Vermächtniß (Goethe)
[261] Vermächtniß.
Kein Wesen kann zu nichts zerfallen,Das Ew’ge regt sich fort in allen,Am Seyn erhalte dich beglückt!Das Seyn ist ewig, denn Gesetze
5Bewahren die lebend’gen SchätzeAus welchen sich das All geschmückt.
Das Wahre war schon längst gefunden,Hat edle Geisterschaft verbunden,Das alte Wahre fass’ es an.
10Verdank’ es, Erdensohn, dem WeisenDer ihr die Sonne zu umkreisenUnd dem Geschwister wies die Bahn.
Sofort nun wende dich nach innen,Das Centrum findest du da drinnen
15Woran kein Edler zweifeln mag.Wirst keine Regel da vermissen,Denn das selbstständige GewissenIst Sonne deinem Sittentag.
[262]Den Sinnen hast du dann zu trauen,20Kein Falsches lassen sie dich schauenWenn dein Verstand dich wach erhält.Mit frischem Blick bemerke freudig,Und wandle, sicher wie geschmeidig,Durch Auen reichbegabter Welt.
25Genieße mäßig Füll’ und Segen,Vernunft sey überall zugegenWo Leben sich des Lebens freut.Dann ist Vergangenheit beständig,Das Künftige voraus lebendig,
30Der Augenblick ist Ewigkeit.
Und war es endlich dir gelungen,Und bist du vom Gefühl durchdrungen:Was fruchtbar ist allein ist wahr;Du prüfst das allgemeine Walten,
35Es wird nach seiner Weise schalten,Geselle dich zur kleinsten Schaar.
Und wie von Alters her, im stillen,Ein Liebewerk, nach eignem Willen,Der Philosoph, der Dichter schuf;
40So wirst du schönste Gunst erzielen;Denn edlen Seelen vorzufühlenIst wünschenswerthester Beruf.
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