Liederkreis Op. 39 (Schumann)
Aus der Heimat hinter den Blitzen rotda kommen die Wolken her,aber Vater und Mutter sind lange tot,es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,da ruhe ich auch, und über mirrauscht die schöne Waldeinsamkeit.und keiner kennt mich mehr hier.
Dein Bildnis wunderselighab’ ich im Herzensgrund,das sieht so frisch und fröhlichmich an zu jeder Stund’.
Mein Herz still in sich singetein altes, schönes Lied,das in die Luft sich schwingetund zu dir eilig zieht.
„Es ist schon spät, es ist schon kalt,[1]was reit’st du einsam durch den Wald?der Wald ist lang, du bist allein,du schöne Braut! Ich führ’ dich heim!“
„Gross ist der Männer Trug und List,vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,wohl irrt das Waldhorn her und hin,o flieh’! du weisst nicht, wer ich bin.“
„So reich geschmückt ist Ross und Weib,so wunderschön der junge Leib,jetzt kenn’ ich dich, Gott steh mir bei!Du bist die Hexe Loreley!“
„Du kennst mich wohl, von hohem Steinschaut still mein Schloss tief in den Rhein.Es ist schon spät, es ist schon kalt,kommst nimmermehr aus diesem Wald!“
Es weiss und rät es doch keiner,wie mir so wohl ist, so wohl!Ach, wüsst’ es nur einer, nur einer,kein Mensch es sonst wissen soll!
So still ist’s nicht draussen im Schnee,so stumm und verschwiegen sinddie Sterne nicht in der Höh’,als meine Gedanken sind.
Ich wünscht’, ich wär’ ein Vögleinund zöge über das Meer,wohl über das Meer und weiter,bis dass ich im Himmel wär’!
Es weiss und rät es doch keiner,wie mir so wohl ist, so wohl!Ach, wüsst’ es nur einer, nur einer,kein Mensch es sonst wissen soll.
Es war, als hätt’ der Himmeldie Erde still geküsst,dass sie im Blütenschimmervon ihm nur träumen müsst!
Die Luft ging durch die Felder,die Ähren wogten sacht,es rauschten leis’ die Wälder,so sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannteweit ihre Flügel aus,flog durch die stillen Lande,als flöge sie nach Haus’.
Es rauschen die Wipfel und schauern,als machten zu dieser Stund’um die halb versunkenen Mauerndie alten Götter die Rund’.
Hier hinter den Myrtenbäumenin heimlich dämmernder Pracht,was sprichst du wirr wie in Träumen,zu mir, phantastische Nacht?
Es funkeln auf mich alle Sternemit glühendem Liebesblick,es redet trunken die Fernewie von künftigem großem Glück!
Eingeschlafen auf der Laueroben ist der alte Ritter;drüber gehen Regenschauer,und der Wald rauscht durch das Gitter.
Eingewachsen Bart und Haare,und versteinert Brust und Krause,sitzt er viele hundert Jahreoben in der stillen Klause.
Draussen ist es still und friedlich,alle sind ins Tal gezogen,Waldesvögel einsam singenin den leeren Fensterbogen.
Eine Hochzeit fährt da untenauf dem Rhein im Sonnenscheine,Musikanten spielen munter,und die schöne Braut, die weinet.
Ich hör’ die Bächlein rauschen,im Walde her und hin,im Walde in dem Rauschen,ich weiss nicht, wo ich bin.
Die Nachtigallen schlagenhier in der Einsamkeit,als wollten sie was sagenvon der alten schönen Zeit.
Die Mondesschimmer fliegen,als säh’ ich unter mirdas Schloss im Tale liegen,und ist doch so weit von hier!
Als müsste in dem Garten,voll Rosen weiss und rot,meine Liebste auf mich warten,und ist doch so lange tot.
Ich kann wohl manchmal singen,als ob ich fröhlich sei,doch heimlich Tränen dringen,da wird das Herz mir frei.
Es lassen Nachtigallen,spielt draussen Frühlingsluft,der Sehnsucht Lied erschallenaus ihres Kerkers Gruft.
Da lauschen alle Herzen,und alles ist erfreut,doch keiner fühlt die Schmerzen,im Lied das tiefe Leid.
Dämm’rung will die Flügel spreiten,schaurig rühren sich die Bäume,Wolken zieh’n wie schwere Träume –was will dieses Grau’n bedeuten?
Hast ein Reh du, lieb vor andern,lass es nicht alleine grasen,Jäger zieh’n im Wald und blasen,Stimmen hin und wieder wandern.
Hast du einen Freund hienieden,trau’ ihm nicht zu dieser Stunde,freundlich wohl mit Aug’ und Munde,sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.
Was heut’ gehet müde unter,hebt sich morgen neugeboren.Manches geht in Nacht verloren –hüte dich, sei wach und munter.
Es zog eine Hochzeit den Berg entlang,ich hörte die Vögel schlagen,da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang,das war ein lustiges Jagen!
Und eh’ ich’s gedacht, war alles verhallt,die Nacht bedecket die Runde,nur von den Bergen noch rauschet der Waldund mich schauert’s im Herzensgrunde.
Überm Garten durch die Lüftehört’ ich Wandervögel ziehn,das bedeutet Frühlingsdüfte,unten fängt’s schon an zu blüh’n.
Jauchzen möcht’ ich, möchte weinen,ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!Alte Wunder wieder scheinenmit dem Mondesglanz herein.
Und der Mond, die Sterne sagen’s,und im Traume rauscht’s der Hain,und die Nachtigallen schlagen’s:„Sie ist deine, sie ist dein!“
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