Ode an Zeesen

[53]Ode an Zeesen.

(Für Dr. Ernst Goldschmidt)

Aus Jupiters Hand geschleudertDonnerkeilIm JuligewitterMein steinernes Herz

5Du glühst nicht mehr –

[54]Aus den Sternen gestürzt

Aus den Wolken geschüttetBruchWolkenbruch

10Blitz

DonnerAufschlagend am FeldsteinRegenbogenVerwirrt im Dorngesträuch

15Du siebenfarbener Schleier

ZerfetztIhr kleinen HeckenrosenIhr willigen TrösterinnenIhr haltet das flatternde Band der Tristitia.

20Verwundet

VerwundertErblicktZwischen zwei ragenden FöhrenDas graue Auge

25Den goldenen Tag

Blauer SeeBlauer lauer SeeMückensingsongLinde Ufer

30Und der Winde Rufer

Springen durch das KornUnter ihren kühlen SohlenBeugen die heißen Halme sich zärtlichRichten sich zärtlich auf

35Und winken

Dem so herrlich taumelnden Mittagswinde nach.

Drüben vom JenseitsDrüben vom Jenseits des SeesRuft der Kuckuck

40Allen Lebenden ruft der Kuckuck

Tausend lebendige Jahre zu.

Hinein mit einem HechtsprungZu den Hechten und BarschenHinaus aus den Binsen

45In die schaumige Weite

Aufscheuchend die FröscheWelche geblähter KehleDie Liebe locken die Liebste lockenVoll geiler Gier

50Fische selbst und faulendes Holz bespringen

Denn es rast die Liebe in den GeschöpfenKitty die Hündin ist läufigUnd Bodo der HundJault die Tage und Nächte nach ihr

55Nimmt das Fressen nicht und magert bis auf die Rippen

Auf dem Dachfirch schnäbeln die TaubenIm WasserTanzt der Gründlinge silberner ReigenIm Schilf

60Jagen und jachtern blauschillernde Libellen

Und auf den Wogen des SeesSieh die Taucher schlank weißlichen Halses mit gelbem KropfImmer zu zweitSegeln die Liebenden

65Und auf dem Rücken trägt sorglich die Mutter

Die flaumige Zukunft das krächzende Kind.

Auch wirMädchenGeliebte

70Frau

MenschImmer zu zweit zu zweit seit zweien JahrenSchwimmen wir auf den Wassern des LebensAuf den Zeesener Gewässern

75Dahme Middelwede und großer Peetz.

[55]Aus dem Luch

Erhebt sich ein Wind der wie Fuchs auf der Lauer lagZwischen Heidelbeerkraut und MoosenEr springt dem See in den silbernen Nacken

80Daß die Gischt aufspritzt wie weißes Blut

Es wogen die WellenEs wogen die BinsenEs wogen die FelderEs wogen die Wipfel der Bäume

85Wir selber treiben auf den Wellen

Wie Wasser Gras und BuchenkroneAuf und niederAuf und niederAuf und nieder.

90Zurück an den Strand

Jetzt Sonne recke den feurigen SchildUeber unsre dampfenden LeiberZu heiß du flammender Ritter trifft uns dein roter SpeerIhr schattenden Bäume

95Vom Borkenkäfer durchwandert

Vom Specht beklopftIhr schattet mein müdesIm Zittergras versinkendes HauptIhr fächelt mit euren grünen Armen

100Mit euren blättrigen Händen

Mir Trost und Vergessen zuSei bedanktGeliebtes GeschwisterAkazie

105Wie gerne starb ich den Schlaf

In deinen kühlen ArmenWie gerne will ich den TodEinst in deinen Armen verschlafenWill ich in deinem feuchten Schatten

110Ach noch viele Ewigkeiten verschlafen

Wenn die grelle MittagssommersonneDie gemähte Stoppelwiese dörrtUnd zu meinen FüßenDämmert verdämmert Bodo der Hund.

115He Bodo

Hierher BodoWolfssohnWillst du wohl die Gänse nicht scheuchenDie heiligen Träger des Daunenschlafes

120Die gütigen Behälter des Gänsefettes

Wackelnd mit den feisten dermaleinst gebratenen Gänsekeulen.

Ganz von fern wie ferner KriegRollenAuf der Königswusterhausener Bahn die Güterzüge.

125Und ich sitze nackt auf der Veranda

Wie des Sommers GottSitz ich nackt und faul auf der VerandaViolett umblühen mich BethulienMich umtanzen

130Dicke Fliegen Filigran von Mücken

Pfauenauge und ZitronenfalterUnd ich hock und freß wie ein Kaninchen

[56]Frischen mildesten Salat

Kohlrabi

135Auch gezuckerte Johannisbeeren

Und danach ein GlasErdbeerbowleWie ein MenschWie ein Gott

140Und ich sitz und schwitz und freß und sauf

Und ich denk und träumeNichtsTräum und denk das Nichts vom Nichts des NichtsesBin am Ende meiner Kräfte

145Und am Anfang aller Seeligkeit.

Hochbeladen mit dem gelben KornSchwankt der Wagen in die ScheuneUnd das brave Pferd umspringen bellendSieben schwarz und weiße Wolleknäuel

150Sieben Terrier Bosko Fatty Step

Tipsy Kitty Bill und FapAus dem offenen Stall fegt eine SchwalbeDrin im Stalle säugt die Kuh das Kälbchen.

