Gebet (Kraus)

Du großer Gott, laß mich nicht Zeuge sein!Hilf mir hinab ins Unbewußte.Daß ich nicht sehen muß, wie sie mit Weinzur Not ersetzen ihre Blutverluste.

5Du großer Gott, vertreib mir diese Zeit!

Hilf mir zurück in meine Kindheit.Der Weg zum Ende ist ja doch so weit,und wie die Sieger schlage mich mit Blindheit.

Du großer Gott, so mach den Mund mir stumm!

10Nicht sprechen will ich ihre Sprache.

Erst machen sie sich tot und dann noch dumm,es lügt ihr Haß, nimmt an der Wahrheit Rache.

Du großer Gott, der den Gedanken gab,ihr Wort hat ihm den Rest gegeben.

15Ihr Wort ist allem Werte nur ein Grab,

selbst Tat und Tod kam durch das Wort ums Leben.

Du großer Gott, verschließ dem Graus mein Ohr,die Weltmusik ist ungeheuer!Dem armen Teufel in der Hölle fror,

20er fühlt sich wohl in diesem Trommelfeuer.

[17] Du großer Gott, der die Erfinder schufund Odem haucht’ in ihre Nasen,schufst du die Kreatur zu dem Beruf,daß sie dir dankt mit ihren giftigen Gasen?

25Du großer Gott, warum beriefst du mich

in diese gottverlassene Qualzeit?Strafst du mit Hunger, straflos setzte sichder Wucher zu der fetten Totenmahlzeit.

Du großer Gott, warum in dieser Frist,

30wozu ward ich im blutigen Hause,

wo jeder, der noch nicht getötet ist,sich fröhlich setzt zu seinem Leichenschmause?

Du großer Gott, dies Land ist ein Plakat,auf dem sie ihre Feste malen

35mit Blut. Ihr Lied übt an dem Leid Verrat,

der Mord muß für die Hetz’ die Zeche zahlen.

Du großer Gott, hast du denn aus GemütVampyre dieser Welt erschaffen?Befrei mich aus der Zeit, aus dem Geblüt,

40unseligem Volk von Henkern und Schlaraffen!

Du großer Gott, erobere mir ein Land,wo Menschen nicht am Gelde sterben,und wo im ewig irdischen Bestandsie lachend nicht die reiche Schande erben!

45Du großer Gott, kennst du die Mittel nicht,

die diese Automaten trennten,wenn sie sich trotz dem letzten Kriegsgerichtbedrohen mit Granaten und Prozenten?

[18] Du großer Gott, raff mich aus dem Gewühl!

50Führ mich durch diese blutigen Räume.

Verwandle mir die Nacht zu dem Gefühl,daß ich von deinem jüngsten Tage träume.

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