Dein Lebensgefühl
Dein Lebensgefühl
Dein tiefstes Lebensgefühl –wann hast du das gehabt?
Mit einem Freund?Immer allein.
Einmal, als du an der Brüstung des Holzbalkons standest,
da lag das Schloß Gripsholm, weit und kupplig,und da lag der Seeund Schweden,und die staubige Waldecke –
und auf der dunkelgrün etikettierten Platte sang ein Kerl im Cockney-Englisch: „What do you say …?“
und da fühltest du:Ich bin.
So war dein Lebensgefühl.Mit einer Frau?
Immer allein.
Einmal, als du nachts nach Hause gekommen bistvon einer vergeblichen Attackebei der großen Blonden,elegant-blamiert, literarisch hinten runtergerutscht,
gelackt, abgewinkt: danke, danke!
da standest du vor deinem runden Nachttischund sahst in das rosa Licht der Lampeund tatest dir leid, falsch leid, leidund fühltest:
Ich bin.
So war dein Lebensgefühl …In der Masse?Immer allein.
Es ist so selten,
das Lebensgefühl.
Casanova hatte es einmal.Vierter Band.Er sieht bei seiner Geliebten Rosalindezwei Kinder, die er ihr vor Jahren gemacht hat,
schlafend, in einem Bett, Mädchen und Knabe.
Sie zeigt sie ihm,hebt die Beckdecke hoch, die junge Sau,die Mutter,um ihn anzugeilen,
um ihm Freude zu machen,
was weiß ich.Und er sieht:wie der Knabe im Schlummer seine Hand auf den Bauch des Mädchens gelegt hat.„Da empfand ich“,
schreibt Casanova,
„meine tiefste Natur“.Das war sein Lebensgefühl.
Verschüttet ist es bei dir.Du wolltest leben
und kamst nicht dazu.
Du willst lebenund vergißt es vor lauter Geschäftigkeit.Du willst das spüren, was in dir ist,und hast eifrig zu tun mit dem, was um dich ist –
Verschüttet ist dein Lebensgefühl.
Wenn du tot bist, wird es dir sehr leid tun.Noch ist es Zeit –!
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