5Daß ich so nahe bey ihr seyn,

Neugierig sie betrachten könnte.Was sie mir nie zu sehn vergönnte,

[45]Des Busens volle Blüten wies

Sie dem verschwiegnen kalten Spiegel, ließ

10Das Haar getheilt von ihrem Scheitel fallen,

Wie Rosenzweig’ um Knospen, um den Busen wallen.

Ganz auser mir vom niegefundnen Glükk’Sprang ich hervor; Jedoch wie schmollteSie, da ich sie umarmen wollte.

15[46]Zorn spraih ihr furchtsam wilder Blikk,

Die eine Hand sties mich zurükk,Die andre dekte das, was ich nicht sehen sollte.Geh, rief sie, soll ich deine Kühnheit dirVerzeyhen; eile weg von hier.

20Ich, fliehn? Von heisser Glut durchdrungen -

Ohnmöglich - Diese schöne ZeitVon sich zu stosen! Die Gelegenheit

[47]Kömmt nicht so leicht zurück. Voll Zärtlichkeit

Den Arm um ihren Hals gezwungen, stand

25Ich neben ihrem Sessel, meine warme Hand

Auf ihrem heissen Busen, den zuvorSie nie berühret. Hoch emporStieg er und trug die Hand mit sich empor

Dann sank mit einem tiefen Athemzug

[48] er wieder,

30Und zog die Hand mit sich hernieder.

So stand Dianens Jäger muthig da,Triumph gen Himmel hauchend, als er sah,Was ungestraft kein Sterblicher noch sah.

Mein Mädgen schwieg, und sah mich an; ein Zeichen,

35Die Grausamkeit fieng’ an sich zu erweichen,

[49]Geschmolzen durch die Fühlbarkeit.

O Mädgen, soll mit list’gen StreichenKein Jüngling seinen Zweck erreichen,So müßt ihr niemals ruhig schweigen,

40Wenn ihr mit ihm alleine seyd.

Mein Arm umschlang mit angestrengten SehnenDie weiche Hüfte. Fast - fast - doch des Sieges LaufHielt schnell ein glüh’nder Strom von Thränen

[50] Unwiderstehlich auf.

Sie stürzt mir um den Hals, rief schluchsend: Rette

45Mich unglükseelige, die niemand retten kann

Als du geliebter. Gott! ach hätteDir nie diß Herz gebrandt! Ich sah dich, da begannMein Elend; Bald, bald ist’s vollendet.O Mutter, welchen Lohn

50Gab ich den treuen Lehren, die du mir

[51] verschwendet,

Diß Herz zu bilden! Musste sich dein DrohnSo fürchterlich erfüllen:Würd’ ich eine ThatVor dir verhüllen,

55Deinen Rath

Verachten, selbst mich weise dünken;Würd’ ich versinken.Ich sinke schon; o rette mich! -Sey stark mein Freund, o rette dich!

60Wir beyde sind verlohren - Freund, Erbarmen!

[52]Noch hielt ich sie in meinen Armen.

Sie sah voll Angst rings um sich her.Wie Wellen auf dem Meer,Deß Grund erbebte, schlug die Brust, dem Munde

65Entrauscht’ ein Sturm. Sie seufzte: Unschuld - ach wie klang

Diß Wort so lieblich, wenn in mitternächt’ger Stunde

An meinem Haupt’ es mir mein Engel

[53]sang.

Jetzt rauscht’s wie ein Gewitterton vorüber.Sie rief’s. Es ward ihr Auge trüber,

70Sah sternen an. Sie betet: Sieh

Aus deiner Unschuldswohnung, Herr, auf mich herüber,Erbarme dich! EntziehDer reissenden Gefahr mich. DuVermagst’s allein; der ist zu schwach dazu,

75Der Mensch, zu dem ich vor dir betete.

[54]Naht euch, Verführer, deren Wange nie

Von heilgem Graun erröthete,Wenn eure Hand gefühllos, wieDie Schnitter Blumen, Unschuld tödete,

80Und euer Siegerfuß darüber tretend, sie

Durch Hohn zum zweyten Male tödete,Naht euch. Betrachtet hieDer Vielgeliebten Thränen rollen;Hört ihre Seufzer, hört die feuervollen

85Gebete. Wehe dem, der dann

Noch einen Wunsch zu ihrem Elend wollen,

[55]Noch einen Schritt zum Raube wagen kann!

Es sank mein Arm, aus ihm zur Erd’ sie nieder,

90Ich betet’, weint’, und riß mich los, und floh.

Den nächsten Tag fand ich sie wiederBey ihrer Mutter, als sie froh,

[56]Der freudbethränten Mutter Unschuldslieder,

Mit Engelstimmen sang.

95O Gott, wie drang ein Wonnestrahl durch’s Herz mir! Nieder

Zur Erde blikkend standIch da. Sie fasst mich bey der Hand,Führt mich vertraulich auf die Seite,Und sprach: Dank es dem harten Streite,

100Daß du zur Sonn’ unschuldig blikst,

Bey’m Anblick jener heil’gen nicht erschrikst,

[57]Mich nicht verachtend von dir schikst.

Freund, dieses ist der Tugend Lohn;O, wärst du gestern thränend nicht entflohn,

105Du sähst mich heute

Und ewig nie mit Freude.

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