Zwischen Bäumen

155Wachsen schlanke steile dünne Eisensäulen

In den HorizontDie Funktürme von KönigswusterhausenHier Königswusterhausen auf Welle 1300Achtung Achtung Achtung

160Der Dichter Klabund spricht eigene Verse.

Er spricht mit abgehackter blecherner StimmeDieweil er im Grase liegt – Das rechte Ohr an die Erde gepreßtHorcht er auf den Herzschlag der ErdeUnd auf den Wanderschritt des Maulwurfs

165Er wirft die Worte in die Luft

Wie nicht entzündete RaketenSie brennen nichtSie leuchten nichtSie fallen zischend ins feuchte Gras

170Achtung Achtung Achtung

Hochachtung Hochachtung HochachtungGanz besondre HochachtungIhm lauscht kein Mensch kein Wesen kein TierDie Luft spielt mit den Worten wie mit Brennesselsamen

175Sie weht sie da und dorthin

Einige Participia bleiben in einer Koniphere hängenEin strahlendes Adjektiv treibt Bauch nach oben wie ein toter Fisch im See.

Aber ein liebliches PräpositumFiel in einen Baumritz

180Einer Dryade in die Augenbrauen

Und kitzelte sie aus dem SchlafZierlich trat sie aus dem dunklen Baumstamm ins grelle LichtUnd stand geblendet –Da begannen die Grillen zu zirpen

185Die Heuschrecken musikalisch ihre Hinterbeine zu reiben

[57]Und der Jazz des Sommers rauschte auf

Meckernd fielen die Ziegen einDie Kuh blökte die Hunde bellten die Gänse schnattertenIn der Ferne Gewittergrollen

190Die dumpfe Pauke des Donners

Gott sitzt am SchlagzeugYes Sir that’s my babyDa stampfte die entfesselte Dryade den CharlestonDie braunen rötlich überkupferten Haare fielen ihr mähnig über die Stirn

195Wie einem Pony.

Tanz stampf tritt den BodenTritt die Erde daß sie dir untertan seiDie Erde dem WeibeWie seit Urbeginn

200So heute

Zertritt die Butterblumen im TanzWas tutsZermalme die kleinen roten Käfer im tollsten TaktTöte die dir aufspielen zum Tanz mit deinen tanzenden Sohlen

205Töte Grille und Heupferd

Tanze tanzeTöte töteSchon springst du mir in den NackenPuma

210Und tanzest auf meinen Knabenschultern

Yes Sir yes SirDen Jazz des Sommers.

Genug genug wilde NympheZieh dir den schwarzrotgestreiften Bademantel an

215Und komm auf den Tennisplatz

Henry der Trainer wartet schon auf die gnädige FrauDu schlägst die BälleZwei Dutzend BälleZwei Dutzend Menschenköpfe

220Haarscharf übers Netz

Keinen LiebesblickKeinen BallLäßt du aus.

Abends nach dem Essen

225Yes Sir yes Sir

Steppst du im blauen PyjamaBlauer Pyjama blauer Himmel blauer See – Wie ein japanischer RingerMit dem dicken gebräunten SharakugesichtBoxt der gewaltige Herr des Gutes

230Rittergutes

RaubrittergutesZeesen(Nach der Volkszählung von 1905 besaß der 352 Hektar umfassende Gutsbezirk Zeesen 25 Einwohner)Boxt die erhabene märkische Majestät

235Den Raum

Boxt mit Träumen mathematischen Reihen Börsenkursen und wilden ZiffernOberbedarfUnterbedarfMannesmann

240Weibesweib

Die Firmen Frisch Frank Fröhlich Frei haben Geschäftsaufsicht angemeldetYes Sir that/s my babyNoch ein Glas BowleElektrisches Licht überm Garten

245Sommernachtstraum

[58]Ein Gang noch mit den englischen Terriern

Kitty Bill Tipsy Bosko Fatty Step FapLicht ausHappy-end

250Week-end.

NachtsSchlafe ich schlechtDurch geöffnete FensterWandert die ganze Unterwelt

255Weiße Spinner kommen geflattert mit riesigen roten Augen

Spanische Fliegen mit fetten grünen BäuchenBraune Motten und kleine PerlmutterfalterSummende Mücken sirrende GnitzenIhnen nach die Königin des Dunkels

260Ihre Herrin und Vertilgerin

Die gefräßigeDie FledermausUnd am Boden raschelts: schwarze SchwabenAus der Mauer kriechen Tausendfüßler

265Alles lärmt und knackt und surrt und raschelt

Plötzlich trappt und trippelt’s auf den BohlenWie ein Pony trappelt und ein weißesTier steht wie gebäumt im RabenschwarzenWie ein Schimmel auf den Hinterbeinen

270Hebt die Vorderhufe drohend

Schnaubt gar grimmig durch die NüsternSchreien will ich mir verschlägts die SpracheDa – ein Sprung – das Tier hockt auf dem BettrandUnd umschlingt mich mit den weißen Armen

275Drückt die heißen Lippen auf die meinen

Yes Sir that/s my baby.

Mein steinernes Herz – – –Du glühst noch –

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