Die Sonne (Tucholsky)

[217] Die Sonne

Kind, die Sonne ist nur für die reichen Leute,unsereinen sengt sie, bis der Buckel schwitzt –heller Himmel macht dich traurig so wie heute,wenn du müde im Fabriksaal sitzt.

5„Bietet denn das Leben nicht uns allen Wonne?“

spricht der bürgerliche Philosoph.„Da ist euer Frühling, da ist eure Sonne!“Euer Frühling … Quergebäude, vierter Hof!

Zwischen diesen Furchen wächst ein fahles Pflänzchen,

10Leierkasten spielt, und eine Schelle klirrt,

Kinder juchzen, und sie drehn ein Tänzchen – –unser Frühling … ob das jemals anders wird?

Über soviel weite Straßen möcht ich wandern,soviel Felder liegen still im warmen Wind –

15einmal möcht ich glücklich sein wie jene andern,

die jetzt an der See und in den Bergen sind.

Du und ich und alle kommen doch nicht weiter,selbst der Enkel plackt sich noch als Arbeitsmann, –jenen scheint die Sonne, und sie denken heiter:

20Preußen, Kind, und Deutschland in der Welt voran!

Theobald Tiger

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