Silvester (Tucholsky)
[75] Silvester
Im niedern Zimmerzieht sich der Pfeifenrauch in dicken, blauen Schwaden.Der Nachtsturm rüttelt an den Fensterladen;die brave Lampe leuchtet mir wie immer.
5Wie stets glüht mir der rote Wein
im festen Glase mit dem Kaiserbilde;ein stiller Wein – er mundet mir so milde –ich träum ins Glas – was spiegelt sich darein?
Vier lange Jahre.
10Es hieß sich immer wieder, wieder ducken
und schweigen und herunterschlucken.Der Mensch war Material und Heeresware.
Das ist vorbei.Was ist uns nun geblieben?
15Wo ist das Deutschland, das wir ewig lieben?
Wofür die Plackerei?
Für nichts.Ich tue einen Zug – die Pfeife knastert –Was hat man uns gebetet und gepastert –
20Tag des Gerichts!
Und wißt ihr, wer uns also traf?Der Koksbaron und der Monokelträger,das Bürgerlamm und der Karrierejäger –Ihr lagt im Schlaf.
25[76]So wacht heut auf!
Wir trugen unser Kreuz und jene ihre Orden –wir sind gestoßen und getreten worden:Muschkot, versauf!
Vergeßt ihr das?
30Denkt stets daran, wie jene Alten sungen!
Ich aber komm euch in Erinnerungenein volles Glas –!
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